HOME

TV-Tipp: Bonusfamilie

Patchworkfamilien gibt es wie Sand am Meer. Oft sind sie konfliktträchtig. In Skandinavien werden sie hoffnungsvoll «Bonusfamilie» genannt. Stoff für eine Mini-Serie im Ersten.

Bonusfamilie

Katja (Anna Schäfer), William (Levis Kachel), Eddie (Fillin Mayer), Lisa (Inez Björg David), Martin (Steve Windolf), Patrick (Lucas Prisor) und Bianca (Louise Sophie Arnold) sind die «Bonusfamilie». Foto: BR/Sammy Hart/dpa

Konservativen Zeitgenossen dürften sich die Nackenhaare sträuben, doch es führt kein Weg drum herum: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Scheidungen und Trennungen zur Tagesordnung gehören - selbst wenn Kinder dabei in Mitleidenschaft gezogen werden.

So kommt es mehr und mehr zu Patchworkfamilien, in denen die Beteiligten sich oft mühsam zusammenraufen müssen. Im fortschrittlichen Skandinavien gibt es dafür den optimistischen Ausdruck «Bonusfamilie». Soll heißen, die Mitglieder verlieren nicht nur etwas, sondern gewinnen Angehörige dazu.

Das ist dann auch der Titel einer erfolgreichen schwedischen Fernsehserie, die seit Herbst 2017 über Netflix auch bei uns zu empfangen ist. Eine an deutsche Sehgewohnheiten angepasste Neuverfilmung zeigt Das Erste ab kommenden Mittwoch (20. November) in drei Doppelfolgen (jeweils 20.15 Uhr).

Regie führt Isabel Braak (31), die sonst unter anderem für den schwarzhumorigen ARD-Regionalkrimi «Die Bestatterin» verantwortlich zeichnet. Das Skript verfasste Antonia Rothe-Liermann. Im Gegensatz zum Original gibt ihre Version etwa den Kindern und verlassenen Partnern des neuen Paares mehr Raum. Entstanden ist ein unterhaltsam-nachdenklicher Spiegel der Gegenwart. Er dockt am TV-Mainstream an, zeigt aber im Rahmen einer Mini-Serie durchaus facettenreiche Charaktere und Lösungen für Probleme.

Das ist auch Verdienst der natürlich und zugleich differenziert spielenden vier Hauptdarsteller. Gedreht wurde in einer malerischen alten Villa, die laut Drehbuch dem perfektionistischen Gymnasiallehrer Patrick (Lucas Prisor, «Charité») gehört. Das Haus wurde von seiner kreativen neuen besseren Hälfte Lisa (Inez Björg David, «Verbotene Liebe») liebevoll bunt eingerichtet. Beide wollen für alle Beteiligten nur das Beste - und auf einen Rosenkrieg verzichten.

Dennoch bahnen sich die internen Konflikte schnell an. So ist Patricks höflicher Sohn William (Levis Kachel) genervt, weil er sein Zimmer mit Lisas revoltierendem Rotzlöffel-Jungen Eddie (Fillin Mayer) teilen muss. Ganz zu schweigen vom Frust der verlassenen Erwachsenen: Martin (Steve Windolf, «SOKO Köln»), der Ex von Lisa, muss aus Geldmangel wieder ins Häuschen seiner Mutter (Swetlana Schönfeld) ziehen. Mitsamt Teenie-Tochter Bianca (Louise Sophie Schönfeld), die mit der Situation vielleicht noch am besten zurechtkommt.

Und dann gibt es da noch Katja (Anna Schäfer), Patricks Verflossene und Mutter von William: Außer ihrer Mutterrolle für den Zehnjährigen und gelegentlichen sexuellen Treffs mit ihrem Chef steht für die Architektin erstmal ihre Karriere im Büro im Mittelpunkt.

Beim Pressetermin zeigen sich Lucas Prisor und Inez Björg David von der zwar eher leichtfüßig daherkommenden, dabei schwerwiegenden Thematik persönlich berührt. Wenngleich Prisor in seinem Leben noch keine Patchwork-Situation erlebt hat. «Familie ist für mich eine sehr wichtige Idee, die über die Grenzen von Freundschaft und einem sonstigen guten Miteinander hinausgeht», sagt der 36-Jährige (der im Drama «My Zoe» von und mit Julie Delpy gerade im Kino zu sehen ist) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Doch er merke, dass es wegen der Globalisierung und der Mobilität immer schwieriger werde, so ein Ideal zu erfahren. «Das vermisse ich ehrlich gesagt», sagt der Schauspieler - der eine beachtliche Theaterkarriere in Deutschland und Frankreich aufzuweisen hat und daher selbst recht mobil lebt.

David, gebürtige Dänin, hat dagegen zwei Kinder und ist nicht mehr mit deren Vater zusammen. «Durch die Trennung allein bist du ja schon Patchwork», meint die 37-Jährige. «Es gibt diesen einen Satz von Patrick, 'Dafür gibt es doch Absprachen' - da muss man auch selbst plötzlich viel zuverlässiger werden.»

Ihre eigenen Erfahrungen formuliert sie so: «Wenn man mit jemandem Kinder kriegt, möchte man, dass es funktioniert. Wenn es dann nicht funktioniert, dann ist es für alle auf gut Deutsch gesagt einfach scheiße. Es tut einfach weh. Direkt nach der Trennung ist oft Abstand für alle gut. Man sollte sich Infos holen, was die beste Lösung für alle ist.»

Wichtig sei, meint David, dass man sich dabei als Mensch entwickelt und erkennt: «Unser größtes Problem ist doch, dass wir oft Beziehungen eingehen, ohne zu wissen, wer wir sind.»

dpa
Themen in diesem Artikel