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WM-Kommentator Tom Bartels: Der Buhmann der Nation

Er hatte den undankbarsten Job des Abends: ARD-Reporter Tom Bartels erntete für seine Kommentierung des WM-Finals zwischen Deutschland und Argentinien in den sozialen Netzwerken viel Spott. Zu Recht?

Von Carsten Heidböhmer

Im Interview mit der "Bild am Sonntag" hatte er angekündigt, es nicht allen recht machen zu wollen - und er hielt Wort. Für seine Kommentierung des WM-Finals zwischen Deutschland und Argentinien erntete Tom Bartels in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter viel Kritik. Das hat Tradition in diesem Land, wo es nicht nur 80 Millionen Bundestrainer, sondern ebenso viele Sportkommentatoren gibt. Da ist das Urteil aus Sicht der Zuschauer schnell gefällt: Als "schlechtester Mann des Abends" wurde er geschmäht und von einigen Usern unflätig beschimpft.

Doch ist die zum Teil harsche Kritik auch berechtigt? Natürlich gibt es an Bartels' Worten vieles zu monieren. Sinnlose Aussagen ("Die Spezialkraft, die Jogi Löw mantragleich durchs Turnier kommentiert hat."). Falsche Bewertungen. Sätze, die im Nirwana endeten. Doch solche Fehler bleiben bei einer 120 Minuten andauernden Partie wohl nicht aus. Zumindest treten derlei Unsauberkeiten bei Bartels nicht öfter auf als bei den Steffen Simons, Béla Réthys und wie sie alle heißen.

Intereressant dagegen ein anderer Vorwurf, der wiederholt geäußert wurde: Bartels habe nicht emotional genug kommentiert, sei zu kritisch mit der deutschen Mannschaft gewesen. "Warum können unsere Kommentatoren nicht mal ein wenig parteiisch sein", lautete ein am Sonntagabend häufig geäußerter Vorwurf auf Twitter. Ein User stellte gar die Frage, ob Bartels mit GEZ-Gebühren aus Argentinien bezahlt werde. Ein absurder Vorwurf, wo doch die WM-Berichterstattung von ARD und ZDF seit Wochen für die fehlende Distanz zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft gescholten wird, als "Festival der Anbiederung und Schleimerei". (Harald Staun in der "FAZ").

"Manuel Messi" liefert den Witz des Abends

War Bartels den einen zu wenig für die deutsche Elf voreingenommen, warfen ihm andere genau das Gegenteil vor: Er würdigte die Leistungen der Argentinier nicht genügend: "Argentinien spielt besser, hat bessere Torchancen, hätte Sieg verdient - könnte man Tom Bartels mal so ins Ohr sagen", schrieb ein User stellvertretend für diese Fraktion bei Twitter.

Wir halten fest: Tom Bartels war einseitig den Argentiniern zugeneigt. Trug dabei aber eine schwarz-rot-goldene Brille und wusste deswegen die Leistungen der Argentinier nicht genügend zu würdigen. Damit aber noch nicht genug Gemaule: Es ist inzwischen regelrecht zum Volkssport geworden, vor dem Fernseher zu sitzen und auf Fehler des Kommentators zu lauern - nur um sogleich in sozialen Netzwerken darüber zu spotten. Dass Tom Bartels etwa den argentinischen Superstar einmal "Manuel Messi" nennt, ist ein verzeihlicher Fehler, wie er jedem hätte unterlaufen können. Bei Twitter wird daraus ein Riesen-Joke: Der Kommentator hat sich verplappert, was haben wir wieder gelacht!

Defizite sind vorhanden

So kratzt das Kommentatoren-Bashing stets nur an der Oberfläche, arbeitet sich an offensichtlichen Fehlern ab, kritisiert aber nicht das, was grundsätzlich zu bemängeln wäre. Dabei gäbe es durchaus einige Defizite:

- Bartels tendiert dazu, immer etwas zu viel zu reden. Er lässt die Bilder fast nie für sich sprechen. Ein Problem, das vor allem nach dem Schlusspfiff offenkundig wurde: Gerne hätte man den frisch gebackenen Weltmeistern einfach nur beim Feiern zugeschaut. Doch Tom Bartels sah sich genötigt, permanent Worte abzusondern. Etwas zu erklären, was gar keiner Erklärung bedarf. Das hat Bartels schon besser gemacht: Als Irland bei der EM 2012 kurz vor Schluss hoffnungslos zurücklag und 20.000 irische Fans das Lied "Fields of Athenry" anstimmten, stellte er die Kommentierung des Spiels komplett ein und ließ die Zuschauer an dem emotionalen Gesang teilhaben.

- Große Reporter vermögen es, das Geschehen auf dem Rasen begreifbar zu machen, die großen Momente und Brüche der Partie mit einfachen Worten und Formulierungen zu beschreiben, sodass auch Menschen ohne Trainerdiplom nachvollziehen können, was sich gerade ereignet. Herbert Zimmermann etwa gelang dies mit seinem Radio-Kommentar beim WM-Finale 1954, den noch heute jedes Kind kennt. Marcel Reif war früher zu solchen Momenten in der Lage. Und der große Radioreporter Günther Koch kann das. In diese Reihe gehört Tom Bartels nicht. Denn er tendiert dazu, immer nur über das zu reden, was ganz offensichtlich zu sehen ist, weswegen er etwa von dem Entertainer Jan Böhmermann als "Captain Obvious" bezeichnet wird. Er verdoppelt mit seiner Tonspur das Bild. Er ist keiner dieser großen Sportjournalisten. Daraus ist ihm aber kein Vorwurf zu drehen. Er ist ein solider Kommentator. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie gesagt, Tom Bartels hat sein Versprechen gehalten: Er hat es nicht allen Recht gemacht.