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Im Zweifel: Tommi Schmitt: "Warum bin ich so grumpy? Bin ich inzwischen ein Spießer? Ich bin in erster Linie ein Idiot."

Unser Autor setzt sich mit dem eigenen Älterwerden auseinander. Er trägt zwar noch keine beigen Klamotten, beobachte aber trotzdem schon ab und zu vom Fenster aus Mitmenschen beim Einparken.

Von Tommi Schmitt

Tommi Schmitt: "Warum bin ich so grumpy? Bin ich zum Spießer geworden?

In seiner neusten Kolumne hadert Comedy-Autor Tommi Schmitt (o.r.) vor allem mit sich selbst (Symboldbild)

Getty Images

Vor ein paar Jahren nahm ich mir vor: "Tommi, wenn du älter bist, machst du es anders. Dann bist du jemand, der die Popkultur der Teenager cool findet und nicht verächtlich darauf schaut." Seitdem sind beinahe 15 Jahre vergangen. Und, na ja, was soll ich sagen? Jetzt sehe ich mir die Charts und Mode der Jugendlichen an – und merke: Das wird ein verdammt schwerer Job. Ja, um ehrlich zu sein, finde ich sowohl die Klamotten als auch die musikalischen Präferenzen der 15- bis 20-Jährigen, mit Verlaub, ausgesprochen kacke. Die laufen in Turnschuhen herum, die in Größe und Anmutung eher einem Fiat Multipla entsprechen, und hören dabei Musik, deren qualitativer Anspruch den Crazy Frog beinahe unterbietet.

Während ich das hier aufschreibe, frage ich mich ernsthaft: Was ist bloß aus mir geworden? Warum bin ich so grumpy? Bin ich ein Spießer? Die Antwort ist simpel: Ich bin in erster Linie ein Idiot.

Tommi Schmitt: "Ich werde älter."

Ich habe nichts, aber auch gar nichts gelernt. Ich verhalte mich wie die Erwachsenen, die damals abschätzig meine Baggys, meinen tief sitzenden Rucksack und meinen Eminem verspotteten. Von denen ich mir beim Hören elektronischer Musik die süffisante Frage gefallen lassen musste: "Oh, hängt die CD?" Wie oft sagte man mir, meine Hose müsste mal zum Schneider, schließlich hätte sie ja Löcher am Knie. Und ich? Ich habe nichts Besseres zu tun, als nun genauso zu werden.

Gewissermaßen ist die Begründung einfach: Ich werde älter. Ich trage noch kein beige, beobachte aber trotzdem ab und zu vom Fenster aus Mitmenschen beim Einparken. Neulich passierte ich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen einen Sneaker-Store, vor dem sehr junge Leute kampierten, weil man dort am Folgetag einen neuen Schuh kaufen konnte. Ich blieb kurz stehen, schüttelte den Kopf und winkte in Richtung der Szenerie ab. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass sich da eine popkulturelle Trennung vollzieht. Ich habe keine Ahnung, was Twitch ist, kenne keine Youtuber. Die Charts wirken auf mich so abwechslungsreich wie die Innenstadt von Wolfsburg, und den Hype um die entsetzlichen Balenciaga-Klamotten begreife ich ohnehin nicht. Ich bin müde. Es gab eine Zeit, in der ich mich brennend für Social-Media-Innovationen interessiert habe. Aber TikTok, dieses hyperaktive, scatmanjohnartige Duckface-Guantanamo? Da bin ich raus!

Grumpy Baby

Wann bin ich so arrogant und ignorant geworden? Warum kann ich mit "denen" nichts anfangen? Klar, es ist schon irritierend, dass 16-Jährige Oliver Kahn nur als TV-Experten kennen und keinen Schimmer haben, wer Stefan Raab ist. Dass sie Wörter benutzen, die ich nicht kenne (was zum Teufel ist ein "weird flex"?), oder bereits in der sechsten Klasse auf einen 400-Euro-Gucci-Pulli sparen. Aber um ehrlich zu sein: Ich hätte das Gleiche gemacht. Meine Oma hätte vermutlich auch nächtelang Fortnite gezockt, aber das gab’s damals eben noch nicht. So ist das mit der Jugend: Die ist eigentlich immer gleich, was sich verändert, sind die Begleiterscheinungen.

"Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen."

Ich empfinde den überwältigenden Erfolg des Rappers Capital Bra als kurios. Dessen Fans können mein Unverständnis nicht verstehen, werden aber möglicherweise in 15 Jahren ebenso abschätzig ihre Köpfe schütteln, wenn die Teenager reihenweise zu den Konzerten von Superstar Alessio Lombardi pilgern. Es fängt alles immer wieder von vorn an. Der kluge Sir Peter Ustinov sagte dazu einmal: "Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen." Nun zitiere ich schon Ustinov, dabei wissen die Teens doch gar nicht mehr, welche DSDS-Staffel der überhaupt gewonnen hat.

Anyway. Ich muss zum Ende kommen, bei WDR 4 läuft gerade "In The Air Tonight" von Phil Collins. DAS war noch Musik! Und ich darf auf keinen Fall das Schlagzeug-Solo verpassen!

Tommi Schmitt, 30, lebt in Köln, arbeitet als Autor für diverse Fernsehsendungen, ist Teil des Podcasts "Gemischtes Hack" und grüßt alle, die ihn kennen.

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