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Nena Schink Nena war süchtig nach Instagram – hier erzählt sie, wie sie einen Ausweg fand

Journalistin und Autorin Nena Schink
"Für ein Foto habe ich 76 Mal posiert": Die 27-jährige Nena Schink war jahrelang süchtig nach Instagram
© Moritz Thau
Die Journalistin Nena Schink war süchtig nach Instagram. Im Gespräch mit dem stern erzählt sie, wie sie ihre Sucht überwunden hat – und warum sie es für gefährlich hält, wie sich Influencer, junge Frauen und Politiker auf der Plattform selbst inszenieren.

Die 27-jährige Journalistin Nena Schink war süchtig. Sagt sie. Ihre Droge: Instagram. Alles begann, so erzählt sie, mit einem Selbstversuch. Für einen Artikel für das "Handelsblatt"-Portal "Orange" versuchte Nena, zur Influencerin zu werden. Ihr Tag bestand von nun an aus liken, posen und retuschieren. Sie lebte für Instagram. Bis sie bemerkte, wie groß das Suchtpotenzial der App ist. Nach einem Wochenende ohne Handy fehlte ihr die App. Ihr wurde klar: Sie ist süchtig. Mittlerweile glaubt die Journalistin, dass Menschen ohne Instagram glücklicher sind. In ihrem neuen Buch "Unfollow! Wie Instagram unser Leben zerstört" will sie nun andere davon überzeugen. 

Nena, wie lange warst du heute schon auf Instagram? 

Das weiß ich ganz genau: eine Minute, um die Story einer Kollegin zu teilen. Das habe ich aber nur gemacht, weil es mein Buch betrifft und ich die Kollegin sehr schätze. 

Wie viele Leute haben sich deine Story schon angesehen? 

Wer sich meine Story anschaut, interessiert mich mittlerweile nicht mehr so sehr. Früher war das anders. Da war ich jeden Tag zwei Stunden auf Instagram. Meine Freundinnen und ich haben uns teilweise nur getroffen, um Fotoshootings zu machen. Eines meiner peinlichsten Fotos war ein Bikini-Foto von mir auf einer aufblasbaren Wassermelone. Für ein Instagramfoto habe ich 76 Mal posiert. 

Dabei beschreibst du dich als selbstbewusst und wirkst auch so. Warum hast du dich so sehr von der App und dem Selbstdarstellungsdrang mitreißen lassen? 

Ich glaube, dass wir uns alle von Instagram mitreißen lassen, aber es keiner zugibt. Die meisten Nutzer sagen, sie seien nicht süchtig. Aber dann frage ich mich, warum viele dieser Personen pro Tag zehn Storys hochladen, vor allem, wenn sie im Urlaub sind. Das ist doch kein normales Verhalten, das ist krank. Warum sollten wir unser ganzes Leben dokumentieren, wenn wir nicht süchtig nach einer digitalen Bestätigung sind? Warum postet man sein Mittagessen? Instagram lebt vom Sozialneid.

Es gibt auch andere Inhalte als Essensfotos. Künstler, Fotografen und ohnehin in der Öffentlichkeit stehende Personen, die auf ihre Inhalte aufmerksam machen wollen, vielleicht auch müssen.  

Natürlich ist nicht alles schlecht. Wenn Journalisten, Politiker oder Künstler über ihre Arbeit berichten wollen, unterstütze ich das. Ich finde, dass Politiker wie Christian Lindner mit ihrem Profil auf Instagram alles richtig machen, weil sie damit eine jüngere Zielgruppe erreichen. Aber das Profil unserer Digitalministerin Dorothee Bär gefällt mir zum Beispiel überhaupt nicht. Es zeigt ihr Geltungsbedürfnis und beschäftigt sich zu wenig mit Politik. Dann bezeichnet sie sich auch noch als "Instaloverin". 

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Der Countdown läuft! In 12 Tagen ist es wieder soweit: Fastnacht in Franken 🗽🎭 findet statt! Gibt es einen schöneren Termin im Jahr? Ich glaube nicht. Nur wenige vielleicht... Und wie jedes Jahr stellt sich die Frage aller Fragen: „Was ziehe ich bloß an?!?“ Dieses Jahr wurde meine Idee nicht genommen. Mein Mann hat sich durchgesetzt. Also - solltet Ihr Kritik üben, dann nicht hier auf meiner Seite. Rüber gehen zum @droliverbaer ;-) Wenn es Euch aber gefallen sollte, dann bitte hier bei mir kommentieren. Schließlich habe ich letztendlich zugestimmt 😉 Was würdet Ihr denn vorschlagen? Bzw. worin würdet Ihr uns gerne mal sehen? Vorschläge sind sehr Willkommen! #fif #fastnachtinfranken @br_franken #fasching #fastnacht #karneval #helau

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Aber ist es so schlimm, eine Social-Media-Plattform mit Suchtcharakter zu lieben? Es ist ja auch nichts Verwerfliches daran, Wein und Schokolade zu lieben. Problematisch wird es erst, wenn man jeden Tag viel zu viel davon trinkt und isst.

Ich bezweifle, dass sich eine Digitalministerin öffentlich als Weinliebhaberin bezeichnen würde, glaube aber, dass Instagram süchtiger machen kann als Wein. Es gibt doch kein größeres Wort, als ein Lover zu sein. Wenn man ein Lover ist, sieht man keine negativen Seiten einer Plattform oder eines Menschen. Eine Digitalministerin kann keine Instaloverin sein, wenn man sich Studien über Instagram ansieht. Und was sendet das denn für ein Signal an die Eltern? Das ist anscheinend eine gute Plattform, auf der sich ihre Kinder so viel herumtreiben, wenn unsere Digitalministerin sich als Instaloverin bezeichnet. 

Wie sollte sie Instagram stattdessen nutzen? 

Eine Digitalministerin muss über die Gefahren von Instagram aufklären. Sie könnte politische Inhalte statt privater posten.

Christian Lindner postet auch ab und zu private Fotos, Pärchenfotos zum Beispiel. 

70 Prozent Job und 30 Prozent Privatleben halte ich für gut. Wenn Christian Lindner nicht auch mal ein Selfie oder ein Pärchenbild posten würde, würde ihm keiner folgen.

Ich finde, da heiligt der Zweck die Mittel. Mein Buch ist auch viel Selbstdarstellung. Aber mir ist kein anderes Mittel eingefallen, um die Message rüber zu bringen. Ich finde, wenn das Hauptmotiv Inhalte sind, ist es völlig in Ordnung mal was Persönliches zu posten. Aber bitte nicht sein ganzes Leben wie ein Influencer. Wer sich dazu entschließt, muss auch die negativen Seiten des Lebens zeigen. Es muss ja nicht gleich der Herpes sein wie bei Cathy Hummels. 

In deinem Buch beschreibst du an einer Stelle, wie einsam du dich manchmal fühlst, wenn du als Reporterin alleine am Flughafen sitzt: eine für dich negative Seite deines Jobs, die auch du bisher nie auf Instagram gezeigt hast.  

Jetzt würde ich das machen. Inszenierte Fotos von meinem Rollkoffer wird man ab jetzt nicht mehr sehen. 

Du bist Journalistin, hast dich aber teils wie eine Influencerin inszeniert. Damit bist du nicht die Einzige. Vor allem junge Journalistinnen auf Instagram stellen sich immer mehr wie Influencerinnen dar, indem sie zum Beispiel leicht bekleidete Fotos posten, um auf ihre Texte aufmerksam zu machen. Manchmal schreiben sie noch dazu, wie feministisch und selbstbefreiend das sei. Wie siehst du das? 

Ich habe manchmal das Gefühl, dass junge Frauen das Wort Feminismus nur benutzen, um ihre Bikinibilder posten zu können. Sexy Bilder haben aber nichts mit Feminismus zu tun. Das ist auch kein Akt der Selbstbefreiung. Das ist einfach nur blöd. Das gilt auch für Männer. Ein Bild von einem Mann in Badehose hat auch nichts mit Selbstbefreiung zu tun. Früher wurden sexy Aufnahmen für den Playboy gemacht, heute sind das auf einmal alles Feministinnen. Manche Instagramprofile sind schon nackter als im Playboy. Man muss sich doch auch mal überlegen, wer sich das anschaut.

Einige Frauen, die sich für Body Positivity einsetzen, sagen, sie fühlten sich bestärkt durch Fotos halbnackter Frauen, die keine extrem schlanken Models sind. 

Mag sein, dass sich manche Frauen durch Bilder von eher kurvigen Frauen bestärkt fühlen. In meinem Verlag hat eine Kollegin ihre Bachelorarbeit über Body Positivity geschrieben. Dabei ist rausgekommen, dass das auch Fake ist, weil die ebenfalls alle ihre Bilder bearbeiten.

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Was ist dein Rat: Sollte man gar nichts mehr posten?

Nein, auf keinen Fall. Wir können uns ja nicht gegen den Fortschritt stellen. Ganz damit aufzuhören oder die App zu löschen, wäre rückschrittlich, gerade als Journalistin. Man darf schöne Momente posten, das sollte man sogar, aber jeder muss mehr darüber nachdenken, was er postet. Kürzlich hat mich ein fremder Mann auf Instagram angeschrieben und gefragt, wo denn das Bikini-Foto auf der Wassermelone sei. Und ob ich das nicht noch mal in einem rosa Bikini machen könnte, er würde es mir abkaufen. Eine Freundin von mir hat eine Story aus ihrer Nachbarschaft gepostet und hat daraufhin eine Nachricht von einem Fremden bekommen, der schrieb: "Endlich weiß ich, wo du wohnst." Diese beiden Beispiele haben mir nur noch ein weiteres Mal gezeigt, wie gefährlich Instagram ist.

Du sagst, du hättest deine Instagram-Sucht nun überwunden. Was sind deine besten Tipps gegen die Sucht? 

Erstens: Einen Timer stellen. Wenn ich 20 Minuten am Tag überschritten habe, stelle ich die App aus.

Zweitens: Meine App ist nicht mehr auf meiner Startseite, sondern ich muss dreimal nach rechts wischen. Das hilft tatsächlich.

Drittens: Alle Accounts durchgehen und überlegen: Macht der Account mir Spaß, bringt der mir was? 

Der vierte Punkt ist: Weniger posten. Ich finde, man sollte sich fragen: Warum poste ich das jetzt? Was ist der Mehrwert? Vielleicht auch mal ein bisschen empathisch sein und sich fragen: Was ist der Mehrwert für die anderen?  

Buch "Unfollow!"
"Unfollow" von Nena Schink. Eden Books, 240 Seiten, 14, 95 Euro.
© Eden Books

Und zum Schluss: Niemand spielt gerne den Fotografen. Vielleicht sollte man auch mal hinterfragen, ob es einer Person überhaupt Spaß macht, mich zu fotografieren.

Was mir geholfen hat, war, in die Theorie einzutauchen. Ich wusste nicht, dass selbst der ehemalige Präsident von Facebook davor warnt. Und ich wusste auch nicht, dass Facebook Psychologen angestellt hat, die nichts anderes machen, als dafür zu sorgen, dass ich möglichst lange auf der Plattform bleibe. Diese Fakten haben mir dabei geholfen zu verstehen, wie krank Instagram macht und das hält mich von der App ab. Denn ich möchte nicht von anderen Menschen konditioniert werden wie ein Hund.

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