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Alt-Ministerpräsident: Promi-Geburtstag vom 28. Januar 2020: Kurt Biedenkopf

Die junge Generation kennt Biedenkopf vor allem als früheren Regierungschef Sachsens. Dabei hat er schon in den 1970er Jahren als CDU-Generalsekretär im Westen Geschichte geschrieben. Zu seinem 90. Geburtstag wird er mit einer Festveranstaltung in Dresden geehrt.

Kurt Biedenkopf

Kurt Biedenkopf: «Man wird alt, wenn man nicht mehr neugierig ist.». Foto: Michael Kappeler/dpa

«Führen bedeutet dienen und nicht befehlen», sagt der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU). Vor der Landtagswahl 2019 hat er seiner Partei im Freistaat im Wahlkampf den Rücken gestärkt.

Er war auch am Tag der Entscheidung mit seiner Frau Ingrid vor Ort - obwohl die Ergebnisse für die Sachsen-CDU weit unter denen seiner eigenen Amtszeit lagen. Drei Mal holte «König Kurt» für die sächsischen Christdemokraten bei Landtagswahlen die absolute Mehrheit - davon ist die Partei seit 15 Jahren weit entfernt. Heute wird Biedenkopf 90 Jahre alt.

Nicht nur der Geburtsort Ludwigshafen verbindet Biedenkopf mit Helmut Kohl. Beide waren als Generalsekretär und Parteichef ein Duo. Nachdem Kohl 1973 den Parteivorsitz übernahm, lief es aber nicht lange gut mit den beiden. Da auch Biedenkopf Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt wurden, kam es schon bald zum Zerwürfnis. Später war er unter anderem Chef der CDU-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Bundestages. In die allererste Reihe der deutschen Politik kehrte er aber erst im Zuge der Wende in der DDR zurück - auf Empfehlung von Lothar Späth, damals CDU-Chef in Baden-Württemberg.

«Ich wurde von Lothar Späth gefragt zu nächtlicher Stunde, ob ich bereit bin, nach Sachsen zu gehen», erinnert sich Biedenkopf. Späth habe das für unbedingt erforderlich gehalten. Andere Leute, die zur Diskussion standen, wollten nicht, seien wieder abgesprungen oder nicht geeignet gewesen. «Ich antwortete Lothar Späth, ich könne das nicht jetzt entscheiden, erst morgen früh. Er wollte dann, dass ich um 7 Uhr zurückrufe, ich konnte noch eine Stunde mehr aushandeln. Ich habe dann mit meiner Frau gesprochen, und wir sind zu der Entscheidung gekommen: Wir können das nicht ablehnen.»

«Ich bin damals freiwillig nach Sachsen gekommen, um zu helfen - nicht um zu regieren (...). Ich kam nicht nach Sachsen, um zu befehlen und Macht zu beanspruchen», sagt der Mann, der Modelleisenbahnen liebt und den die Sachsen bald «König Kurt» nannten. Ehefrau Ingrid übernahm die Rolle der Landesmutter, avancierte zur Mitregentin. Legendär ist ihr Ausspruch «Seit wir Ministerpräsident sind...». Ingrid wurde schon bald zu einer Art Kummerkasten der Bevölkerung. Viele wandten sich persönlich an sie, wenn sie etwa eine Wohnung brauchten oder der Telefonanschluss zu lange auf sich warten ließ.

Sachsen erlebte mit Biedenkopf eine Gründerzeit. Das war freilich nicht nur sein Verdienst. Doch er steuerte das Land souverän durch eine schwierige Nachwendezeit. Später bekam sein Nimbus Kratzer. In der Paunsdorf-Affäre wurde ihm vorgeworfen, für ein Behördengebäude in Leipzig einen erhöhten Mietpreis für einen Duzfreund durchgesetzt zu haben. Im Möbelhaus Ikea wollte er gemeinsam mit seiner Frau einen Rabatt. Zudem gab es Kritik am Führungsstil Biedenkopfs, der nur selten eine zweite Meinung neben seiner gelten ließ. So gab er schließlich 2002 zur Hälfte der Legislaturperiode sein Amt auf.

«Man wird alt, wenn man nicht mehr neugierig ist», sagte Biedenkopf später in einem Interview. Gern erklärte er die Welt, nicht selten dozierend. Das ist heute etwas anders. Biedenkopf hört mehr zu. Die Menschen von heute nimmt er verunsichert wahr. «Was im Augenblick passiert, ist ein kaum noch kontrollierbarer Druck, die Dinge ständig neu zu machen», sagt er und verweist auf die Digitalisierung: «Wenn man die Leute auf der Straße danach fragt, was das eigentlich ist, dann haben sie meist keine Ahnung. Die Menschen haben Angst davor, ihren Job zu verlieren.»

Biedenkopf verweist auf die Globalisierung und Wanderungsbewegungen. Auch die Entwicklung Chinas beschäftigt den Professor: «Als ich vor 50 Jahren das erste Mal in China war, riet man mir, Taschenrechner als Gastgeschenk mitzunehmen. Heute haben die Chinesen in einigen Bereichen die besten Technologien.» Es habe riesige Umwälzungen auf der Erde gegeben. Manche Menschen kämen da nicht mehr hinterher. «Das Fundament, auf dem die Gemeinschaft aufbaut, ist erzittert», lautet ein Fazit Biedenkopfs. Auch die Vertrauenskrise der Politik sieht er letztlich in dieser Verunsicherung begründet.

Auf seine Parteifreundin Angela Merkel hält Biedenkopf große Stücke. Nur zwei Entscheidungen der Kanzlerin kann er nicht nachvollziehen: den Atomausstieg und die Öffnung des Landes für Zehntausende von Flüchtlingen im Herbst 2015. Nicht diese Geste an sich hält er für falsch. Doch Merkel habe nicht richtig erklärt, warum Deutschland in dieser Situation helfen müsse. Dennoch attestiert Biedenkopf Merkel hervorragende Führungsleistungen - insbesondere auf europäischer Ebene: «Diese Frau ist in jeder Hinsicht bewundernswert, sie ist aber auch erschöpft.»

Wenn Biedenkopf am 28. Januar seinen 90. Geburtstag in Dresden begeht, ist die Kanzlerin mit dabei. Die Konrad-Adenauer-Stiftung feiert dann 30 Jahre friedliche Revolution und die Neugründung Sachsens gemeinsam mit Biedenkopfs Ehrentag. «Veränderung als Chance - Chance der Veränderung» hat die Stiftung ihr Programm betitelt. Der Satz könnte auch einem Vortrag Biedenkopfs entstammen.

dpa