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Architekt ohne Zuhause: Promi-Geburtstag vom 17. November 2019: Rem Koolhaas

Die Ideen des Architekten Rem Koolhaas beeinflussen den Städtebau in der ganzen Welt. Mit Riesengebäuden, in denen 10.000 Menschen arbeiten, hat er ebenso wenig ein Problem wie mit wuchernden Metropolen. Er lebt die Veränderung.

Rem Koolhaas

Rem Koolhaas wird 75. Foto: Ulf Mauder/dpa

Rem Koolhaas ist Architekt, aber vielleicht noch mehr Denker. Die größte Wirkung entfaltet er nicht durch seine Gebäude, sondern seine in dicken Büchern ausgebreiteten Ideen.

Im Fokus steht dabei nicht mehr die über Jahrhunderte gewachsene europäische Stadt, sondern die binnen weniger Jahre aus dem Boden gestampfte asiatische Millionenmetropole. Heute wird Koolhaas 75 Jahre alt.

Koolhaas kommt aus Holland, aber er wuchs nicht zwischen putzigen Grachtenhäusern auf, sondern im von deutschen Bombern zerstörten Rotterdam und in Indonesien. Zunächst wurde er nicht Architekt, sondern Journalist und Drehbuchschreiber. So war er Co-Autor des bis dahin teuersten niederländischen Films «Die weiße Sklavin» (1969), der an den Kinokassen gewaltig floppte. Erst 1968 begann er ein Architekturstudium. «Schreiben und Bauen sind eng verwandt», ist seine Überzeugung. Beides seien Kommunikationsformen.

Während seines Studiums beschäftigte er sich intensiv mit der Berliner Mauer. Ihr wesentliches Kennzeichen war für ihn, dass sie die Stadt in eine gute und eine schlechte Hälfte teilte: Im Osten fantasierte man über das Leben im Westteil, das großenteils im Verborgenen ablief. Dass die Vorstellungen teilweise überzogen waren, zeigte sich erst nach dem Mauerfall.

Koolhaas' Durchbruch kam noch bevor er auch nur ein einziges Gebäude errichtet hatte: 1978 veröffentlichte er das Buch «Delirious New York». Darin entwickelte er die Idee der «Hyperdichte»: New York ist demnach gekennzeichnet von dem Gegensatz zwischen der rigiden schachbrettartigen Straßenführung einerseits und der darauf entstehenden architektonischen Vielfalt.

Davon ausgehend entwickelte Koolhaas mit der Zeit das Konzept der «Generic City», der «unspezifischen» oder auch geschichtslosen Stadt. Die Metropolen der Südhalbkugel wachsen nicht geplant, sondern wuchern unkontrolliert immer weiter. Koolhaas akzeptiert das wie ein Naturereignis. «Gleichzeitig versucht er, in diesem Chaos Zonen abzugrenzen, Flächen zu schaffen für die Öffentlichkeit», erläutert der Kunsthistoriker Holger Liebs in der Dokumentation «Rem Koolhaas - A Kind of Architect».

Die von Koolhaas und seinem «Office for Metropolitan Architecture» (OMA) geschaffenen XL-Bauwerke sind für sich genommen schon kleine Städte. So arbeiten in der von ihm entworfenen Sendezentrale des chinesischen Staatsfernsehens in Peking jeden Tag mehr als 10.000 Menschen. Der sogenannte CCTV Tower, den Koolhaas zusammen mit dem Deutschen Ole Scheeren erbaute, hat dabei die Form einer in den Raum gefalteten Schleife - es ging nicht um einen neuen Höhenrekord.

Das Gebäude - eines der größten der Welt - wurde 2013 als «Bestes Hochhaus» ausgezeichnet. Die Arbeit im Dienste der chinesischen Staatspropaganda hat Koolhaas allerdings auch viel Kritik eingebracht.

Eine vielzitierte Aussage von Koolhaas lautet «fuck context» - «scheiß auf den Zusammenhang». Damit ist gemeint, dass man sich nach seiner Auffassung als Architekt und Stadtplaner nicht zu sehr von der gewachsenen Struktur beeinflussen lassen sollte. Wenn die Häuser drumherum eine bestimmte Höhe haben, muss das nicht unbedingt heißen, dass man in dieser Höhe weiterbaut. Wichtiger ist für ihn die Frage, was für die derzeit dort lebenden Menschen am Besten ist. Koolhaas ist kein Nostalgiker - er lebt die Veränderung und sagt von sich selbst, dass er keine Heimat, kein richtiges Zuhause habe: «Ich habe sprichwörtlich überall gelebt, in Holland, in Indonesien, lange Zeit in New York, in England, pro Jahrzehnt etwa in einem anderen Land.»

Allerdings betont er, dass das «Fuck context»-Zitat oft aus dem Zusammenhang gerissen werde. In einer historischen Stadt wie Berlin - wo er die Niederländische Botschaft gebaut hat - würde er die Umgebung selbstverständlich nicht ignorieren: «Kontext ist alles.» Dennoch halten Kritiker ihm vor, er verschreibe sich der Konsumgesellschaft, für die nur der aktuelle Nutzwert zähle und die auf Dauer jede Besonderheit einebne.

Koolhaas sieht das anders. Ihm geht es nach eigenen Worten darum, dass die Menschen in seinen Gebäuden glücklich sind - und zwar auch solche ohne Geld. In der von ihm erbauten Zentralbibliothek von Seattle sind zum Beispiel ausdrücklich auch Obdachlose willkommen: «Darauf bin ich besonders stolz! Es war etwas, was wir gezielt entworfen haben. Es gibt zum Beispiel extra Bäder für sie.»

dpa