Als "King Eric" gefeiert, als "Kung-Fu-Eric" gefürchtet: Der französische Ex-Fußballer Eric Cantona, der am 24. Mai 60 Jahre alt wird, gilt bis heute als eine der schillerndsten, gleichwohl kontroversesten Persönlichkeiten, die je unter König Fußball gedient haben. Sein technisch versiertes Spiel, der provokativ nach oben geklappte Trikotkragen und seine mitunter extrem kurze Zündschnur auf dem Platz waren allesamt hollywoodreif - kein Wunder also, dass es Cantona nach seiner aktiven Zeit als Spieler auch in der Traumfabrik überraschend weit geschafft hat.
Geborener Hitzkopf
Der seit seiner frühesten Jugend fußballbegeisterte Cantona schaffte für damalige Verhältnisse extrem früh den Sprung in den Profifußball. Erstmals stand er in der Saison 1983/84 für AJ Auxerre im Profikader. Sein damaliger Förderer Guy Roux wusste bereits bestens über Erics Stärken und Schwächen Bescheid. Als "ein Genie mit einem schwierigen Charakter" bezeichnete er den Hitzkopf, dessen Temperament er jeden Tag mit "viel Vertrauen und Wärme" besänftigen musste.
Den Ruf als "Enfant terrible" hatte Cantona dennoch früh inne. Sein Auftreten auf dem Platz wurde gerne als arrogant wahrgenommen, der stets hochgeklappte Trikotkragen half nur bedingt, diesem Image entgegenzuwirken. Hinzu kam, dass er zuweilen noch nicht einmal den eigenen Spielern gegenüber seine Nerven im Griff hatte. Mit Torwart Bruno Martini geriet er einst im Training so heftig aneinander, dass er seinen Mitspieler mit einem Faustschlag zu Boden schickte.
Einige Jahre später, Cantona kickte inzwischen für Montpellier HSC, gab es die nächste Tracht Trainingsprügel. Dieses Mal legte er sich mit Jean-Claude Lemoult an, dem er zuvor einen Schuh ins Gesicht geworfen hatte. Das halbe Team wollte daraufhin nicht mehr mit dem Rüpel spielen, doch dessen sportliche Bedeutung für das Team überwog den eigentlich angebrachten Konsequenzen eines Rauswurfs.
Rücktritt vom Rücktritt und ein Kung-Fu-Tritt
Gerade erst sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass der Ex-Nationalspieler Niklas Süle mit nur 30 Jahren seine Karriere beendet. Cantona war am 16. Dezember 1991 sogar erst 25 Jahre alt, als er seinen Rücktritt vom Profifußball verkündete.
Allzu lange währte der Ruhestand aber nicht. Nur rund drei Monate später und dank des damaligen Nationaltrainers Michel Platini heuerte Cantona in der englischen First Division, der Vorgänger-Liga der heutigen Premier League, an. Und tatsächlich: Mit seinem Verein Leeds United holte Cantona überraschend die Meisterschaft. Auch in der daraufhin neu gegründeten Premier League schrieb er umgehend Geschichte: Durch einen Dreierpack wurde Cantona der erste Spieler der Premier League mit einem Hattrick.
Es folgte Cantonas Glanzzeit im Profifußball. In fünf Jahren bei Manchester United holte sein Team vier Mal die Meisterschaft. Auch in der französischen Nationalmannschaft wurde er immer wichtiger und führte die Équipe Tricolore schließlich gar als Kapitän aufs Feld. Wo seine Nationalmannschaftskarriere wohl hingeführt hätte, wären ihm am 25. Januar 1995 nicht alle Sicherungen durchgebrannt?
In einer Partie gegen Crystal Palace flog der Fußballer nach einem rüden Foul in der 48. Minute vom Platz - so weit, so Cantona. Doch als ein Fan des gegnerischen Teams ihn dann auch noch mit Schimpfwörtern und Augenzeugen zufolge dem Hitlergruß provozierte, sah Cantona komplett rot und trat dem Mann mit gestrecktem Bein voraus in den Bauch.
Beinahe wäre Cantona für die Attacke im Knast gelandet, stattdessen wurde er insgesamt für neun Monate für sämtliche Pflichtspiele gesperrt - also auch für die Nationalmannschaft. Statt seine Nation als Kapitän zu vertreten, beendete der Kung-Fu-Tritt schlagartig seine Länderspiel-Karriere. Denn auch nach abgesessener Sperre spielte er nie wieder für Frankreich. So gesehen zertrat er am 25. Januar 1995 seine Chancen, ein französischer Nationalheld werden zu können.
Und dennoch: An dem Vorfall bereue er nur eine Sache, beteuerte Cantona über zehn Jahre später in einem Interview: "Ich hätte ihn härter treten sollen." Einst nach den Höhepunkten seiner Karriere gefragt, antwortete er zudem: "Ich hatte viele gute Momente, aber der schönste war der, als ich den Hooligan getreten habe."
Das zweite Standbein namens Schauspielerei
Besagte Karriere als Fußballer endete 1997, Cantona verabschiedete sich noch einmal als Premier-League-Meister und Supercup-Sieger. An einem weiteren Standbein hatte er aber bereits vorher geschraubt: 1995, im Jahr seiner langen Sperre, wirkte Cantona erstmals in einer Filmproduktion mit - "Das Glück liegt in der Wiese", eine französische Komödie.
Eine Eintagsfliege blieb Cantona als Schauspieler keinesfalls. Bereits 1998 spielte er im Historienfilm "Elizabeth" an der Seite von Größen wie Cate Blanchett, Richard Attenborough und Vincent Cassel mit. In über 20 weiteren Produktionen war er in der Folgezeit zu sehen, darunter in der Komödie "Looking for Eric", in der er sich natürlich selbst verkörpert. Seine bislang letzte Filmrolle hatte Cantona in John Woos Actionthriller "The Killer" inne - als skrupelloser Gangsterboss.
Über die Unterschiede seiner beiden Leidenschaften sinnierte Eric Cantona: "Im Fußball hat man einen Gegner. Als Filmschauspieler ist man sein eigener Gegner." Gestellt hat er sich allen.