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Oscar-Gewinnerin: Wie Gwyneth Paltrow mit ihrer Psycho-Drogerie für Superreiche Geld scheffelt

Gwyneth Paltrow, immerhin Oscar-Gewinnerin, verdient ihre Millionen nun mit teuren Tiegeln und Tantrasex.

Von Jochen Siemens

Gwyneth Paltrow: So scheffelt sie mit ihrer Psycho-Drogerie Geld

Grün geht immer: Gwyneth Paltrow im Januar dieses Jahres in New York

Einmal saß ich in ihrer Nähe. Hollywood, großer Saal, ein Abendessen. Sie, Gwyneth Paltrow, an einem runden Tisch, links von ihr Ben Affleck, rechts, wenn ich mich recht erinnere, Meg Ryan. Und ich ein paar Tische weiter, happy Zaungast. Es gab drei Gänge, und ich bin bis heute sicher, dass Gwyneth Paltrow nichts davon gegessen hat und Ben Affleck wahrscheinlich auch nicht, weil: Sie redete. Die ganze Zeit. Immer in das Ohr von Affleck oder in das Ohr von Meg Ryan, und wenn die mal nicht zuhörten, in das Ohr des Kellners.

Paltrow war damals Hollywoods most sexy Upperclass-Elfe, schlank, blond, gesund; sie hatte schon Brad Pitt als Freund hinter sich, nun wohl Ben Affleck an der Hand, Patentochter von Stephen Spielberg. Ihre größte Grenzüberschreitung bestand darin, eine Rolle in einem Fettanzug gespielt zu haben (der Film hieß "Schwer verliebt").

Gwyneth Paltrow sieht zehn Jahre jünger aus

Filme dreht sie heute kaum noch, was mit ihrer Work-Life-Balance zu tun hat. Es könne schon sein, dass sie wieder ins Kino zurückkomme, sagte sie neulich. Abseits davon hat Gwyneth aus ihrer intensiven Beschäftigung mit sich selbst ein Unternehmen geformt, das den Namen "Goop" trägt. Das doppelte O ist ein alter New-Economy-Trick, ausgesprochen "uuu". "Yahoo" und "Google" sind damit reich geworden.

Eigentlich ist "Goop" ein Shop für Kosmetik, Kleidung und Lifestyle-Krimskrams, aber das ist natürlich viel zu klein ausgedrückt. "Goop", dessen Wert die "New York Times" auf 250 Millionen Dollar schätzt, ist ein bemerkenswertes Kaufhaus für diejenigen, die darunter leiden, schon alles zu besitzen. Und die im Konsum längst nicht mehr Status oder Stolz suchen, sondern Sinn. Nun könnte man Sinn auch in einer Dose Nivea-Creme suchen, aber so geht das bei den Reichen nicht. Nivea-Creme kann ja jeder haben. Eine Nachtcreme von Juice Beauty für 150 Euro ist schon spezieller. Man könnte "Goop" als eine Art Douglas-Filiale für Superreiche verstehen, aber Gwyneth Paltrow, die ihr Unternehmen 2008 mit nur einem Newsletter und Rezepten begann, redet eben gern und viel und hat "Goop" zu einer Welt umgestaltet, in der das Wort "Wellness" zu Geld gemacht wird. Zu sehr viel Geld.

Total gut drauf: Im Januar traf sich Paltrow mit dem Model Elle McPherson (l.), der Medien-Frau Arianna Huffington, der Schauspielerin Demi Moore, der Visagistin Gucci Westman und der Unternehmerin Gregg Renfrew zum "Goop"-Gesundheits-Gipfel in New York

Total gut drauf: Im Januar traf sich Paltrow mit dem Model Elle McPherson (l.), der Medien-Frau Arianna Huffington, der Schauspielerin Demi Moore, der Visagistin Gucci Westman und der Unternehmerin Gregg Renfrew zum "Goop"-Gesundheits-Gipfel in New York

"Wellness ist vielleicht das Ergebnis, wenn man zu viel von allem hat", bemerkte spitz eine Reporterin der "New York Times". Sie amüsierte sich über einen Trend aus Yoga, Antioxidantien und Hafer- oder Mandelmilch – "diese Milch aus Substanzen, die man gar nicht melken kann".

Diese naturchemistisch-esoterische Weltsicht ist nicht neu, aber selten kommt sie mit einem so frischen Gesicht daher. Gwyneth Paltrow sieht mit 46 so aus, wie andere es mit 36 nicht schaffen. Sie behauptet, schon vor Jahren für glutenfreies Essen geworben zu haben, bevor irgendjemand wusste, was Gluten eigentlich ist. Sie zeigte vor Kameras ihren nackten Rücken, auf dem Abdrücke einer Saugtassenbehandlung zu sehen waren. Und sie ließ sich, weil es gesund sein sollte, von einer Biene stechen. Das macht sie heute aber nicht mehr.

Und so ist "Goop" ein meist sandfarbenes, schamanisch und esoterisch bestäubtes Waren- und Eventhaus geworden, voll mit Dingen, von denen man bislang nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Tibetisches Gehirn-Tonic für 62 Euro. Ein "Inner Beauty"-Pulver für die Nacht, einzurühren in, natürlich, Mandelmilch, 66 Euro. Die Duftkerze mit dem Aroma "Church" für 79 Euro und seidene Schlafmasken für 215 Euro. Alles einzupacken in eine handgefertigte Strohtasche von Sanayi 313 für 2344 Dollar – immerhin mit ein paar Muscheln verziert! Und nicht vergessen: der "Vesper Vibrator" mit Halskette für 164 Euro. Ein Vibrator?

Heilende Edelsteine

Mit einer gewissen Nonchalance stellt "Goop" auch stylishes Sexspielzeug ins Regal, und es gehört zu Paltrows Mantra, die Vagina zu einem ebenso pflegebedürftigen Körperteil zu zählen, wie Hände und Füße es sind. Aber natürlich in Highend. Für Aufregung sorgte eine von ihr empfohlene koreanische Dampftherapie für untenrum. Später gab es ein Jade-Ei, das vaginal einzuführen sei – zu Heilungszwecken. Der schmale "Vesper Vibrator", der im Normalbetrieb 90 Minuten arbeitet und via USB-Kabel aufzuladen ist und der sich auch als normaler Schmuck tragen lässt, wird flankiert von sehr lustigen bunten Dildos, die "Tennislehrer", "Franzose", "Feuerwehrmann" und "Millionär" heißen. So viel zu den Sexfantasien von "Goop"-Frauen, die auch schon vergoldete Handschellen orderten, leider aktuell ausverkauft. "Weniger verspannt mit besseren Orgasmen", so das "Goop"-Motto, zu dem Paltrow persönlich in Wellness-Seminaren für 500 bis 4500 Dollar Eintritt über "tantrischen Sex" und "erotische Spannung" referiert.

Beste Lage: Der Londoner "Goop"-Laden findet sich im Stadtteil Notting Hill

Beste Lage: Der Londoner "Goop"-Laden findet sich im Stadtteil Notting Hill

Die "sexuelle Gesundheit von Frauen", so behauptet Paltrow engagiert, paare sich auch immer mit Neugierde. "Wir sind Vorreiter", sagt sie. "Wir erzählen von Sachen, von denen Sie noch nie gehört haben." Das Jade-Ei brachte ihr dann doch einigen Ärger ein. Kalifornische Staatsanwälte verklagten "Goop" wegen irreführender Werbung, denn so ein Ei sei vielleicht ein Stimulator, aber kein Medikament. Es ist nun nicht mehr im Angebot.

Es ist wie oft auf diesen Marktplätzen der Wundertinkturen, Pulver und Cremes, die angeblich vieles können und mal von Naturheilern und von Quacksalbern verkauft werden: Sinnvolles lässt sich schwer von Sinnlosem unterscheiden. Paltrow wird dafür kritisiert, dass sie da nicht genau hinschaue. Oder glaubt sie tatsächlich, dass Edelsteine heilen können? Wissen die Ärzte, die auf der "Goop"-Website seltsame Ratschläge geben, wirklich, wovon sie reden? Das täten sie mitnichten, teilte die Organisation "Truth In Advertising.org" mit und forderte Paltrow auf, irreführende Werbung über Prävention von Autoimmunerkrankungen und über vorbeugende Entzündungsbehandlung zu unterlassen.

Kaffeespülung für den Darm

Heftig zweifelt auch Jen Gunter, eine Gynäkologin aus San Francisco, am medizinischen Sinn von Paltrows Sprechstunden. Sich den Darm selbst mit Kaffeespülungen zu reinigen sei genauso ein Blödsinn wie die abenteuerliche Idee, Brustkrebs entstünde durch falsche BHs. Und kann ein Sprühwasser, das "Mondlicht" und "Edelsteinessenzen" enthält, tatsächlich "psychische Vampire" fernhalten? Können Parasiten mit Ziegenmilch beseitigt werden?

Auf ihrer Website geht die Gynäkologin Gunter mit solchen "Goop"-Produkten hart ins Gericht, doch der Effekt ist gegenteilig. Denn jedes Produkt, das Gunter für blödsinnig hält, wird danach umso mehr im Netz geklickt. Die Aufmerksamkeit für Paltrows Psycho-Drogerie steigt unaufhaltsam. 2018 kamen monatlich 2,5 Millionen Besucher auf ihre Website. Bei einem Vortrag vor Harvard-Studenten sagte Paltrow gelassen: "Ich kann so etwas zu Geld machen."

Es ist ein interessantes Selbstbewusstsein, mit dem Gwyneth Paltrow lebt. Ein Selbstbewusstsein, dank dessen sie sich schon immer als Vorreiterin, Erfinderin und Bahnbrecherin gefühlt hat. Aber eben auch das Selbstbewusstsein einer Hollywood-Tochter, die finanzielle und andere Sorgen nur vom Hörensagen kennt.

Ein "ganz heißer Kerl": Paltrow ist seit September 2018 mit dem TV-Produzenten Brad Falchuk verheiratet

Ein "ganz heißer Kerl": Paltrow ist seit September 2018 mit dem TV-Produzenten Brad Falchuk verheiratet

Geboren 1972 als Tochter des Filmproduzenten Bruce Paltrow und der Schauspielerin Blythe Danner wuchs Gwyneth im goldenen Kindergarten Hollywoods auf. Steven Spielberg ließ sie 1991 in seinem Film "Hook" mitspielen. 1995 hatte sie ihren ersten größeren Auftritt in "Seven" an der Seite von Brad Pitt, mit dem sie bis 1997 verlobt war. 1999 bekam sie den Oscar für "Shakespeare in Love" und vergoss auf der Bühne sehr viele Tränen. Nach einer Liebe zu Ben Affleck heiratete Paltrow 2003 Chris Martin, den Sänger der Band Coldplay, und bekam zwei Kinder. 2014 trennte sich das Paar, was Gwyneth auf der "Goop"-Website gewohnt wortreich kommentierte: "Seit mehr als einem Jahr arbeiten wir, teilweise zusammen, teilweise allein, daran, zu sehen, was zwischen uns möglich gewesen wäre, aber wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass, auch wenn wir uns immer noch sehr lieben, wir getrennt bleiben werden." Paltrow ist nun mit dem TV-Produzenten Brad Falchuk verheiratet, ihr Ex-Mann hat aber noch ein Zimmer in ihrem Haus und war sogar mit in ihren Flitterwochen – eine Scheidung, wie sie auch "Goop" verkaufen könnte.

Nitrosaminfrei

Die Kritik, sie werbe für zwielichtigen Wunderheilkram, sieht sie so gelassen, wie sie sich selbst als Chefin ganz neuer Art versteht. Auf einer Messe in Austin referierte sie neulich: "Wir brauchen mehr verletzliche Anführer." Danach erzählte sie, dass sie bei Meetings heimlich unter dem Tisch auf Google nachschaue, wenn sie etwas nicht verstehe.

Diese selbstbewusste Tölpelhaftigkeit und dieser Nebenbei-Kiekser, dass sie da wieder einen "ganz heißen Kerl" zu Hause habe, machen Paltrow zu einem Vorbild für junge Business-Frauen. Die Botschaften: Ihr müsst nicht alles wissen. Seid, wie ihr seid. Und auch mit 46 ist das Bett noch lange nicht nur zum Schlafen da. Mit ihren Worten: "Man kann es lieben oder hassen, aber wir erschaffen etwas, das die Welt verändern wird, und es gibt keinen Zweifel, dass die Welt uns folgen wird." Auch die Männer. Die Kondome der Firma Sustain, die "Goop" verkauft, sind nitrosaminfrei, und das Latex ist "fair gehandelt". Neun Stück für 23 Euro.

Laut "People"-Magazin: Gwyneth Paltrow ist die Schönste der Welt