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Heinrich Horwitz "Heinrich muss nicht unbedingt ein Mann sein"

Heinrich Horwitz
Heinrich Horwitz, 37, arbeitet im Schauspiel, in der Regie und der Choreographie
© Paulina Hildesheim
Weder er noch sie - Bühnenkünstler:in Heinrich Horwitz führt ein diverses Leben ohne Geschlechtergrenzen. Ein Gespräch über den riesigen Spaß, Neues zu Lernen, etwa Genderpunkte.

Heinrich Horwitz, helfen sie denen, die sich noch nicht so auskennen. Es gibt in ihrer Welt Agender, Trigender, Genderqueer und Transgender. Sie selbst möchten sich keinem Geschlecht zuordnen und wären damit Genderqueer. Ist das richtig?

Sehen sie, jetzt sind wir schon mitten im Problem mit der Sprache. Wir wollen ja immer alles unbedingt fassen und nennen können und für alles einen Namen finden, um uns orientieren zu können. Ich bin aber eine große Verfechter:in davon dem einfach keinen Namen zu geben und deshalb lege ich mich auf kein Pronomen und keine Genderbezeichnung fest. Ich genieße den Zustand, dass sich alles immer weiterentwickelt und kann deshalb diese Frage tatsächlich nicht beantworten.

Trifft der Begriff "divers" es besser?

Ja, für mich schon. Aber auch aus einem Mangel heraus, weil die binäre Aufteilung ja nur zwei Geschlechter benennt, zu denen ich mich zumeist nicht zugehörig fühle und das geänderte Personenstandgesetz es seit 2018 erlaubt, sich als "divers" auch offiziell zu markieren. Aber ich würde mich auch und vor allem als "queer" und als Lesbe bezeichnen, auch weil ich mit einer Person verpartnert bin, die biologisch eine Frau ist, und ich mich eben manchmal auch als eine fühle oder mich vor allem mit den Kämpfen von Frauen* und Lesben identifiziere. Es ist komplex und fluide.

Viele Fernsehzuschauer:innen kennen sie noch unter einem anderen Namen aus der Serie "Bruder Esel" oder aus dem "Tatort" in denen sie immer als Frau spielten. Wann wurde ihnen klar, dass sie sich in dieser Geschlechtereinteilung nicht wiederfinden?

Eigentlich schon immer. Ich habe mich immer unwohl gefühlt, mit den Zuschreibungen von außen und diesem klassisch sozialisierten Frauenbild, aber aus Mangel an Rollenmodellen oder dem Wissen über ein anderes Leben, wusste ich erstmal nicht, wie ich mich definieren sollte. Und wenn die Zuschauer:innen mich da als junge Frau gesehen oder gelesen haben, würde ich sagen, wahrscheinlich stimmt das, aber ich selbst hätte mich nie so bezeichnet. Ich kann aber als Schauspieler:innen durchaus Frauenrollen spielen, das ist ja mein Beruf. Aber als was ich mich selber identifiziere, dafür habe ich lange gebraucht. Ich bin als Frau sozialisiert worden und hatte einen weiblichen Vornamen, dachte aber immer, das stimmt so nicht. Aber was konnte ich sein? Es gab einfach keine Identifikations-Figuren, außer vielleicht die Idee einer "Butch" oder eines "kessen Vaters". Ich habe damals auch mal mit Ulrike Folkerts gedreht und dachte, cool, das ist eine total tolle Frau, so könnte ich auch vielleicht sein.

Führte so etwas bei ihnen zu Depressionen oder mussten sie sich verstecken?

Ich weiß, dass es anderen so geht, aber ich bin ein lebensfroher Mensch, ich liebe das Leben, die Gesellschaft mit anderen und die Natur und Tiere. Ich war früher immer draußen und dauernd mit Pferden unterwegs, weil denen ja scheißegal war, was ich bin. Das ist mein Zufluchtsort.

Ging ihr Gefühl, nicht im richtigen Geschlecht zu sein, weit darüber hinaus, dass sie statt mit Puppen vielleicht lieber Fußball mit Jungs spielen wollten?

Ja, weil so ein stereotypes Bild von Geschlechterzuordnung nicht viel aussagt. Es gibt ja auch Menschen, die als Mädchen gerne mit Puppen gespielt haben und sich trotzdem später dafür entschieden haben, das Geschlecht zu wechseln und umgekehrt geht das auch. Wir sind ja alle nur in Geschlechter sozialisiert und nicht geboren.

Aber wenn ein Neugeborenes im Kreißsaal zur Welt kommt, unterscheidet die Biologie und die Gesellschaft in Junge oder Mädchen.

Aber eben nur biologisch.

Ist das nicht die Natur? Nur wenn sich Mann und Frau zusammentun kann Nachwuchs entstehen. Wie doch auch in 95 Prozent der Tier- und Pflanzenwelt.

Wer weiß, wie lange das noch so ist. Es gibt durchaus Erfolge mit künstlichen Gebärmuttern und es gibt doch queere Paare, die Eltern werden. Dazu braucht es vielleicht biologisch noch eine Frau, aber die Eltern sind dann doch trotzdem gleichgeschlechtlich. Es geht doch um die Unterscheidung zwischen Sex und Gender. Biologisch und genetisch reden wir über Mann oder Frau. Soziologisch aber über Gender, also darüber, als was sich eine Person identifiziert und nicht, wie andere sie bestimmt haben. Und wie sich eine Person selbst definiert, hat sich doch immer verändert und tut es heute noch. Sehen sie, hohe Schuhe, wurden eigentlich für den französischen König Ludwig XIV erfunden, rosa war auch mal eine männliche Farbe, es ändert sich immer alles und warum nicht heute auch? Und das ist doch zuletzt auch für diese Männer gut, die sich da gerade so angegriffen fühlen in ihren Privilegien und sich in ihrer Maskulinität abstrampeln. Die tun mir leid, das muss doch anstrengend sein, immer diese Rüstung vor sich her zu schleppen, die Energie könnten die doch auch anders einsetzen.

Die immer wieder auftauchende Warnung davor, dass sich Menschen ihr Gender selbst wählen sollen, ist immer die mit den Toiletten. Denn es könnte sich ja jeder Mann, der behauptet, er fühle sich als Frau, in Frauentoiletten herumtreiben.

Ja, die Toiletten, die kommen dann immer wie der ultimative Dolchstoß. Toiletten, und ich meine die öffentlichen, sind sowieso heikle und unangenehme Orte der Gewalt und zumeist gegen Frauen. Es wäre schon einiges getan, wenn wir überall drei hätten, also männlich, weiblich und eine unisex für die, die sich nicht zuordnen wollen. Aber entwertet die Toiletten-Frage die ganze wichtige Diskussion und Bewegung um queere Menschen? Nein, das wäre absurd.   

Sie sind mit einem anderen Namen zur Welt gekommen, heute heißen sie Heinrich Horwitz, ihr Vater ist der Schauspieler Dominique Horwitz. Ihr Name ist in ihrem Ausweis eingetragen. Wie kamen sie auf Heinrich?

Das war mein Spitzname an der Schauspieler:innenschule, irgendwann hat meine Kollegin Marie Tietjen mich so genannt. Ich mag den Namen, er spielt auf den treuen Heinrich im "Froschkönig" an, nicht auf den Heinrich im "Faust", der ist für mich ein Sexist und Frauenfeind.

Nun sprach einmal Gesine Schwan öffentlich von "dem Schauspieler Heinrich Horwitz", was für Aufregung sorgte und Frau Schwan den Vorwurf einbrachte, nicht gendersensibel zu sein. Können sie verstehen, dass manche bei ihrem Namen erstmal an einen Mann denken?

Na klar, das ist ja ein männlich verstandener Name. Aber Gesine Schwan hatte mich eingeladen und hätte zumindest in der Verantwortung der gastgebenden Person, die richtige Ansprache recherchieren können. Ich muss das oft erklären, "Frau Heinrich Horwitz" verstehen viele nicht. Da rufen mich Leute an und wollen mit Heinrich Horwitz sprechen und sagen, das könne ich ja nicht sein, ich hätte doch eine Frauenstimme. Aber das hat ja auch den Vorteil, dass wir immer sofort im Thema sind und jedes Mal wieder eine neue Person lernt, dass Heinrich nicht unbedingt ein Mann sein muss. Das ist ja das Problem von Zuschreibungen. Mit welchem Recht können Menschen anderen Menschen Namen geben, die sie dann nicht mehr, oder nur ganz schwer ändern können? Fragen sie doch mal, wie viele Menschen mit ihrem Namen wirklich glücklich sind.

Nun gibt es Äußerungen von transgender Personen, also jenen, die ihr Geschlecht gewechselt haben, dass Deutschland verglichen mit anderen Ländern, dafür fast ein Paradies ist. Bürokratisch zwar, aber unkompliziert und selbst die Krankenkassen zahlen meist für die Behandlung. Sind wir in dieser Sache nicht viel weiter, als oft kritisiert wird?

Da stimme ich nur teilweise zu. Es ist immer noch eine riesige Anstrengung und oft mit Diskriminierungserfahrungen verbunden. Und worauf wollen wir uns denn ausruhen? Das ist doch so, als ob man Frauen sagt, was wollt ihr denn, ihr dürft doch wählen und arbeiten und seid gleichgestellt, warum jetzt auch noch die gleiche Bezahlung wie ein männlicher Kollege. Es gibt immer noch viele Menschen, die darunter leiden, Depressionen bekommen, die keine Arbeit finden und ausgegrenzt werden. Da nützt es nichts, dass es in anderen Ländern noch viel schlimmer ist.

Es gibt in Deutschland nur sehr wenige Untersuchungen, wie viele Menschen sich nicht zu einem Geschlecht zugehörig fühlen. Laut einer Umfrage sind es 3,3 Prozent, also etwa 2,6 Millionen Personen.

Ich glaube, die Dunkelziffer ist viel höher, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Denn viele trauen sich nicht, es zu äußern und die, die es tun, bei denen wird es oft nicht anerkannt und sie werden gezwungen in einer Identität weiter zu leben.

Wie war die Reaktion, als sie sich, auch mit anderen Künstler:innen zusammen, outeten?

Die war groß und ist es bis heute. Wir haben sehr viele Nachrichten und Briefe von Menschen bekommen, die sich bedankten und sagten, dass sie jahrelang genauso fühlten. Das Problem, das alle diese Personen im Verborgenen haben ist ja dasselbe, das ich auch hatte. Es gab keine und gibt bis heute zu wenig Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, keine Role-Models, kein Beispiel, auf das wir verweisen können. Deshalb ist es so wichtig, dass ich und andere öffentlich darüber sprechen.

Wenn sie heute mit 17- oder 18-jährigen Teenagern sprechen, die Musik von Billie Eilish oder Sam Smith hören, dann ist für die meisten "gender" und "queer" überhaupt kein Thema, weil es selbstverständlich ist. Wenn sie aber mit älteren Menschen sprechen, spüren sie ein Fremdeln nach jahrzehntelanger, auch christlicher Erziehung, ein neues Weltbild lernen zu müssen. Haben sie Verständnis dafür?

Ja und nein, also eigentlich nein. Weil ich mir wünsche, dass auch ältere Menschen noch soviel Spaß am Leben haben. Und Neues lernen ist für mich auch ein riesiger Spaß und ja auch ein Gewinn. Es ist doch wie in ein anderes Land zu reisen und Neues kennen zu lernen, nur eben jetzt im eigenen Land.

Was sagen sie den Älteren die meinen, "gender" oder "queer", meinetwegen, es ist mir egal, sollen die doch leben wie sie meinen. Reicht bloße Toleranz aus?

Nein, weil damit die Täter:innen, die Personen die diskriminieren, geschützt werden. Da bin ich sehr politisch und denke, wer nicht gegen etwas ist, ist für etwas. Die müssen ja nicht mit mir auf der Straße demonstrieren, aber sie sollten sich verhalten und engagieren. Ich tue das ja auch für sie, wenn es um die Lebensbedingungen alter Menschen geht, um dieses Leben in Altenheimen und um die Pflege. Dafür engagiere ich mich und würde sofort auf die Straße gehen, also sollen sich Ältere bitte auch für mich und Menschen wie mich interessieren. Das verstehe ich unter Solidargemeinschaft.

Es gibt eine große und etwas hitzige Diskussion um das Gendern in der Sprache. Genderstrich, Doppelpunkt, oder Pause im gesprochenen Wort. Warum ist das scheinbar das Wichtigste? Fühlen sie sich bei dem "Guten Abend, meine Damen und Herren" der "Tagesschau" nicht angesprochen?

Nein. Weil ich mich ja weder als das eine noch das andere fühle. So einfach. Und wenn Sie fragen, warum das wichtig ist, sage ich Ihnen, dass Veränderungen als erstes auch in der Sprache sicht- und hörbar werden müssen. Wo denn sonst, wenn nicht da? Und wenn Menschen Mühe haben, sich diese Gendersternchen oder Doppelpunkte zu merken oder sie zu verstehen, ist das gut, denn sie sollen ja darüber stolpern um nachzudenken. Jedes mal wenn sie sich beim Schreiben ärgern, diesen Doppelpunkt beachten zu müssen, denken sie darüber nach, dass es Menschen gibt, die jetzt auch mit angesprochen werden. Und jeder Doppelpunkt oder jede gesprochene Pause macht uns sichtbar. Und so schwer ist das nicht, sie machen doch auch eine Pause wenn sie "Spiegelei" sagen und denken nicht darüber nach. Und irgendwann haben es hoffentlich alle verstanden.

Wie spricht man sie an?

Kein Pronomen, am besten mit Heinrich Horwitz oder sie, also als Plural, wie im Englischen "they". Aber grundsätzlich kommt es auf die Person an, die zu mir spricht und wie wir kommunizieren. Offenheit erzeugt Offenheit.

Es gibt heute schon sehr viele Firmen die Stellenausschreibungen mit "m,w,d" beschreiben, divers ist also willkommen. Ist doch auch ein Fortschritt.

Ja, aber sehr viele machen das auch nicht. Und bestellen sie mal etwas im Internet, da kann ich oft nur zwischen "Herr" und "Frau" und manchmal "Firma" wählen. Ich nehme dann meistens die Firma.

Sie sprechen sehr viel über Genderpolitik und über ihr persönliches Leben. Sie sind sie es eigentlich leid, immer wieder ihr Privates öffentlich zu machen und sind wir erst angekommen, wenn das kein Thema mehr ist?

Ja. Und glauben Sie mir, ich würde lieber über meine Arbeit in der Regie und Choreographie und meine Projekte sprechen. Aber ich habe die Möglichkeit für eine buntere Welt einzustehen und das nutze ich. Wir sind erst in einer gleichberechtigten Gesellschaft am Ziel, in der alle solidarisch sind und gut aufeinander aufpassen.      


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