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Interview Sean Connery: "Ich habe mit Bond kein Problem mehr"

Sein Name bleibt auf ewig mit James Bond verbunden. Jetzt hat er ein Buch über seine Heimat Schottland geschrieben. Im stern.de-Interview erzählt Sean Connery, wie er mit 007 seinen Frieden geschlossen hat, was er von Daniel Craig hält - und warum er beinahe Fußballprofi bei ManU geworden wäre.

Sir Connery, "Mein Schottland, mein Leben" liest sich wie ein 448 Seiten langer Liebesbrief an Ihre Heimat. Wer saftige Anekdoten aus Ihrer Karriere und Hollywood erwartet, wird enttäuscht. Warum dieses Buch?

Ich verstehe nicht, warum einige Leute ihr Privatleben hinausposaunen. Das ist doch, offen gesagt, nicht wirklich interessant. Mein Buch ist nicht nur ein Liebesbrief an Schottland, sondern auch ein Brief an den Rest der Welt über die Rolle der Schotten. Zusammen mit meinem Freund, dem Autor Murray Grigor, wollte ich Sachen über Schottland herausfinden, die wir nie in der Schule gelernt haben. Über wichtige und übersehene Landsmänner, die unsere moderne Welt geprägt haben. So wie Donald Dinnie, der im 19. Jahrhundert als bester Athlet galt. Oder die Ursprünge der Fotografie in den Dunkelkammern von Hill und Adams.

Seit wann interessieren Sie sich so sehr für schottische Geschichte?

Macbeth hat die Tür für mich geöffnet - auch in Sachen Schauspielerei. Ich bekam Anfang der sechziger Jahre einen Anruf, für einen TV-Produktion nach Kanada zu fliegen. Mein Honorar betrug 500 kanadische Dollar, meine einzige Bedingung: ein Zimmer mit anständigem Bad. Der Regisseur war überrascht, dass ich Macbeth kaum kannte, in Kanada gehört das Theaterstück zur schulischen Pflichtlektüre. Mein Interesse an dem alten König war also geweckt und nun kann ich sagen, dass er wirklich eine schlechte Presse hatte.

Ihr Interesse an schottischer Politik begann ebenfalls in den 60ern. Und die Wiedereröffnung des Parlaments in Edinburgh vor zehn Jahren priesen Sie als bedeutender als Ihren Oscar-Gewinn für "Die Unbestechlichen". Warum haben Sie selbst nie ein politisches Amt angestrebt?

Weil ich den Leuten immer offen meine Meinung sage! Echte Staatsmänner müssen sich mit jeder Menge Unsinn rumschlagen, bevor sie ihren Job erledigen können. Dazu fehlt mir die Geduld.

Neben Schottland gelten Sport und natürlich die Schauspielerei als Ihre großen Leidenschaften. Stimmt die Reihenfolge?

Zu anderen Zeitpunkten meines Lebens wäre die Reihenfolge eine andere. Vielleicht.

Dennoch wären Sie beinahe als Profi-Fußballer bei Manchester United gelandet. Trauern Sie dieser Berufsoption manchmal hinterher?

Ich hatte gerade eine Rolle in dem Musical "South Pacific" und wir machten ein Freundschaftsspiel gegen das Juniorteam von ManU. Einer der Späher des legendären Managers Matt Busby bat mir danach ein Probetraining an. Ich habe mich natürlich sofort gefragt, ob ich von der linken Seite der Bühne auf die linke Seite des Fußballfeldes wechseln sollte. Aber ein amerikanischer Theater-Kollege überzeugte mich letztlich davon, dass eine Karriere als Schauspieler länger anhält als eine Fußballkarriere. Damit bin ich gut gefahren. Also nein, ich bedaure nichts.

Und Golf-Profi?

Nicht wirklich. Ich musste Golf lernen, als ich "Goldfinger" drehte und war sofort süchtig. Und als wir "Das Russlandhaus" in Moskau filmten, wurde ich eingeladen, auf dem ersten Golfplatz der Sowjetunion zu spielen. Eine Zehn-Minuten-Fahrt vom Roten Platz entfernt. Wenn ich bedenke, dass Golf in der UdSSR lange verboten war - Stalin hätte sehr grimmig reagiert. Was ich am Golf besonders mag: Man kämpft die meiste Zeit gegen sich selbst, das Spiel ist irgendwie nackt und man muss sehr bedächtig vorgehen, wenn man sich den nächsten Schlag vorstellt.

Also haben Golf und Schauspielerei viel gemein?

Ganz genau. Beides erfordert jede Menge Geduld.

Weniger Geduld hatten Ihre ersten Arbeitgeber mit Ihrem berühmt-berüchtigten schottischen Gemurmel. Einige dachten zuerst, Sie stammen aus Polen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe mir einen alten Kassetten-Rekorder von Grundig gekauft und mir meine eigene Stimme immer wieder vorgespielt. Ich wollte, dass man mich versteht, aber zugleich auch die wesentliche Persönlichkeit meiner Stimme, den Edinburgh-Sound, erhalten. Später hat man mich öfter gefragt, warum ich meinen Akzent für die unterschiedlichsten Figuren nie variiert habe. Nun, ich habe mich lieber auf den Charakter der Rolle konzentriert als darauf, meine Stimme zu ändern.

Sie erwähnten vorhin "Goldfinger". Haben Sie inzwischen mit James Bond, einer Rolle, die Sie lange verfluchten, Ihren Frieden geschlossen?

Kein Schauspieler mag es, stereotypisiert zu werden. Deshalb wollte ich nach einer Weile einfach etwas anderes machen. Also war ich mal Mönch im Mittelalter, mal litauischer Marinekapitän, mal irisch-amerikanischer Bulle. Ich hatte die Chance, verschiedene Figuren auf die Leinwand zu werfen, deswegen habe ich mit Bond kein Problem mehr.

Mögen Sie den neuen Bond?

Daniel Craig macht das großartig. Er hat den richtigen Schneid für die Rolle.

In Ihrem Buch erwähnen Sie auch, dass Ian Flemings Vorbild für James Bond auf der gleichen Schule in Edinburgh war wie Sie: Schicksal?

Das "Fettes College" ist ein wundervoller, gotischer Ort, an dem einige der reichsten Studenten Schottlands ausgebildet wurden. Aber zur Klarstellung: Das Vorbild für die Bond-Figur ging dort zur Schule, ich habe denen nur Milch angeliefert! An Schicksal glaube ich nicht wirklich. Ich glaube an harte Arbeit und die Augen offen zu halten für die passenden Gelegenheiten.

Haben Sie darum mit 13 die Schule geschmissen, um eigenes Geld zu verdienen?

Das war damals dringend nötig. Und weil gerade Krieg war, hat niemand groß auf Schulabrecher geachtet und es gab genug zu tun, weil so viele Arbeiter bei den Streitkräften waren.

Sie lieferten nicht nur Milch aus, sondern arbeiteten danach auch als Sarg-Polierer, Bademeister, Aktmodell oder Türsteher. Ihre Eltern waren wohl weniger begeistert?

Die Leute sollten stolz sein auf jede ehrliche Arbeit, die die Rechnungen bezahlt. So wurde ich erzogen und daran glaube ich noch heute. Ich bin schon im Alter von neun Jahren um sechs Uhr früh aufgestanden, um vor der Schule Milch auszufahren. Mein Verdienst: drei Schillinge und 60 Pence in der Woche, heute wären das 20 Pence. Mutter bekam die drei Schillinge, der Rest wanderte in meine Sparbüchse. Meine Mutter war glücklich, mich arbeiten zu sehen.

Trotz Ihrer Liebe für Schottland leben Sie nun auf den Bahamas. Wie sieht dort ein typischer Connery-Tag aus?

Er beginnt mit der Morgenzeitung. Dann verbringe ich einige Stunden vor dem Computer: Nachrichten aus Schottland und der Welt lesen. Normalerweise spiele ich auch eine Runde Golf.

Vor einigen Jahren, haben Sie Ihren Rücktritt aus dem Filmgeschäft verkündet. Nur wegen der schlechten Erfahrungen beim Dreh der Comic-Verfilmung "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen"?

Wenn man bei Dreharbeiten das Gefühl bekommt, hier weiß einer nicht, was er tut, fühlt sich das an wie Scheiße bergauf zu schaufeln. Eine unangenehme Erfahrung. Wenn ich mit Regisseuren wie John Huston, Alfred Hitchcock oder Steven Spielberg zu tun hatte, gab es großartige Momente, Erfahrungen, auf die ich stolz sein kann. Deswegen dachte ich nach mehr als 60 Filmen, nun wäre eine gute Zeit, sich auszuruhen.

Interview: Matthias Schmidt, Bernd Teichmann