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Rätselhafter Tweet Sah Jan Böhmermann die "Schande von Thüringen" voraus?

Jan Böhmermann, Thomas L. Kemmerich und Björn Höcke
Als hätte er es vorausgesehen: Jan Böhmermann wies am Freitag auf die Nähe von Liberalen und Rechtsradikalen hin. Wenige Tage später lässt sich der FDP-Politiker Thomas L. Kemmerich mit den Stimmen Björn Höckes zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen.
© DPA/ Imago
Am vergangenen Freitag verstörte Jan Böhmermann mit einem Tweet, in dem er eine Nähe von Liberalen und Rechtsradikalen unterstellte. Nur wenige Tage später ließ sich ein FDP-Politiker von Björn Höcke zum Ministerpräsidenten wählen. Was wusste Böhmermann?

Wer seiner Zeit voraus ist, muss damit rechnen, auf Unverständnis zu stoßen. Das musste Jan Böhmermann am vergangenen Freitag erleben. Da postete er einen Tweet, der heftig kritisiert wurde - auch von dem Autor dieser Zeilen. Anhand eines Screenshots konstruierte Böhmermann eine ideologische Nähe: Den hatte zunächst der junge FDP-Politiker Benedikt Brechtken und einen halben Tag später der Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich, Martin Sellner, verwendet.

Wörtlich schrieb Böhmermann: "Es dauert im Netz knapp 12 Stunden, bis rechtsextreme Empörungstrigger von der FDP Recklinghausen bis zu den Kernfaschos der Identitären Bewegung durchgereicht werden."

Die Nutzung desselben Screenshots erschien vielen ein bisschen dünn als Beleg für eine These, die am vergangenen Freitag ziemlich steil klang.

Thüringen: Jan Böhmermann sah es kommen

Ein paar Tage später steht der Tweet in ganz anderem Licht da. Plötzlich wirkt Böhmermanns Analyse hellsichtig und prophetisch. Wie konnte der Satiriker sehen, was die meisten anderen nicht einmal ahnten?

Hier muss man etwas weiter ausholen. Der Datenanalyst Philip Kreißel hat auf Twitter und in einem Artikel auf dem Portal "Volksverpetzer" versucht, die Hintergründe zu Böhmermanns These zu erklären. Zunächst wies er in einem Tweet darauf hin, dass 17,6 Prozent der Follower von Brechtken auch dem Rechtsextremen Sellner folgen. 

Das ist zunächst einmal kein übermäßig hoher Wert, und wer einem folgt - dafür kann niemand etwas. Kreißels Analyse geht jedoch tiefer. Er schaut sich an, wer den Tweet weitergeleitet hat. 31 Prozent der auswertbaren Retweeter des Beitrags von Brechtken folgten auch Sellner, schreibt er. Eine deutlich höherer Wert - kein Zufall.

Rechtsextreme wanzen sich an Liberale heran

Dahinter stecke eine perfide Strategie der Identitären Bewegung. Die suche sich gezielt Politiker aus der Mitte und versuchen, diese "zu 'Scharnieren' ihrer Ideologie zu machen." Weshalb Böhmermann den Liberalen Brechtken gerade nicht als rechtsradikal gebrandmarkt habe.

Das weitere Vorgehen sei so: Rechtsextreme verbreiten Tweets und Narrative liberaler und konservativer Menschen, "die auch in die faschistische Weltanschauung passen". Gleichzeitig versuchen sie, dabei "absichtlich falsche Interpretationen von Aussagen oder Forderungen unterzujubeln, um das demokratische Spektrum untereinander zu spalten - Linke/Grüne vs Konservative, Liberale." Letztere befänden sich dann plötzlich im gleichen Lager mit den Rechtsextremen.

Doch wie hat sich diese Strategie in Thüringen konkret ausgewirkt? Ganz offensichtlich ist die thüringische FDP davon ausgegangen, mit dem Husarenstück durchzukommen. Die heftigen Reaktionen auf die Wahl Kemmerichs hat die Partei überrascht - nach nur einem Tag kündigte der Ministerpräsident schon wieder seinen Rücktritt an. Ein Debakel. 

Kreißel erklärt das so: Einige FDPler hätten den unvermeidlichen Shitstorm auch deshalb nicht kommen sehen, weil die Identitären unter ihren Followern ihnen den Eindruck gaben, sie würden von dem Rechtsruck profitieren. Die Filterbubble hat einige Parteimitglieder geblendet - und wurde so zur Falle.

Natürlich ist das nicht mehr als eine vage Theorie, die alles andere als auf festen Füßen steht. Dass jedoch keine Woche verging, ehe Böhmermanns wirr erscheinender Tweet Realität wurde, ist dennoch beachtlich.

Jan Böhmermann sagte die Ibiza-Affäre voraus

Und es nicht das erste Mal ist, dass Böhmermann zukünftige Geschehnisse präzise voraus gesagt hat. Am 13. April 2019 bedankte sich der Satiriker bei der Romyverleihung in der Wiener Hofburg per Videobotschaft für seine Auszeichnung: "Während Sie jetzt gerade die Gala genießen, Sekt trinken, feine Schnittchen essen", sagte er in Richtung Publikum, "hänge ich gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchenvilla auf Ibiza herum - und verhandle darüber, ob und wie ich die Kronen Zeitung übernehmen kann und die Meinungsmache in Österreich an mich reißen kann."

SPIEGEL / Süddeutsche Zeitung

Es gab verstörte Redaktionen auf diese eher ungewöhnliche Dankesrede. "Sollte das Satire sein, so war es eine grottenschlechte", klagte die Chefredakteurin des "Kurier", Martina Salomon. Gut einen Monat später ergab die erratische Ansprache plötzlich Sinn: Da veröffentlichten mehrere Medien ein Video, das den damaligen österreichischen Vizekanzler und FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache in dem von Böhmermann skizzierten Setting zeigt. Das Video führte zum Rücktritts Straches und sprengte die Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ. Österreich reagierte schockiert auf die Enthüllungen.

Und Jan Böhmermann? Der durfte sich nachträglich bestätigt sehen. Wie auch jetzt: Die "Schande von Thüringen" ("Hamburger Morgenpost") - er hat sie kommen sehen. Wenn der Satiriker das nächste Mal einen merkwürdigen Tweet verfasst, dessen Bedeutung man nicht sofort erfasst: Einfach ein paar Tage abwarten, vielleicht erklärt er sich dann von selbst.

Quelle: "Volksverpetzer"Youtube, "Der Standard", Twitter


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