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Neuer Film "Sweethearts": Karoline Herfurth wollte Regie führen, wenn sie Mitte 40 ist - es ging schneller

Karoline Herfurth sagt, sie habe noch nie so viel gearbeitet wie für ihren neuen Film "Sweethearts" - als Schauspielerin und als Regisseurin. Der stern hat sie dabei begleitet.

Von Christoph Farkas

Karoline Herfurth und Hannah Herzsprung im Film "Sweethearts"

Die Jagd auf eine Diamantenräuberin und ihre Geisel endet südlich von Berlin, auf einer Autobahn zwischen sonnenverbrannten Feldern. Regen peitscht auf den Asphalt und durchnässt die schwer bewaffneten Polizisten, die das Fluchtfahrzeug umstellt haben. Cut.

Eine Frau springt aus dem Wagen, läuft an den Polizisten vorbei, zu einem Monitor unter einer Plane. Während sie näher kommt, wird ihr Gesicht erkennbar. Die gesprungene Unterlippe, zerlaufenes Make-up über Sommersprossen. Die kurzen roten Haare unter der Regenhaube sehen aus, als hätte sie ein Irrer frisiert. "Souveräner Auftritt, oder?" , sagt Karoline Herfurth und lässt sich in den Regiestuhl fallen.

"Sweethearts" ist die zweite Regiearbeit von Karoline Herfurth

Es ist Ende Juni 2018. Deutschland leidet unter der Hitze und der Blamage gegen Südkorea, mit der die Nationalelf aus der WM geflogen ist. Die erklärte Lieblingsschauspielerin des Bundestrainers hat das nur am Rande mitbekommen. Karoline Herfurth konzentriert sich auf die letzten Drehtage ihres zweiten Kinofilms als Regisseurin, in dem sie auch eine der Hauptrollen spielt. "Sweethearts" soll ein Genrefeuerwerk werden. Buddy-Komödie, Actionfilm, Drama und Romanze.

Es ist leider so: Eine Frau, die mit Mitte 30 schon so viel erreicht hat wie Karoline Herfurth, gerät leicht in Verdacht, verbissen zu sein, humorlos und manisch. Auch wenn sie vielleicht einfach nur talentierter ist als die anderen und härter, aber nicht unbedingt freudloser arbeitet. Karoline Herfurth dreht, seit sie 15 ist, hatte mit 30 den deutschen Film von Tom Tykwer und Caroline Link bis Bora Dagtekin durchgespielt.

Karoline Herfurth

"Ich will nicht die Frau sein, die einen Film macht. Ich will einfach einen Film machen", sagt Karoline Herfurth.

Karoline Herfurth wurde auf dem Schulhof entdeckt

Karoline Herfurth

Doppeltes Talent: Für ihren neuen Film stand Karoline Herfurth sowohl vor als auch hinter der Kamera

Sie hat jeden Verbissenheitsverdacht schon immer damit ausgeräumt, dass ihre Karriere ein Weg der kleinen, oft zufällig wirkenden Schritte war: Da gab es diesen Vormittag vor 20 Jahren, an dem sie hitzefrei hatte und auf dem Hof ihrer Waldorfschule von einer Casterin angesprochen wurde. Da gab es den kleinen Film, den sie 2012 für eine Freundin drehte, um deren Schauspielkarriere zu befeuern – und der dann bei den Hofer Filmtagen lief. Und jetzt kam Warner Bros. "Ich dachte immer, wenn ich mal Regie mache, dann vielleicht mit Mitte 40, 50", sagt sie. "Dass plötzlich Willi Geike um die Ecke kommt und fragt, ob ich Lust auf großes Kino habe, konnte ich ja nicht ahnen." Geike ist der Chef von Warner Bros. Deutschland, und "großes Kino" ist dort oft eine Chiffre für: Schweiger, Schweighöfer, Fitz, Komödien, Romantik, romantische Komödien, und wieder von vorn. Karoline Herfurth hatte Lust.

Am Set, Monate später auch im Schnitt und im Synchronstudio bekommt der Reporter eine Idee davon, was sie anders macht. Vielleicht sogar davon, wie ihre Filme das deutsche Kino verändern könnten. Worauf es ihr ankommt und wie sie arbeitet. Bei den Begegnungen zeigt sich meist die professionelle Karoline Herfurth. Wer große Emotionen von ihr sehen will, muss ins Kino.

Wenn es irgendwo hakt, wird der Film scheiße

Wenn sie mal auf ihrem Regiestuhl zur Ruhe kommt, summt sie konzentriert vor sich hin und knorkelt an einer Plastikflasche herum. Sie erklärt ihre Philosophie so: "Meine Arbeit ist eine Suche danach, was die Schauspieler brauchen, um ihre Herzen aufzumachen. Klingt esoterisch, sorry, aber darum geht's." Jede und jeder am Set ist Teil der Gesamtenergie des Films. Und wenn es irgendwo hakt, wird der Film scheiße. So sieht sie das. Deswegen stehen um Mitternacht rund 120 Menschen im Blaulicht auf der nassen Autobahn und singen "Happy Birthday" für zwei Teammitglieder. Herfurth pfeift auf den Fingern dazu. Der härteste Drehtag ist fast geschafft. Noch 219 Tage bis zur Premiere.

Ein Herbstmorgen in Berlin-Schöneberg, dreieinhalb Monate später. Seit Mitte Juli verbringt die Regisseurin täglich zehn Stunden im Schneideraum. "Nur die Wochenenden sind unantastbar", sagt sie. "Meistens." Wie wichtig Pausen sind, Abstand, das habe sie erst in den vergangenen Jahren gelernt. "In meinen Zwanzigern bin ich öfter über meine Kräfte hinausgeschossen. Jetzt sage ich auch mal: Ist nur ein Film, ich geh jetzt nach Hause." Herfurth dreht sich in einem weißen Sessel vor vier Bildschirmen. Die Beine hat sie übereinandergeschlagen, Kaffee in der einen Hand, einen Kuli als Taktstock in der anderen. Neben ihr sitzt der Cutter, mit dem sie schon ihren ersten Film "SMS für Dich" in Form gebracht hat. Kein Wort zu viel. "So ist cooler, zack, zack." "Das wieder länger, war lustiger."

Vor ein paar Tagen hat sie mit ihrem Team die aktuelle Schnittfassung angeschaut, jetzt arbeitet sie Anmerkungen ein. Welcher Witz zündet noch nicht? Wo muss mehr Emotion, wo mehr Tempo rein? Es scheint, gerade am Anfang dieses Films, kompliziert, eine Balance zu finden zwischen Gags und Drama. In einer der ersten Szenen ist die von ihr gespielte Figur, Franny, im Bad ihres Büros zu sehen. Eine hektische Frau im Business-Kostüm, die die Tür von innen nicht aufkriegt und eine Panikattacke bekommt. Dann öffnet sie ein Handyspiel, um sich mit der Melodie zu beruhigen. Eine 15-Sekunden-Szene, an der Herfurth und der Cutter 45 Minuten hin- und herschneiden. "Ich finde wichtig, Franny zu verstehen. Die Emotion ist wichtiger, als es lustig zu finden", sagt sie.

An Herfurths Seite spielt Hannah Herzsprung

Nachdem die erbarmungswürdige Franny von ihrer Chefin in den Urlaub geschickt wurde, wird sie als Geisel genommen. Von Mel, einer alleinerziehenden Frau, die just einen Juwelier überfallen hat, um sich und ihrer Tochter ein besseres Leben zu bauen (gespielt von Hannah Herzsprung). Auf der katastrophalen Flucht freunden sich beide an.

Karoline Herfurth (l) und Hannah Herzsprung in einer Szene des Films "Sweethearts"

Karoline Herfurth (l.) und Hannah Herzsprung in einer Szene des Films "Sweethearts"

DPA

Wenn Karoline Herfurth in den langen Schnitt-Monaten das Gefühl hat, sich mit ihrer Detailversessenheit zu verzetteln, ruft sie Caroline Link an – die Oscar-Preisträgerin, die vor elf Jahren in "Im Winter ein Jahr" ihre Regisseurin war, die beraten und beruhigen kann. "Aber richtig ruhig", sagt Herfurth, "bin ich eigentlich gerade nur im Schnittraum, wenn ich frickeln kann." Noch 117 Tage bis zur Premiere.

Ein Novembermittag, ein prächtiges Synchronstudio in einem Berliner Loft, Dachgeschoss, unten die Spree. Der Druck steigt, die Zeit verrinnt. Falls sie gestresst ist, spürt man davon immer noch wenig. Heute muss sie an Stellen arbeiten, an denen sie als Franny am Set zu undeutlich gesprochen, zu unpanisch geatmet, gewimmert oder geschrien hat. Bevor sie ins Studio geht, stretcht sie sich, zieht das linke Bein in die Luft und dann die Schuhe aus. Hier ist sie, offensichtlich, in ihrem Element, sie synchronisiert ja seit 20 Jahren nach. Herfurth heult, ohne zu heulen. Oder schreit irre panisch, um Sekunden später abgeklärt zu fragen, ob sie noch mal reinhören könne.

"Wie machst du das, ohne umzufallen? Hab ich noch nie gesehen!" 

Als sie die Actionszene in einer Autowerkstatt nachbearbeitet, 90 Sekunden hysterisch atmet, dabei auf der Stelle rennt und sich immer wieder die Hände vors Gesicht schlägt, ist der erfahrene Tonmeister beeindruckt, ein Mann um die 50 mit Radiomoderatorenstimme. "Wie machst du das, ohne umzufallen? Hab ich noch nie gesehen!" Manche Sätze spricht sie 15-mal ein, bis sie das Gefühl hat, es ist genau richtig so. Noch ein paar Würgegeräusche, fertig. Ein abgepackter Rucolasalat und ein Obstsalat warten zum Mittagessen. Noch 75 Tage bis zur Premiere.

Karoline Herfurth

Regisseurin Karoline Herfurth mit Kameramann Daniel Gottschalk

PR

Ein Montag Mitte Januar in einem Hotel am Berliner Gendarmenmarkt. Pressetag. In einem Salon im ersten Stock empfängt Karoline Herfurth, und sie wirkt zum ersten Mal angespannt, nervös. Freitagnacht war die finale Musikmischung ihres Films. Danach musste sie noch ein letztes Mal zur Farbkorrektur, die schon vor Weihnachten hätte erledigt sein sollen. Dann war "Sweethearts" fertig.

Wie geht es ihr damit? Eine harmlos gemeinte Frage, der Regisseurin im Salon stehen die Tränen in den Augen. "Ich hab in meinem Leben noch nie so viel gearbeitet wie in den letzten Monaten. Ich war die letzten Tage wie in Trance." Nachdem sie fertig war, kam ihre beste Freundin vorbei. "Wir haben Rotwein getrunken, ich war völlig neben mir. Ich bin erleichtert und aufgeregt und kann noch nicht begreifen, dass ich wirklich nichts mehr machen kann." Herfurth hat abgeliefert. Wenn auch vielleicht keinen "Kultfilm", wie Hannah Herzsprung hofft. Nicht jeder Witz kracht. Und die Romanze hätte man sich vielleicht auch sparen können, müsste der Film nicht am Valentinstag im Kino starten.

"Neee!", ruft Herfurth auf solche Vorwürfe. "Ich bin eine Kitsch-Urmel. In einem Film ohne Liebe fehlt etwas." Sie sei niemand, der um die Härten des Lebens herumeiere. Aber: "Ich liebe die Leichtigkeit, die Hoffnung, die Liebe. Das Leben ist nicht immer nur hart und trübe. Mir macht es keinen Spaß, depressive Filme zu schauen."

Nur 15 Prozent aller Kinofilme in Deutschland werden von Frauen gemacht

Und einen gewaltigen Unterschied zu allen Fitz-, Schweiger-, Schweighöfer-Streifen gibt es trotzdem: "Sweethearts" ist die erwärmende Geschichte einer Frauenfreundschaft, erzählt von Mutter-Tochter-Beziehungen und Chefinnen. Und wenn jemand erotisiert wird, dann der Schauspieler Frederick Lau als Polizist und ein etwas dümmlich dreinschauender Autoschrauber. Das ist eine Perspektive, die im deutschen Mainstream-Kino fehlt. Nur 15 Prozent aller Kinofilme in Deutschland werden laut "Pro Quote Regie" von Frauen gemacht. Es gibt lächerlich wenige arbeitende Frauenfiguren in Filmen, dafür viele, die sexualisiert dargestellt werden. Auch deshalb ist "Sweethearts" ein wichtiger Film, egal, was Kritiker schreiben werden.

Frederik Lau und Karoline Herfurth in einer Szene des Films "Sweethearts"

Frederik Lau spielt den Polizisten Harry, Karoline Herfurth die chaotische Franny

DPA

Karoline Herfurth, die immer noch für Soziologie eingeschrieben ist und sich viel mit Diskriminierung auseinandergesetzt hat, sieht das pragmatischer. Sie klingt ein bisschen wie Angela Merkel, wenn man sie fragt, ob sie Feministin sei: "Ich will nicht die Frau sein, die einen Film macht", sagt sie. "Ich will einfach einen Film machen. Einen geilen Film. Ehrlich gesagt."

Als Nächstes spielt sie in Bora Dagtekins neuer Komödie mit, die Dreharbeiten laufen schon. Mit Dagtekin hat sie schon "Fack ju Göhte" gedreht. Und dann will sie eine Pause machen. Herfurth hat sich ein Grundstück im Berliner Umland gekauft. An den Wochenenden in den bewegten letzten Monaten hat sie zur Entspannung Einrichtungszeitschriften gelesen. Hat sich mit Vasen, Teppichen, Holz beschäftigt, schon einmal vom Leben gekostet, das dann kommen könnte. Von der Leichtigkeit.