HOME

Zum Tod von Miriam Pielhau: "Es gibt Menschen, die hinterlassen ein Licht, wenn sie gehen müssen"

Als sie noch ein Kind war, kannte sie Miriam Pielhau nur als "Miri aus der Kiste". Später haben sich beide auf Twitter angefreundet. stern-Stimme Marie von den Benken nimmt in einem bewegenden Beitrag Abschied von der Moderatorin.

Miriam Pielhau

Marie von der Benken nimmt Abschied von ihrer Freundin Miriam Pielhau

Die erste Hälfte der 2000er Jahre in Hamburg müssen eine wilde Party gewesen sein. Ich war noch zu jung, um bei den richtig guten dabei gewesen sein zu dürfen, aber ich hatte eine ältere Schwester und ihre Freundinnen, die jedes Wochenende von grandiosen Nächten im Bunker, im Valentinos, der China Lounge oder im Wollenberg schwärmten. Lange, bevor ich 16 wurde und hätte mitfeiern dürfen, wurden diese Läden dann entweder von Pinneberger Vorstädtern, neureichen Pseudo-Schnöseln und Touristen kontaminiert oder komplett geschlossen. Ich erinnere mich aber noch gut an diese Jahre, als ich Flyer der "Hamburger Modelnacht", "Amica Scene Seen Party" oder "Sylter Nächten" bei meiner älteren Schwester fand und mir das Hamburger Nachtleben als die größte Freiheit und das wildeste Abenteuer vorstellte, das man erleben konnte.

Weil ich mit nicht mal 14 Jahren noch nicht sonderlich viel Aufregendes in meiner Vita zu verewigen hatte, was über Händchenhalten während eines Kinobesuchs, verschämtes Knutschen in einer Billard-Kneipe oder Schwärmereien für Kellner im Urlaub hinausging, sah ich viel Fernsehen, wenn das Wetter schlecht war oder alle meine Freunde im Urlaub.

Reaktionen zum Tod von Miriam Pielhau: "Du hast gekämpft und Hoffnung gespendet"

Damals mochte ich die Sendung "Giga". Wenn ich mich richtig erinnere, ging sie stundenlang, kam täglich aus Düsseldorf und wurde von ein paar wirklich auch noch sehr jungen, wilden Moderatoren gemacht. Es war wie eine Mischung aus "Jugend forscht" und "Bravo TV" für Jugendliche, die sich nicht nur für den nächsten Petting-Partner interessierten. Es gab auch keinen Starschnitt. Aber es gab dieses lustige Mädchen, das ziemlich klein war, und darum bei ihren Moderationen an ihrem Pult immer auf einer Kiste stand, damit sie neben den anderen Moderatoren und Gästen nicht winzig klein aussah.

"Miri auf der Kiste"

Für viele Monate hielt ich "Miri auf der Kiste" für so was wie eine Freundin. Natürlich wusste ich, dass sie mich nicht mal kannte, und ich redete mir auch nicht ein, dass wir uns bestimmt irgendwann treffen würden und dann super verstehen würden. Aber ich erlebte wohl so etwas wie eine Übersprungsreaktion, wenn man eine Serie zu oft guckt: Man identifiziert sich irgendwann mit einem Charakter besonders und fühlt sich der Serienclique auf eine surreale Art familiär verbunden.

Ich möchte nicht übertreiben oder glorifizieren und ich kann auch unumwunden zugeben, dass sich diese Euphorie sehr schnell legte, als sich andere Interessen als besonders wichtig in mein Leben schlichen.

Was aber blieb, war diese besondere Aufmerksamkeit in den immer wilder und schneller werdenden Nachrichten aus der Unterhaltungsbranche, wenn ihr Name auftauchte: Miri. Miriam Pielhau. Tausende von Promis kamen und gingen, Millionen von News rauschten vorbei. Das meiste blieb unbeachtet oder konnte sich maximal für ein paar Minuten in die tatsächliche Wahrnehmung mogeln - um dann eben so schnell wieder für immer zu verschwinden. Aber jeder von uns hat diese paar besonderen Namen, bei denen man immer kurz innehält und dann doch liest, was der Boulevard zu dieser Person zu berichten hat.

Ich entdeckte Miriam Pielhau auf Twitter wieder

Und so begleitete Miriam Pielhau mich auf eine bestimmte Art und Weise über viele Jahre. Viele von diesen Jahren vergingen lediglich mit ein paar unwichtigen Randnotizen aus Zeitungen und zufälligen Begegnungen im Fernseher, der aber an blieb, wenn sie dort zu sehen war. Was aber nicht häufig passierte. Fernsehen wurde für mich insgesamt zu einem beinahe nicht mehr existierenden Medium und diese Begegnungen mit Miriam Pielhau wurden entsprechend seltener.

Und dann kam Twitter. Irgendwann twitterten Miriam Pielhau und ich von derselben Party in Berlin. Wir machten uns über dasselbe undefinierbare grüne Getränk lustig. Ich glaube, es war während der Fashion Week. So entdeckte ich sie auf Twitter und sie mich irgendwie auch. Über ein paar Jahre entspannte sich eine nicht regelmäßige, aber immer mal wieder aufflackernde Twitter-Bekanntschaft, die mir einige lustige Stunden bescherte. Ich nahm wieder mehr an ihrem Leben teil, jedenfalls an dem Teil, den sie auf Twitter und Facebook teilte. Und auch ihr Instagram-Account war stets ein gleichsam lustiger wie auch ernsthafter Kanal. So wie ihr Leben. Viele Schicksalsschläge haben es geprägt, aber dennoch hat sie nie ihren Lebensmut und ihren Humor verloren. Und auch nicht die Art und Weise, wie sie Menschen positive Energie geben konnte.

Sie hatte den Mut, alles auszuprobieren

Vor einigen Monaten wollte ich sie in einem Musical in Berlin auf der Bühne sehen. Ich hatte mich darauf gefreut. Wieder so was, das man von ihr vielleicht nicht erwartet hätte. Jetzt auch noch singen? Aber das war auch ein Teil ihres Lebens: Wenn es um Kreativität ging, hielt sie sich nie für die Beste - aber sie hatte den Mut, alles auszuprobieren. Und damit war sie auch in diesen für sie neuen Metiers immer eine Bereicherung.

An jenem Freitagabend, an dem ich in der ersten Reihe sitzen wollte, hatte ich kurzfristig einen Job bekommen. Ich entschied mich dafür, zu sagen "Ach, dann ein anderes Mal" und wählte den Job. Als ich die fruchtbare Nachricht über Miriam Pielhaus plötzlichen Tod erhielt, war mein erster Schritt nach der Fassungslosigkeit, der Trauer, dem Verleugnen, dem Verzweifeln und dem "Wenn es einen Gott gibt, dann: Warum, Du bescheuerter Arsch?"-Gedanken, die Überzeugung, dass ich diesen Job damals hätte sausen lassen und ihr zujubeln sollen. 

Trefft die Menschen, die euch wichtig sind

Und das bringt mich zu zwei Dingen: 1. Trefft die Menschen, die euch wichtig sind, so oft es geht. Jede Sekunde kann für jeden von uns die letzte sein. Dafür muss man nicht schwer erkrankt sein. Das kann auch durch einen Unfall oder einfach großes Pech passieren. Niemand ist davor sicher. Erspart euch die Wut über euch selber, Dinge nicht getan oder gesagt zu haben, wenn es zu spät ist.

2. Es gibt Menschen, die hinterlassen auch ein Licht, wenn sie gehen müssen. Eines, das hell weiterstrahlen wird, auch wenn sie nun woanders sind. Miriam Pielhau war so ein Mensch. Meine tiefsten Gedanken des Mitgefühls gehen an ihre Kollegen, ihre Freunde, ihre Familie und vor allem ihre Tochter, die nicht nur eine grandiose Bekannte, sondern einen wichtigen Teil ihres Lebens verloren haben.

Liebe Miriam, vielen Dank für deine Zeit hier. Mögest du dort, wo du jetzt bist, glücklich sein und voller Vorfreude auf den Moment, wenn du mit den für dich wichtigsten Menschen eines Tages wieder vereint sein wirst.


Marie