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München Wiesn-Wirt gibt auf - ist das Oktoberfest ein Auslaufmodell?

Blick auf das "Bräurosl"-Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest
Das "Bräurosl"-Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest ist Geschichte. Mehr als 6000 Besucher drinnen und über 2000 draußen fanden darin Platz. Legendär war der jährliche erste Wiesn-Sonntag, bei dem Schwule und Lesben die Bierbänke für sich vereinnahmten.
© FB-Fischer/ / Picture Alliance
Erst die Absage der Wiesn 2020 und jetzt das: Die Wirtsfamilie Heide, die über Jahrzehnte das "Bräurosl"-Festzelt führte, gibt auf. Für viele kommt der Schritt völlig überraschend. Das einst so lukrative Oktoberfest droht zum Verlustbringer zu werden.

Jedes Jahr Millionär. Als der wegen Steuerhinterziehung in Ungnade gefallene Wiesnwirt Sepp Krätz 2014 seine Bücher vor Gericht offenlegen musste, staunten viele nicht schlecht. Gerätselt worden war zuvor viel. Doch was die Wirte mit Bier, Henderl und Ochsensemmeln wirklich verdienen, darum machten sie ein großes Geheimnis. Jetzt war es zum ersten Mal schwarz auf weiß zu lesen. Nach Abzug seiner Kosten blieben Krätz 2013 und 2014 je über eine Million Euro als Gewinn übrig. Ein stattliches Sümmchen.

"Es wird immer Gold." Dieser Satz über die Einnahmen auf dem Münchner Oktoberfest stammt von Ludwig Hagn, Wirt der Löwenbräu-Festhalle. Doch aus dem "wird" droht ein "war" zu werden. Denn die Absage der Wiesn 2020 und befürchtete Auflagen für das Jahr 2021 machen es schwierig, für die Zukunft zu kalkulieren. Wie eine Schockwelle verbreitete sich Mitte der Woche die Nachricht, dass die erste Wirtsfamilie aufgibt: Die Familie Heide, die über Jahrzehnte das traditionsreiche "Bräurosl"-Festzelt führte, gibt auf.

Mit Tränen in den Augen stand Georg Heide mit seiner Familie vor der Presse. "Zwei Monate haben wir schon vorab diskutiert, wie das ablaufen wird, wie die Zukunft 2021 aussehen wird", sagte er. Dabei seien die Bedenken immer größer geworden. Durch die Wiesnabsage fehlten Einnahmen, sie machten sonst mehr als 60 Prozent des Jahresumsatzes aus. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Oktoberfest künftig so sein wird, wie es die letzten Jahre war", sagte er und mutmaßte, dass es auch 2021 keine Wiesn geben könnte.

Dass eine Wirtsfamilie ein Zelt freiwillig aufgibt, kommt nicht oft vor. Die Vergabe der Lizenzen ist streng geregelt. Hat man sie, gilt das wie ein Sechser im Lotto. Nach dem ersten Entsetzen folgten hässliche Kommentare. Jahrelang habe sich die Familie eine goldene Nase mit der "Bräurosl" verdient, war in sozialen Medien und Kommentarspalten zu lesen. Jetzt wo wegen Corona die Einnahmen einmal nicht mehr sprudeln, würden sie sich aus ihrer Verantwortung stehlen. Doch so einfach ist es nicht.

Ein Oktoberfest-Festzelt ist ein hohes Risiko

Ein Wiesn-Festzelt ist ein mittelständisches Unternehmen. Während der Saison werden hunderte Mitarbeitende beschäftigt. Bei Heide waren darüber hinaus das ganze Jahr über zehn Angestellte nur für das Oktoberfest abgestellt. Hinzu kommen laufend steigende Kosten. In den vergangenen Jahren wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. In jedem Zelt wurde Security-Personal angeheuert. Einen Teil davon kompensierten die Wirte durch Preiserhöhungen. Doch wie soll man ein Jahr kalkulieren, das wegen der Pandemie völlig unberechenbar ist? Das finanzielle Risiko ist enorm.

1,5 Meter Abstand, "das wäre auf der Wiesn nicht möglich", sagte Heide. Auch versichern könne er einen eventuellen Ausfall nicht. Es würde sich schlicht kein Versicherer dafür finden. Sollte durch die Infektion eines Mitarbeiters das Festzelt mehrtägig geschlossen werden, wäre das eine Katstrophe. Doch die Entscheidung der Familie Heide, sich von der Wiesn zurückzuziehen, ist nicht nur eine wirtschaftliche. Offenbar spielen auch andere Gründe eine Rolle. Man wolle sich auf die Planegger Gaststätte Heide-Volm konzentrieren und das Unternehmen umbauen.

Sehen Sie im Video: So reagiert das Netz auf die Absage des Oktoberfestes. Die weltweite Corona-Krise hat nun auch das größte Volksfest der Welt erwischt. Das Oktoberfest findet 2020 nicht statt ­– Das teilt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Dienstagmorgen mit. Das Netz reagiert mit gemischten Gefühlen auf die Absage. Viele User sind froh, dass die Wiesn nicht stattfindet. Vor allem, damit das Virus eingedämmt wird: Viele Einheimische freuen sich aber auch über die ausbleibenden "Nebenwirkungen" der Wiesn:  Traditionelle Wiesngänger wie  Tennislegende Boris Becker  bedauern die Absage natürlich. Auch für tausende Gäste aus aller Welt ist die Wiesn jedes Jahr ein Highlight. Viele sind enttäuscht, dass der Trip in diesem Jahr ins Wasser fällt. Doch die meisten sehen die Absage positiv und freuen sich auf die kommenden Wiesn-Besuche umso mehr.
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Bewerbungen für "Bräurosl"-Nachfolge laufen bereits

Für Oktoberfest-Besucher gibt es deshalb Entwarnung. Ein massenhafter Exodus von Wirtsfamilien ist trotz der schwierigen Lage nicht zu erwarten. Mut machte Wirtesprecher Peter Inselkammer. Er räumte mit Blick auf Corona ein: "Es ist eine schwierige Situation." Zwar gebe es finanzielle Schwierigkeiten in der Gastronomie, für nächstes Jahr sei er aber "sehr zuversichtlich".

Für das "Bräurosl"-Festzelt ist bereits die Suche nach einem Nachfolger in Gang. Mehrere Wirte sollen sich beworben haben. Eine Entscheidung dürfte erst in einigen Wochen fallen. Doch alle sind sicher: Es wird weiter gehen. 

mai

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