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Transfrau Phenix Kühnert über gendergerechte Sprache: "Es fühlt sich einfach nicht gut an, nicht mitgedacht zu werden"

Phenix Kühnert über Transsexualität und Gendern
"Mein Makeup und mein Styling sind eine gewisse Schutzwand, die ich mir aufbaue, wenn ich sie brauche", sagt Phenix Kühnert im Interview.
© Delia Baum
Phenix Kühnert ist transsexuell. "Das bin ich nicht geworden, das war ich schon immer", möchte sie klarstellen. Ein Gespräch über Outing-Szenarien, Gender-Diskussionen und ein Leben außerhalb der Komfortzone.

In der Schule galt Phenix Kühnert, die damals noch anders hieß, als schwuler Mann. "Aber so richtig war das nicht", erzählt sie. Die Beziehung zu ihrem homosexuellen Partner ging zu Ende, Phenix veränderte sich und ließ Altes hinter sich, tauschte ihre Geburtsstadt an der Ostsee gegen das aufgeklärte Berlin. Im Gespräch mit dem stern spricht Phenix über ihren ganz eigenen Weg, über den Alltag als Transfrau und über die Wichtigkeit von gendergerechter Sprache. 

Disclaimer: Im folgenden Gespräch kommen vielleicht einige Worte vor, die Sie noch nicht kennen. Transsexuell sind Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Häufig wird deshalb auch der Begriff Transidentität benutzt. Als Cis hingegen werden Menschen bezeichnet, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen zugewiesen wurde. Binäre Geschlechter sind die beiden "typischen" Geschlechter männlich und weiblich.


Phenix ist seit ein paar Jahren dein neuer Name. Wie kamst du darauf?

Ein Dönermann am Kottbusser Tor in Berlin gab ihn mir. Ich hab damals in einer PR-Agentur gearbeitet und in der Mittagspause Gemüsedöner für mehrere Kolleg:innen bestellt. Es war super viel los und der Mann hat einfach irgendwelche Namen auf die Alufolien geschrieben. Auf meinem Stand Phenix. Seitdem hat mich der Name irgendwie immer begleitet, ich hab ihn mir eigentlich nicht ausgesucht, er ist passiert. 

Wann hast du angefangen, dich mit dem Geschlecht, das dir zugeordnet wurde, unwohl zu fühlen?

Bei mir ist vieles erst retrospektiv passiert. Den Schwimmunterricht in der Schule habe ich gehasst, ich musste bis zum Abitur teilnehmen und hätte alles dafür gegeben, eine Krankschreibung zu bekommen. Warum ich mich so unwohl gefühlt habe, verstand ich eigentlich erst Jahre später. Es war die Zuordnung der männlichen Umkleide, die Kleidung in Form einer Badehose, die ich tragen sollte, die Umziehsituation ansich. 

Das heißt der Verstehensprozess begann erst in deinen Zwanzigern?

Ja, vor fünf Jahren etwa. Ich hab' mich lange Zeit nicht mit diesen Gefühlen auseinandergesetzt oder sie überhaupt erst zugelassen. Es gibt so viele Menschen da draußen, die sich – bewusst oder unbewusst – transphob äußern, es gibt so viel gesellschaftlichen Druck und so viel Hass gegenüber queeren Menschen. Das sind alles Dinge, die mich in meiner Queerness eingeschränkt haben. Ich wollte es nicht zulassen. Als "schwuler Mann", der ich ja eigentlich nie war, war ich zumindest so halbwegs in der Gesellschaft angekommen und akzeptiert.Aber trans zu sein? Da fährt das Karussell nochmal los und alles in mir ruft "Neiiin, ich will nicht!"

Und trotzdem hast du dich getraut. 

Es hat mir damals geholfen, loszulassen und zu akzeptieren, dass man sich als Mensch immer weiter entwickelt. Von Geschlechtsidentität, über Sexualität und alles Mögliche im Leben – es ist uns allen gestattet, uns weiterzuentwickeln und Dinge zu hinterfragen.

Lass uns einmal definieren, worüber wir beim Begriff Transsexualität sprechen. Was bedeutet transsexuell für dich?

Tatsächlich verwende ich den Begriff transsexuell nur sehr ungern – stattdessen sage ich trans. Ich finde ihn irreführend, weil er suggeriert, es würde um eine Sexualität gehen – wie homosexuell oder heterosexuell – aber das ist nicht richtig. Es geht um die Geschlechtsidentität einer Person. Der Begriff soll Menschen beschreiben, die nicht das Geschlecht haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das kann wie in meinem Fall recht binär passieren, also mir wurde das Geschlecht männlich zugewiesen, heute weiß ich, dass ich weiblich bin. Daneben gibt es Menschen, die sich weder als weiblich noch als männlich identifizieren – auch sie können trans sein.

Zur Person

Phenix Kühnert ist 25 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Lübeck. Nach dem Abitur zog sie nach Berlin und arbeitete in verschiedenen Agenturen und Ateliers. Heute bezeichnet Phenix sich als Model und LGBTQIA+/trans-Aktivistin – und hostet den Podcast "Freitagabend". Auf ihrem Instagram-Account "thisisphenix" sowie an Universitäten und in Unternehmen klärt sie über Transsexualität auf und gibt Einblicke in ihr Leben.


Du bist zusammen mit einer Schwester und einem Bruder bei deinen Eltern aufgewachsen. Wie ist deine Familie mit deiner Entwicklung umgegangen?

In Bezug auf meine Familie habe ich wohl richtig gemacht, dass ich sie von Anfang an teilhaben ließ an meinem Prozess. Es ist schon einige Jahre her, dass ich mit allen beim Italiener saß und meinte: "Leute, bei mir ist gar nicht die Sexualität anders, sondern die Geschlechtsidentität. Und das finde ich gerade heraus". Ich habe mein Umfeld immer mitgenommen und so sind die Menschen auch mit mir zusammen gewachsen.

Dein Äußeres hat sich in den letzten Jahren stark verändert – das zeigst du auf einigen Posts bei Instagram. Hast du dich operieren lassen, um dieses Aussehen zu erreichen?

Ich muss sagen, dass ich krasses Glück habe und mich nie aufschneiden lassen musste, um so auszusehen. Ich habe mir Filler spritzen lassen in die Lippen, im Kinnbereich, an den Wangenknochen und der Nase. Und seit einem Jahr etwa nehme ich Hormone.

Wie läuft so eine Hormontherapie ab? 

Ich musste zu einer Psychotherapeutin, um mir die Diagnose abzuholen, dass ich trans bin und begleitend eine Therapie machen. Vor nicht allzu langer Zeit galt Transsexualität sogar noch als Krankheit. Die Psychotherapeutin muss im Prinzip bescheinigen, dass ich nichts anderes habe, das dazu führt, dass ich die Hormontherapie durchführen möchte. Für mich war dieser Schritt wichtig, weil Östrogen und das männliche Pendant Testosteron viele Auswirkungen auf den Körper haben; da geht es um Brustwachstum, aber auch um Fettverlagerungen, Muskelverteilung und Haarwachstum. Hormone können auch beeinflussen, wie weich oder hart ein Gesicht wirkt.

Deine Stimme klingt für mich viel weiblicher, als ich erwartet hätte. Hat das auch mit den Hormonen zu tun? 

Durch Hormone lässt sich die Stimme nicht ändern, nur durch Stimmtrainings, aber die habe ich nie gemacht. Meine Stimme ist schon höher, als sie vor ein paar Jahren war, aber da spielt auch immer gesellschaftlicher Druck mit rein. Wenn Menschen mich nicht sehen und nur hören, kategorisieren sie mich oft als männlich. Rufe ich zum Beispiel in einer Arztpraxis an, empfinde ich großen Druck, eine möglichst hohe Stimme zu haben, um ein unangenehmes Outing-Szenario zu vermeiden.

Gibt es vieler solcher Stolpersteine im Alltag?

Es gibt immer wieder Outing-Szenarien. Ich weiß nie, wie mein Gegenüber reagiert. Ich weiß nie, ob mein Gegenüber ein Problem mit queeren Menschen hat. Tatsächlich fühle ich mich durch die Covid-Situation und das Maskentragen sicherer, weil meine Kinnpartie – an der viele Menschen mein Transsein ablesen – verdeckt ist. Wenn ich mit Maske in einen Laden gehe, denk ich mir oft "Hach, wie entspannt. Keiner guckt mich komisch an, alle denken ich sei einfach 'ne Cis-Frau, die hier mal ein bisschen unterwegs ist." 

Das klingt als müsstest du häufig deine Komfortzone verlassen. 

Das kann ich gar nicht auf mein Transsein beschränken. Ich verlasse schon fast mein ganzes Leben ständig meine Komfortzone − nur da kann man meiner Meinung nach wachsen. Mein Leben ist nur erfüllt, wenn ich meine Komfortzone verlasse. Nur dann fühle ich mich lebendig.

Auf den Bildern, die ich in den Medien von dir sehe, trägst du in der Regel recht viel Makeup. Welche Bedeutung haben Makeup und Styling für dich?

Ob trans oder nicht – ich bin ich einfach eine Person, die Makeup und Styling liebt. Das ist meine Form von Kunst. Mein Makeup und mein Styling sind nichtsdestotrotz auch eine gewisse Schutzwand, die ich mir aufbaue, wenn ich sie brauche – wenn ich zum Beispiel sichergehen möchte, als Frau wahrgenommen zu werden.

Du bist derzeit single und auf der Suche nach einer Partnerschaft. Wie ist Dating als Transfrau?

Anstrengend, richtig anstrengend. Die einen fetischisieren mich, weil sie Lust haben, Mal 'ne Transfrau zu daten, die anderen sind wahnsinnig unsicher – und das ist ja auch okay − aber ich hab' keine Lust im Dating-Kontext Menschen aufzuklären. Das ist mir einfach zu anstrengend. Mir werden im Privatleben jeden Tag irgendwelche Fragen gestellt – viele davon sind völlig übergriffig. Das kann man sich als Cis-Mensch glaub ich nur schwer vorstellen. Die Lust auf Dates vergeht mir oft, aufgrund dieser Erfahrungen. Man muss sich mal überlegen, wie viele Transmenschen es gibt und wie viele Cis-Geschlechtliche. Wir können die nicht alle aufklären, dafür kann man sich im Internet informieren und dafür gibt es ja auch meinen Instagram-Account, aber im Dating-Kontext ist das einfach zu viel.

Als ich dich vor unserem Gespräch gefragt habe, was du beruflich machst, hast du dich – neben anderen Zuordnungen – auch als Aktivistin bezeichnet. Gerade hast du betont, wie anstrengend es ist, Menschen immer wieder aufzuklären. Warum tust du es trotzdem?

Ich bin einfach ein Mensch, der sehr selbstbewusst, offen und stark ist – es macht mich nicht besser oder schlechter, dass ich so bin, aber ich möchte es anderen Menschen leichter machen. Wenn ich erreiche, dass nur eine Person ihr Mindset ändert und zum Beispiel queerfreundlicher mit ihren eigenen Kindern umgeht, habe ich schon etwas geschafft. Mir ist wichtig, dass Menschen wie ich repräsentiert werden. Ich weiß selbst, wie es sich anfühlt, aufzuwachsen und nirgendwo Transfrauen wahrzunehmen.

Aber es gab bestimmt irgendwann ein erstes Vorbild?

Ja, das war und ist definitiv Kim Petras. Ich weiß noch, wie sie vor etwa zehn Jahren in einer Talk Show als "jüngste Transfrau der Welt" saß. Bis heute verfolge ich sie – mittlerweile ist sie ein internationaler Popstar. 

Welche Rolle spielt gendergerechte Sprache für dich?

Es fühlt sich einfach nicht gut an, von Sprache nicht mitgedacht zu werden. Sprache prägt uns – wie sehr, dazu gibt es immer wieder Untersuchungen. In einem Experiment, das mir immer wieder in den Kopf geht, stellte man Schüler:innen im Teenageralter verschiedene Berufe vor und fragte sie anschließend, ob sie es sich zutrauen, diese Berufe später auszuüben. Bei einer Gruppe wurden die Berufe gegendert vorgestellt, bei der anderen mit den weiblichen oder männlichen Zuordnungen, die in unserer Gesellschaft als typischer wahrgenommen werden; also Polizist, Anwalt, Erzieherin, Putzfrau und so weiter. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: In der nicht-gegenderten Gruppe blieben die meisten Schüler:innen bei den Berufen, die angeblich zu ihrem Geschlecht passen, in der gegenderten Gruppe haben sie sich deutlich mehr Berufe zugetraut. 

Hast du Verständnis für Menschen, die Gender-Diskussionen anstrengend finden oder meinen, gendern würde unsere Sprache kaputt machen?

Nein. Ich finde es egoistisch und wahnsinnig unreflektiert – fast schon naiv. 

Und von der Sprache einmal abgesehen; gibt es Dinge, die du dir von Cis-Menschen wünschen würdest?

Es wäre schön, wenn mehr Menschen sich der gesellschaftlichen Strukturen bewusstwerden und nicht einfach annehmen, alles immer schon zu wissen, sondern zu akzeptieren, dass alles vielschichtig ist – was eben etwas Wundervolles ist. Man braucht keine Angst davor zu haben, dass alles mehrdimensional und groß und ein Kosmos ist, man muss es einfach zulassen. Und dann ist alles ganz frei und ganz toll und ich klinge wahnsinnig esoterisch, aber was solls. Man muss sich von Dingen lösen und dann macht es erst Spaß, dann ist es entspannt. Ich glaube in vielen heterosexuellen Cis-Menschen schlummert noch ein bisschen mehr, wir sind nichts zu hundert Prozent, wir sind keine Maschinen.

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