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Regiedebüt "Lost River" von Ryan Gosling: Stilvoll geht die Welt zugrunde

Schauspieler Ryan Gosling versucht sich erstmals als Regisseur. Für sein düsteres Debüt "Lost River" ließ sich der Kanadier vom Verfall der US-Metropole Detroit inspirieren.

Von Andreas Renner, Los Angeles

Schauspieler Ryan Gosling wurde mit Filmen wie "Drive" und "Blue Valentine" bekannt

Schauspieler Ryan Gosling wurde mit Filmen wie "Drive" und "Blue Valentine" bekannt

Vielleicht wollte - oder musste - es Ryan Gosling ja einfach zu vielen Leuten auf einmal Recht machen? Einer der gefährlichsten Fehler für einen Hollywood-Schauspieler, der sich als Erstlings-Regisseur versucht. Davon können sie fast alle ein Lied singen: Denzel Washington, George Clooney, Angelina Jolie, Ben Stiller. Gosling, als Darsteller unbestritten eine der besten seiner Generation mit einer faszinierenden künstlerischen Bandbreite, hat sich für sein Debüt als Regisseur hinter der Kamera einen extrem schwierigen Happen ausgesucht.

"Lost River" erzählt die schaurige Geschichte einer sterbenden Metropole, in der Endzeitstimmung herrscht und die letzten verbliebenen Einwohner um die nackte Existenz kämpfen. Nachdem die alleinerziehende Mutter Billy (Christina Hendricks) inmitten dieses Chaos auch noch ihr Haus zu verlieren droht, weil sie ihre Schulden nicht mehr zahlen kann, arbeitet sie gezwungenermaßen im sadistisch angehauchten Nachtclub-Milieu. Ihr halbwüchsiger Sohn (Iain De Caestecker) ist gefangen zwischen liebestollem Hormonstau gegenüber der Nachbarstochter Rat (Saoirse Ronan) und dem Willen, der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. "Sicher, die Geschichte spielt in einem düsteren Umfeld, aber letztlich handelt er auch von Hoffnung und Familiensinn", sagt Gosling im Gespräch mit dem stern.

Exklusive Trailerpremiere "Lost River": So mysteriös ist Ryan Goslings Regiedebüt

Die Kritiker gehen nicht gerade zimperlich um mit "Lost River" - und das in weiten Teilen sicher auch aus gutem Grund. Der erfolgsverwöhnte Schauspieler lässt derartige Ablehnung mit einem selbstbewussten Schulterzucken an sich abprallen: "Ich bin sehr stolz auf diesen Film, wir haben hart dafür gearbeitet. Meinungen sind sehr objektiv, jeder darf natürlich denken was er möchte." Gosling steckte sehr viel Detailarbeit in sein Projekt, die Idee zu der düsteren Mischung aus Neo-Noir-Drama, Horrorfilm und Sozialdrama kam ihm bereits 2011, während er gemeinsam mit George Clooney in Detroit "Ides of March" drehte. Detroit, das einstige Aushängeschild der amerikanischen Autoindustrie, ist heute das Problemkind der US-Wirtschaft.

"Ich drehte alles, was ich an Elend sah"

Die Stadt steht vor dem totalen Ruin, ganze Nachbarschaften sind ausgestorben, die Kriminalität kaum noch in den Griff zu bekommen. "Ich wuchs in Kanada auf, auf der anderen Seite von Detroit. Diese Stadt hat mich schon als Kind immer fasziniert, sie stand für alles, was den Glanz Amerikas ausmachte. Als ich dann bei den Dreharbeiten zu 'Ides of March' durch die verlassenen Stadtteile lief und die vielen Häuserruinen sah, inspirierte mich das zu dem Drehbuch für 'Lost River'. Jeden Abend lief ich fortan durch die Ruinen, kaufte mir eine Kamera und drehte alles, was ich an Elend sah. Einmal wurde ich sogar verhaftet, weil die Polizei dachte, ich sei ein Plünderer."

Iain De Caestecker als Bones in einer Filmszene aus "Lost River"

Iain De Caestecker als Bones in einer Filmszene aus "Lost River"

Goslings Drehbuch spielt allerdings bewusst nicht in Detroit, er entschied sich für eine Fantasiestadt namens Lost River. Die Grundidee des Films ist nicht unspannend. Eine Stadt als Sinnbild für den Verfall der gesellschaftlichen Arbeiterklasse. Vielleicht wäre er ja besser dran gewesen, hätte er die harsche Realität der einstigen "Motor City" als Inhalt und Schauplatz seiner Geschichte verwendet. Gosling versuchte stattdessen zuviel reinzupacken in seinen Film. Stilistisch betrachtet hat man den Eindruck, Gosling wollte eine Hommage an viele von ihm geschätzte Filmemacher drehen: ein bisschen David Lynch, ein bisschen Nicolas Winding Refn ("Drive"), ein bisschen Derek Cianfrance ("Blue Valentine", "The Place Beyond the Pines"). Dass sein Film polarisiert, kommentiert Gosling mit einem Lächeln: "Ich arbeite lieber an Projekten, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich verlasse mich dabei auf mein eigenes Bauchgefühl und denke nicht darüber nach, ob jedem gefällt, was ich tue."

"Lost River" läuft ab dem 28. Mai in den deutschen Kinos