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Schreibsucht: Promi-Geburtstag vom 23. September: Per Olov Enquist

«Der Besuch des Leibarztes» zählt zu den erfolgreichsten Romanen des schwedischen Autors Per Olov Enquist. Die Verknüpfung von historischen Fakten und Fiktion haben ihn bekannt gemacht. Doch in vielen seiner Romane finden sich Elemente seines eigenen Lebens.

Per Olov Enquist

Der schwedische Autor Per Olov Enquist wird 85. Foto: Barbara Gindl

Stockholm (dpa) – «Absolut nichts deutete darauf hin, dass gerade er von der Schreibsucht befallen werden sollte», schreibt der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist in seiner Autobiografie «Ein anderes Leben» (2008).

Seine Familie seien Kleinbauern und Holzfäller gewesen. «Strebsame und rechtschaffende Menschen. Von Dichten keine Spur.» Dass Enquist also an seinem 85. Geburtstag am Montag (23. September) als einer der erfolgreichsten schwedischen Autoren gefeiert wird, war alles andere als vorhersehbar.

Neun Romane hat der hochgewachsene Autor geschrieben, dazu kommen zahlreiche Drehbücher, Dokumentationen, Essays, Theaterstücke und Kinderbücher. Sein größter Publikumserfolg in Deutschland war nach Angaben der Hanser Literaturverlage wohl «Der Besuch des Leibarztes» (1999) über den Hamburger Arzt Johann Friedrich Struensee. Dieser hatte eine Affäre mit der jungen dänischen Königin Caroline Mathilde. Außerdem sprudelte er vor modernen Ideen: wollte Folter und Leibeigenschaft abschaffen und die Schule reformieren. Eine historische Figur, doch die Details sind hinzugesponnen. «Die Zeit» lobte: «Ein großes Buch, ein mächtiges Buch, souverän und selbstbewusst überragt es die landläufige Produktion der Belletristen.» Deshalb sei Per Olov Enquist der wahre Anwärter für den nächsten Literatur-Nobelpreis.

Soweit ist es bisher nicht gekommen, doch Preise hat Enquist viele bekommen. Zuletzt 2010 den Nordischen Preis der Schwedischen Akademie. Trotzdem behauptet er zeit seines Lebens: «Ich bin kein Intellektueller.» 

Die Verknüpfung von historischen Fakten und Fiktion ist eines der Erfolgsrezepte Enquists. In seinem Roman «Das Buch von Blanche und Marie» (2004) bringt er die Physikerin Marie Curie und die Lieblingspatientin eines berühmten Pariser Nervenarztes zusammen. Im wahren Leben haben sie sich vermutlich nie gekannt.

Doch in vielen seiner Romane steht der Schwede mit einem Bein in seiner eigenen Geschichte. Enquists Vater stirbt, als er sechs Monate alt ist, die streng gläubige Mutter erzieht ihren Sohn zu Bescheidenheit. «Die Mutter ist sehr darauf bedacht, dass er sich nicht überlegen fühlt. Deshalb lobt sie ihn selten oder nie», beschreibt Enquist sich selbst. Nur einmal entgleiten der Volksschullehrerin lobende Worte. Als er sie fragt, was sie von seinen Texten hält, antwortet sie: «Ich hatte noch nie einen Schüler, der besser geschrieben hat als du.» Von diesen Worten habe er sein ganzes Leben gezehrt, erzählte Enquist in einem Interview 2018.

Die religiöse Mutter, der tote Vater, der Bruder, der starb, bevor Enquist geboren wurde und dessen Namen er trägt – all das taucht später in vielen seiner Romane auf.

Motiviert von den Worten seiner Mutter, studiert Enquist Literatur in Uppsala. 1961, 27 Jahre alt, debütiert er mit seinem Roman «Das Kristallauge» und schreibt daraufhin etwa alle zwei Jahre ein Buch. Er heiratet seine Jugendliebe und zieht mit Kind und Kegel nach West-Berlin. Umgeben von Vietnam-Demos und der Gründung der RAF will er ein Buch über Sport schreiben. Er selbst ist ein begeisterter Hochspringer.

1972 geht die Familie nach Los Angeles, Enquist unterrichtet an der Uni und beginnt, fürs Theater zu schreiben. Sein erstes Bühnenstück «Die Nacht der Tribaden» (1975) über den schwedischen Schriftsteller August Strindberg wird später in 30 Sprachen übersetzt.  

1986 verliebt sich Enquist in eine Dänin und zieht nach Kopenhagen. Die 80er Jahre verbringt er überwiegend dort. Doch die lange Zeit im Ausland – «im Exil» – wie er es nennt, fordert ihren Tribut. «Ich wurde in die Theaterwelt hineingezogen. Ich trank eine Menge Alkohol. Das war ein großer Kreis. Und man kann nichts schreiben, wenn man Alkohol im Blut hat.»

In seiner Autobiografie beschreibt Enquist, wie er zunehmend abrutschte. «Er hatte keine Illusionen, es war unmöglich zu lügen. Er trank.» Erschreckend klar sieht er seine eigene Situation und verachtet die, die ihn nicht durchschauen. In den wenigen nüchternen Morgenstunden schreibt er den Roman «Gestürzter Engel - Ein Liebesroman» (1985/2009).

Nach zahlreichen Entzugsversuchen gelingt es ihm 1990, sich vom Alkohol loszusagen. «Kapitän Nemos Bibliothek» (1991) ist der erste Roman, der danach erscheint. Es geht um zwei Jungen, die bei ihrer Geburt vertauscht wurden und im Alter von 28 wieder mit ihren biologischen Eltern vereint werden. Seine eigene Geschichte lässt ihn nicht los. Und so schreibt er sie schließlich ganz auf in dem autobiografischen Werk «Ein anderes Leben», analytisch aus der Erzähler-Perspektive betrachtet.

Per Olov Enquist war also doch dazu geboren, Schriftsteller zu werden, könnte man meinen, wenn man auf sein erfolgreiches Schaffen zurückblickt. Doch er selbst war nicht immer so sicher. Die Stille zwischen seinen Büchern, brachten ihn oft dazu, darüber nachzudenken, einen anderen Beruf zu ergreifen, erzählt er 2018 in einem Interview mit dem Schwedischen Radio. Dort berichtet er von seinem Herzinfarkt zwei Jahre zuvor, den Krebszellen im Magen und dass die Worte verschwinden. Wie es ihm heute geht, behält die Familie für sich. Dass er eine besondere Gabe hat, hat der 85-Jährige aber immer genossen. «Es gibt nicht viele Menschen, die so ein Glück erleben dürfen.» 

dpa