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Vanessa Beecroft: Vuitton und die nackten Frauen

Die Künstlerin Vanessa Beecroft kreiert Tableaux Vivants - zum Beispiel, indem sie mit Frauenkörpern Buchstaben nachbildet. In Berlin sind derzeit ihre Arbeiten für die Luxusmarke Louis Vuitton zu sehen.

Von Susanne Haase

Als das französische Lederwarenhaus Louis Vuitton im vergangenen Herbst zur Eröffnung des neuen Flagshipstores an den Champs-Elysées lud, erwartete das illustre Publikum ein Leckerbissen: Die Künstlerin Vanessa Beecroft, 36, für ihre Tableaux Vivants, lebenden Bilder, berühmt, hatte dreißig junge Frauen zwischen die edlen Koffer und Taschen in die Regale drapiert, nur mit Nylonstrumpfhosen oder Pumps, deren Schnürriemen bis zum Knie reichten, ausgestattet. Also eigentlich nackt.

So harrten sie drei Stunden aus, während ihr unbeteiligter Blick über Filmstars wie Sharon Stone, Catherine Deneuve und Uma Thurmann oder Topmodel Nadja Auermann glitt, die sich an Champagner und Petit Fours labten und ihrerseits das Kunstwerk betrachteten. Damit hatte Beecroft vermutlich erreicht, was sie wollte: Der Betrachter ihrer Werke soll schließlich einen Wechsel zwischen distanzierter Beobachtung und Voyeurismus erleben.

Frauenkörper formen Alphabet

Vergangenen Samstag lud das Unternehmen nun ins ehemalige Postfuhramt in Berlin-Mitte. Der Termin war klug gewählt, da die Art Forum, eine der wichtigsten internationalen Messen für zeitgenössische Kunst, noch bis Mittwoch Galeristen, Sammler und Künstler an der Spree versammelt. Obendrein versprüht die Location den für die Hauptstadt typischen Charme des Verfalls.

Eine Woche sind Schnappschüsse, ein Video und ein Panoramabild der Aktion in Paris dort zu sehen. Neben dreizehn großformatigen Fotografien, die Beecroft ebenfalls im Auftrag des Luxuslabels anfertigte. Die Serie trägt den Titel "Alphabet Concept": Sie zeigt Frauen, dieses Mal, bis auf die ein oder andere Perücke, gänzlich unbekleidet, deren Körper Buchstaben des Alphabets formen. Kernstück ist das Firmen-Monogramm, farblich passend mit hell- und dunkelhäutigen Damen nachgestellt.

Leopardenoptik am meisten fotografiert

Möglicherweise lag es an der Uhrzeit, es war kaum Mittag, draußen strahlte die Sonne, oder daran, dass die Dokumentation einer Performance gegenüber dem Live-Act nur verlieren kann und das Alphabet eben nicht nur aus den Buchstaben von Louis Vuitton besteht: Die Atmosphäre war nicht mit der unabhängigen Veranstaltung von Beecroft, eine zweifache Mutter, die sich zu Essstörungen und Tablettensucht bekennt, vor anderthalb Jahren in der Neuen Nationalgalerie zu vergleichen.

Beecroft selbst war enttäuscht: "Was man hier sieht, macht für mich keinen Sinn mehr. Das hat es in Paris noch gemacht", sagte die 38-jährige Italienerin in einem Interview mit dem stern, das in der Ausgabe Nummer 42 zu lesen sein wird. "Die Entscheidung, wo diese Bilder ausgestellt werden, liegt leider außerhalb meiner Kontrolle." Andererseits standen für die Vernissage der Kooperation mit Louis Vuitton sowieso nur VIP wie Celia Gräfin von Bismarck, Schauspieler Thomas Heinze oder Verlegerin Angelika Taschen auf der Gästeliste. Meistfotografiertes Motiv war das schrill geschminkte, in Kostüme mit Leopardenoptik gewandete Künstlerpaar Eva & Adele.

"Kunst bleibt immer Kunst"

Die beiden wollten das Werk der befreundeten Kollegin nicht kommentieren, räumten allerdings ein: "Es ist toll, wenn Künstlern solche Budgets zur Verfügung gestellt werden." Die nahe liegende Kritik, diese Arbeiten seien ein weiteres Indiz dafür, dass die Grenze zwischen Kunst und Kommerz verwische, kontern sie rigoros: "Kunst bleibt immer Kunst. Weder Kommerz noch Geld können ihr etwas anhaben!".

Immerhin beweist Louis Vuitton mit der Auswahl der Künstler ein gutes Händchen: Neben James Turrell und Tim White-Sobieski aus den USA steht auch der Isländer Olafur Eliasson im Dienst der Marke. LVMH-Chef Bernard Arnauld, zu dessen Imperium Louis Vuitton gehört, war übrigens zu einem Drittel an Phillips de Pury & Luxembourg beteiligt, einem wichtigen Auktionshaus für moderne Kunst. Er hat seine Aktien Ende 2002 verkauft. Sicher ist es für ihn lukrativer, eine Marke mit jungen, viel versprechenden Künstlern zu schmücken, als damit zu handeln.