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Was macht eigentlich ...: ... Tonya Harding?

Die US-Eiskunstläuferin erreichte 1994 traurige Berühmtheit: Ihr damaliger Ehemann ließ ihre schärfste Konkurrentin während des Trainings mit einer Eisenstange schwer verletzen.

Mrs Harding, bei Google gibt es 490.000 Seiten über Sie - 'ne Menge für eine ehemalige US-Eiskunstlaufmeisterin.

Ich war auch Vizeweltmeisterin und zweimal bei den Olympischen Spielen. Und ich habe als zweite Läuferin überhaupt den Dreifachaxel geschafft. Darauf bin ich immer noch stolz.

1994 waren Sie so berühmt wie der US-Präsident.

Auch schlechte Presse ist Presse! Ich war auf dem Titel von "Time" und "Newsweek". Aber es gab auch Zeiten, da kam ich durch meine Erfolge auf die Titelseiten.

Bei Ihrem Namen denkt man doch zuerst an das Attentat mit der Eisenstange.

Gott allein kennt die Antwort, was wirklich passiert ist, ich wusste von dem Angriff auf Nancy nichts. Das hatte mein Ex-Mann allein eingefädelt. Den Ruf, ein Biest zu sein, werde ich aber nicht mehr los.

Immerhin wurden Sie verurteilt. Weil Sie die Ermittlungen behindert haben.

160.000 Dollar musste ich zahlen, die ich durch Fernsehauftritte zusammenkratzen konnte; freiwillig habe ich weitere 50000 Dollar gespendet. Dazu musste ich noch 500 Stunden in einem Seniorenheim arbeiten, habe dort gekocht und gewaschen.

Der Skandal hat den Eiskunstlauf eher noch populärer gemacht. Hatten Sie etwas davon?

Gar nichts. Ich wurde gesperrt, war nur noch traurig und frustriert. Eiskunstlauf war meine Liebe und Leidenschaft. Ich war doch eine der Besten, und nun war alles im Eimer. Es tut immer noch weh, und die Strafe empfand ich damals als ungerecht.

Noch Kontakt zu Nancy Kerrigan?

Seit Ewigkeiten nicht mehr. Nach Olympia 1994 habe ich sie ein-, zweimal gesehen und mich bei ihr entschuldigt. Wie ich gehört habe, ist sie glücklich verheiratet und hat zwei Kinder.

Sind Sie denn zufrieden?

Absolut. Gesundheitlich geht es mir viel besser. Ich leide zwar an Asthma, aber meine Lungenkapazität ist von 54 auf 65 Prozent gestiegen; ich rauche ja auch seit Jahren nicht mehr. Und ich versuche immer wieder zu beweisen, dass ich mehr als nur die Eishexe bin. Jeder macht Fehler in seinem Leben. Heute denke ich positiv und danke Gott für jeden neuen Tag.

Wie leben Sie denn?

Tief im Wald. Manchmal fällt morgens der Strom aus. Dann ruft mich meine Agentin an, um mich zu wecken. Ich handele mit Autos, und für Freunde wasche und wachse ich sie. Ist ein Teilzeitjob. Alle zwei Monate habe ich eine Autogrammstunde, und gelegentlich kümmere ich mich am Ring um ein paar Boxerinnen. Früher habe ich Kinder im Eislaufen unterrichtet. Das möchte ich wieder tun.

Warum wohnen Sie so weit weg vom Schuss?

Ich liebe diese Ruhe, gehe zur Jagd und angeln. Das nächste Dorf ist zehn Minuten entfernt, hat 800 Einwohner. Gegenüber wohnen die Nachbarn, sonst habe ich nur meine Katze Louie. Eine feste Beziehung gibt's schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Mit den letzten gab es ja auch nur Ärger.

Meinem Ex-Mann verdanke ich den Kerrigan-Skandal und dass er ein privates Hochzeitsvideo...

... das war ein Porno ...

... an die Presse gegeben hat. War das peinlich! Er brauchte wohl Geld. Und meinem Ex-Freund habe ich eine Radkappe gegen sein Motorrad geschmissen und ihm mit der Faust auf die Nase geschlagen.

Damit kannten Sie sich ja aus.

Nein, meine Boxkarriere begann später.

Warum wollten Sie überhaupt Boxerin werden?

Geld hat eine Rolle gespielt - ich konnte damit meine Miete bezahlen. Und der Sport hat mich fasziniert, er ist so brutal. Aufs Eis zu fallen tut zwar auch weh, aber bekommen Sie mal einen Schlag voll ins Gesicht ab!

Interview: André Groenewoud

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