HOME

Was macht eigentlich...: Monika Wulf-Mathies

Zwischen 1982 und 1994 führte sie die Gewerkschaft ÖTV. Sie galt in Arbeitskämpfen als beinharte Verhandlungsführerin.

Zur Person:

Die ehemalige Gewerkschaftschefin in ihrem Bonner Büro und 1986 an der Seite Willy Brandts auf dem SPD-Parteitag in Offenburg. Monika WulfMathies hat als Hilfsreferentin in der Presseabteilung von Wirtschaftsminister Karl Schiller begonnen, schrieb später Reden für Brandt. Von der Gewerkschaftsspitze wechselte sie 1995 als Kommissarin zur EU. Heute arbeitet die 62-Jährige für die Post AG

Das Interview mit Monika Wulf-Mathies führte Klaus Wirtgen

Internationale Unternehmen wie General Motors rationalisieren mit einem Federstrich Zehntausende Arbeitsplätze weg. Sind Arbeitnehmer und Gewerkschaften machtlos?

Nicht machtlos. Aber Arbeitslosigkeit und weltweite Konkurrenz begrenzen die Handlungsspielräume, wenn man Arbeitsplätze sichern will.

Wenn Sie sich in die Rolle Ihrer heutigen Kollegen versetzen: Was würden Sie tun?

Ihnen jedenfalls keine öffentlichen Ratschläge geben.

Nach der Wende haben Sie Lohnerhöhungen von bis zu sechs Prozent erkämpft. Dagegen wirkt Ihr Nach-Nachfolger Frank Bsirske geradezu lammfromm.

Jeder kann nur umsetzen, was die ökonomischen Rahmenbedingungen hergeben. Als ich Vorsitzende war, hatten wir noch ein wesentlich kräftigeres Wachstum - und mehr Inflation. Heute liegt der Schlüssel für gewerkschaftliche Erfolge in größerer Flexibilität bei Arbeitszeit und Lohn.

Auf Kosten der Flächentarife?

Es gibt innerhalb der Flächentarifverträge mehr Spielraum für Flexibilität, als man annimmt. Trotzdem sollten beide Seiten hier auf Schaukämpfe verzichten und das vor Ort Notwendige ermöglichen.

Sind Sie heute noch Mitglied der ÖTV- Nachfolge-Gewerkschaft Verdi?

Das bin ich und werde es bleiben, auch wenn ich mich nicht immer mit allem identifiziere, was da diskutiert wird. Das war aber früher nicht anders.

Ist die Bezeichnung Powerfrau zutreffend?

Ich kann damit leben. Es beschreibt nicht ganz unrealistisch, dass ich bei allem, was ich tue, meine ganze Kraft einsetze.

Im Sinne von Mannweib?

Nein. Ich bin eine Frau und habe das auch nie versteckt. Aber die Frage ist typisch Mann: Frau und Macht schließen sich nicht gegenseitig aus.

Sie sind Direktorin "Politik und Umwelt" der Post AG, als Chef-Lobbyistin weltweit im Einsatz. Was sind Ihre Aufgaben, außer Reisen und Essen auf Spesen?

Es gibt ein gesteigertes Bewusstsein dafür, dass die Spesen und das Essengehen keine Mittel sind, um Menschen zu überzeugen. Meine Gesprächspartner sind Parlamentarier im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament, Senatoren, Mitglieder des Repräsentantenhauses in den USA. Dazu Vertreter der Regierungen und Kommissare. Die können sich auch selbst ein Essen leisten. Aber sie brauchen Informationen über Wirtschaftstrends und Unternehmensentwicklungen. Und die kann ihnen am besten jemand vermitteln, der beide Seiten kennt.

Wovon wollen Sie Ihre Gesprächspartner überzeugen?

Dass es bei politischen Entscheidungen darauf ankommt, die ökonomischen Folgen zu bedenken.

Sie sind seit 1968 mit einem Astrophysiker verheiratet...

... einem sehr netten Mann, der allerdings nicht so viel in der Gegend herumturnt.

Wie hat er Ihre Karriere verkraftet?

Er kommt damit sehr gut zurecht, weil er nicht darauf angewiesen ist, zu beweisen, dass er der Herr im Ring ist.

Wo leben Sie heute?

Gemeinsam in Bonn.

Haben Sie gemeinsame Hobbys?

Natürlich. Wir lesen gern gemeinsam und hören Musik. Wir fahren zum Langlauf ins Oberengadin. Wir sammeln moderne Grafiken und besuchen Konzerte und Theater.

Und was kommt nach dem Trubel?

Mit dem Ruhestand hat es noch ein bisschen Zeit. Vielleicht hole ich nach, was durch das Berufsleben zu kurz gekommen ist: die Pflege kultureller Neigungen, Gedichte schreiben, malen, wer weiß.

print