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Neues Buch Henriette Hell: "Netflix und Co. sind schuld an unserem verkümmerten Sexleben"

Henriette Hell
Henriette Hell spricht in ihrem neuen Buch offen über die Lust und was sich heutzutage beim Thema Sex verändert hat.
© Melina Mörsdorf
Die ehemalige stern-Stimme und Bestseller-Autorin Henriette Hell hat ein neues Buch auf den Markt gebracht. Dieses Mal geht es mit gewohnt deutlichen Worten um die Lust. Mit dem stern sprach die Autorin über Themen wie Fuckability und Sexflaute, die uns alle bewegen, oder eben auch nicht.

In ihrem neuesten Buch "Lust - Fuckability, Orgasm-Gap und #MeToo" untersucht Henriette Hell das sexuelle Selbstverständnis und Selbstbild der heutigen Zeit. Sie nimmt den digitalen Sex-Overload unter die Lupe und findet gewohnt klare Worte zur Orgasmgap, die neben der Paygap nicht das einzige "Gap"-Problem bei Frauen zu sein scheint. 

Haben wir eine gesellschaftlich, mediale Überdosis an Sex und Sex-Content?
Wir sind heute permanent umgeben von anturnenden Bildern, barrierefreier Pornografie und expliziten Songtexten –  das ist für unsere Lust einfach too much! Wenn du schon morgens um 6 Uhr an der Bushaltestelle ein Plakat von einem Casual Dating Portal siehst, mit dem Spruch: "Mein eigenes Bett kenne ich jetzt gut genug" – dann bist du irgendwann nur noch satt. Unfreiwillig dauerstimuliert. Der Reiz des Verbotenen ist weg, wenn dir die Versuchung überall hinterher geschmissen wird, wie z. B. durch die Ich-bezahl-für-deine-Nacktfotos-Plattform OnlyFans. Ein Klick genügt – und du bekommst sofort alles (von deinem Lieblingspromi) zu sehen. Gähn! Es findet eine komplette Übersättigung durch unzählige digitalen Möglichkeiten zu Themen wie Daten, Pornos, Fremdgehen und Fetisch statt. In einer Welt, in der fast jeder Fetisch mal eben mit ein paar Klicks befriedigt werden kann, ist es das größte Tabu, keine Lust (mehr) zu haben.

Können Sie das ausführen?
Wussten Sie, dass sexlose Ehen im Trend liegen? Es redet bloß keiner darüber, weil es in unserer übersexualisierten Gesellschaft, in der die BDSM-Lovestory "Fifty Shades of Grey" in der Primetime läuft und sogar Gulaschsuppe mit Zweideutigkeiten verkauft wird, zum größten Tabu geworden ist, KEINE Lust mehr zu empfinden. Dabei ist die Sexflaute längst da! Zahlreiche Studien ergaben: Noch nie hatten Paare so wenig Sex wie heute. Nie fingen junge Leute später damit an.

Und: Während die Briten 1990 noch fünfmal im Monat miteinander schliefen, waren es 2000 nur noch viermal. Mittlerweile vergnügt sich das Durchschnittspaar (zwischen 16 und 64) nur noch dreimal pro Monat miteinander. Ob das nun viel oder wenig ist, muss jetzt jeder für sich selbst bewerten.

Wo sehen Sie die Ursache dafür, dass wir statistisch gesehen weniger Sex denn je haben?
Durch Social Media und die vermeintlich perfekte Welt sind die Schönheitsideale verfälscht. Zum Beispiel sind die Kardashians von oben bis unten operiert und auf Fotos retuschiert. Wir alle ahmen das nach und kreieren unser virtuelles Ich. Die Hemmschwelle, sich nach den vermeintlich "perfekten" Fotos auf ein reales Date zu begeben oder sich einem Sexualpartner nackt zeigen zu wollen, sinkt.

Henriette Hell analysiert den Sex-Overload der heutigen Gesellschaft

Inwiefern hat Netflix was mit der sexualisierten Gesellschaft zu tun?
Dazu gibt es eine interessante Studie, die besagt, dass die Streamingdienste daran schuld sind, dass im Bett nichts mehr läuft. Sex ist Plan B, wenn auf allen Streaminganbietern echt nichts mehr läuft. Wir sitzen abends auf dem Sofa, können jeden Tag neue tolle Serien und Filme konsumieren, haben Tiktok und Instagram, erst wenn nichts mehr übrigbleibt und dich jedes Portal nur noch langweilt, schaut man mal, wer neben einem auf dem Sofa sitzt. Es gibt keine Langeweile mehr und im Mittelalter war Sex einfach das Hobby Nummer Eins. Daher denke ich, Netflix und Co. sind auch schuld an unserem verkümmerten Sexleben.

Was ist das Fremdgeh-Gen?
Natürlich ist Fremdgehen zuallererst eine Entscheidungsfrage. Und das Sexleben nach zehn Jahren in einer Beziehung nicht das Gleiche wie in den ersten Jahren. Allerdings gibt es tatsächlich Studien, die ein Gen nachweisen konnte, das die Wahrscheinlichkeit zum Fremdgehen nachweislich erhöht.

Haben Sie einen persönlichen Dating-Tipp?
Man kann meiner Meinung nach nichts pauschalisieren. Ob man beim ersten Treffen intim wird oder nicht und was daraus noch entstehen kann, dafür gibt es keine Regel. Es sollte sich immer locker und leicht anfühlen. Nicht taktieren. Sobald du ins Nachdenken kommst und Freundinnen WhatsApp-Verläufe zeigst, läuft irgendetwas nicht rund.

Was ist Ihrer Meinung nach die heutige Todsünde?
Unsere Gesellschaft ist völlig überfordert von dem krassen Druck, dass heute im Prinzip jede:r den besten Sex seines Lebens haben kann und muss. Und wenn er/sie das nicht hinkriegt, wo wir doch heute so frei wie nie sind und alle Möglichkeiten haben, dann sind wir gefühlt einfach zu blöd. Das brachte mich zu der These, dass heute die eigentliche Todsünde nicht mehr die Wollust ist, sondern ein lahmes Sexleben. Bzw. keine Lust (mehr) zu haben. Wäre unsere Welt nicht so übersexualisiert, würden wir Sex auch nicht so verdammt ernst nehmen, sondern ihn stattdessen einfach haben und genießen.

#Orgasmgap – damit ist die Schlucht zwischen der Häufigkeit des weiblichen und männlichen Orgasmus gemeint. Was raten Sie Frauen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie zu kurz kommen?
Die sexuelle Revolution geht immer weiter und die Frauen sind die Gewinnerinnen: Wir können heute lieben wie und wen wir wollen, die Klitoris wird gefeiert – Stichwort: Viva La Vulva –, wir sind bestens aufgeklärt, Bodypositivity sorgt für ein neues (sexuelles) Selbstbewusstsein, wir brauchen durch zum Beispiel die Antibabypille keine Angst mehr vor einer ungewollten Schwangerschaft zu haben. Wichtig ist, sich nicht von der Darstellung von Sex in Mainstream-Pornos oder Hollywoodfilmen beeinflussen zu lassen. Man muss herausfinden, was die eigenen Bedürfnisse sind und diese auch kommunizieren.

Bei "Fifty Shades of Grey" und ähnlichen Filmen sehen wir immer nur: Eine Frau wird genommen, am besten im Hausflur an die Wand gedrückt, fünf, sechs, sieben Stöße und dann kommen beide gleichzeitig nur durch die Macht des Penisses. Das sorgt für ein falsches Bild. 70 bis 80 Prozent der Frauen brauchen die zusätzliche Stimulation der Klitoris, um zum Höhepunkt zu kommen. Leider brauchen noch immer viele Männer und auch Frauen Aufklärung über die (eigene) weibliche Sexualität.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es vielleicht bald Sex-Roboter geben könnte. Würden Sie sich einen zulegen?
Never ever! Mir ist mein Handy und die sexuelle Reizüberflutung schon zu viel. In Japan gibt es tatsächlich schon Dating- und Beziehungssimulationen auf dem Handy. Auch wir hier in Europa haben bereits VR-Brillen – wenn wir alle bald im stillen Kämmerlein mit VR-Brille Sex mit Beyoncé, Kurt Cobain oder wem auch immer haben können, wird im realen Leben schlimmstenfalls immer weniger laufen. Alles verschiebt sich mehr und mehr ins Internet.

Die Zahl der Pornosüchtigen steigt, Sex-Avatare boomen. Wir könnten bald aussterben, weil die Lust und Sex zu sehr digitalisiert wird. Die Leute nutzen ja auch häufig Dating-Apps, ohne sich je wirklich zu verabreden, weil sie dabei niemanden enttäuschen oder versagen können. Sicherlich einer der Gründe, warum Ghosting so in Mode gekommen ist.

Was ist Ihr Wunsch, wie Sexualität sich gesellschaftlich weiterentwickeln sollte?
Wir Deutschen haben das Genießen ein bisschen verlernt, darüber gibt es sogar eine Studie. Jede Sekunde muss produktiv genutzt werden, man optimiert sich nonstop selbst. Es kostet viel Zeit sich die ganze Zeit jung und fuckable zu halten, dabei vergessen einige den Sex als solchen komplett.

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