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Coronakrise Atemschutzmasken statt BHs – so rüsten Textilfirmen ihre Produktion um

Bei der Firma Trigema in Burladingen werden derzeit Atemschutzmasken gefertigt.
Bei der Firma Trigema in Burladingen werden derzeit Atemschutzmasken gefertigt.
© DPA
Trigema macht es, Mey auch: Immer mehr Textilfirmen rüsten in der Coronakrise ihre Produktion auf Atemschutzmasken und Schutzkleidung um. Der Bedarf ist enorm. Selbst Designerlabel machen mit.
Von Cathrin Wißmann

Wartelisten sind etwas, dass man bei Mey im schwäbischen Albstadt nicht kennt. Der Wäschehersteller gilt zwar als deutsches Traditionsunternehmen, aber dass bei der Firma die Telefone nicht stillstehen, hat man dort noch nicht erlebt. Mey hat einen Teil seiner Produktion auf Atemschutzmasken umgestellt. Nun kann sich die Firma vor Aufträgen kaum retten. "Die Anfragen von medizinischen Einrichtungen haben sich in den letzten Tagen derart gehäuft, dass wir uns dazu entschlossen haben, zeitnah in die Fertigung eines funktionalen Mund-und Nasenschutzes einzusteigen", sagte Mattias Mey, Managing Partner des Unternehmens, Anfang der Woche dem Fachmagazin "Textilwirtschaft". Mittlerweile rattern seine Maschinen über Masken, statt über BHs und Slips.

Innerhalb weniger Tage rüstete die Firma einen Teil ihres Maschinenparks um, fertigte Prototypen, reichte sie bei Zertifizierungs-Instituten ein. Zwar entsprechen die Masken nicht dem Schutz eines FFP2- oder FFP3-Modells mit integriertem Filter. Diese benötigen Schwestern und Ärzte, die im direkten Kontakt mit Corona-Erkrankten stehen. Für das normale Stationspersonal hingegen, das nicht mit Infizierten in Kontakt tritt, seien diese aber ausreichend.

Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, sprach erst kürzlich in seinem Podcast darüber, dass der einfache Mund-und Nasenschutz zwar keine Alternative zu den Sicherheitsmasken sei, aber immerhin eine Ergänzung, die die Ansteckungsgefahr von anderen minimieren könne. Normale Bürger, die sich auch auf der Straße sicherer fühlen wollten, könnten eine solche Maske tragen. Sie sei als deutliche Signal zu verstehen, dass die Lage ernst sei.

Inzwischen hat eine bundesweite Diskussion eingesetzt, ob eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum und beim Einkaufen eingeführt werden soll. Als erste deutsche Großstadt hat Jena das Modell für kommende Woche angekündigt, in Österreich ist das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes beim Einkaufen ab dem 1. April Pflicht. 

Bei Mey sind die Masken aus Baumwolle gefertigt, bei 90 Grad wasch- und wiederverwendbar. Noch sind sie ausschließlich für medizinische Zwecke gedacht. Auch wenn es eine große Nachfrage von Privatleute gebe, könne man dieser aus Kapazitätsgründen aktuell nicht nachkommen, heißt es aus dem Unternehmen. Die Aufträge der medizinischen Betriebe haben Vorrang. Auf der Warteliste von Mey umfassen sie Volumen zwischen 10.000 und 100.000 Stück.

Einen ähnlichen Ansturm erleben derzeit auch andere deutsche Firmen wie Trigema und Eterna. Weil die Läden geschlossen sind und die Konsumlaune auf ein Minimum gesunken ist, stellen auch sie ihre Produktion auf die Herstellung von Masken um. Bis zu 100.000 Teile sollen pro Woche bei Trigema in Burladingen entstehen. Der Vorteil: Die schwäbische Firma fertigt direkt vor Ort. Der gesamte Verarbeitungsprozess läuft in Deutschland ab, vom Faden bis zur fertigen Maske. Das ist jetzt ein großer Vorteil, im Kampf gegen die Verbreitung des Virus ist Schnelligkeit gefragt. Lange Produktionswege kann sich niemand leisten.

Selbst Designerlabel wie Prada rüsten um

Italien ist dabei das mahnende Beispiel. Kein anderes Land hat eine höhere Infektions-und Todesrate durch das Corona-Virus. Auch wenn dort mittlerweile die meisten Fabriken geschlossen sind, surren die Maschinen einiger Modefirmen weiter. Zu ihnen gehören die von Gucci und Prada. Sie fertigen noch immer Luxusgüter - nur diesmal keine teuren Kleider und Handtaschen, sondern lebensrettende Masken und Schutzanzüge. Bis Anfang April sollen bis zu 80.000 Overalls und 110.000 Mund-und Nasenschutz-Modelle in Pradas Fabrik in Perugia entstehen, die vor allem für medizinischen Personal in der Toskana bestimmt sind.

Gucci, das zum Kering-Konzern gehört, plant sogar, eine Million eigens gefertigter Masken zu spenden. Die Bereitschaft zu geben, ist in der aktuellen Situation groß. Auch der Daunenjacken-Spezialist Moncler stellt zehn Millionen Euro bereit, ebenso kommen zwei Millionen vom Mayhoola-Konzern, zu dem Valentino und Balmain gehören. Viele italienische Designikonen engagieren sich mit ihrem Privatvermögen: So spendete Giorgio Armani 1,4 Millionen Euro, Donatella Versace und ihre Tochter Allegra 200.000 Euro.

Doch gegen die Summen und Mengen des LVMH-Konzerns sind all diese Bemühungen Peantus. Das Mutterunternehmen von Dior, Fendi und Louis Vuitton hatte bereits angekündigt, in seinen Parfumfabriken Desinfektionsmittel herzustellen und französischen Kliniken kostenlos zu überlassen. Nun überraschte der Konzern mit dem Versprechen, 40 Millionen Masken zu spenden, die aus China kommen sollen. Wäre diese Anzahl nicht für Kliniken, sondern die französische Bevölkerung gedacht, wären fast drei Viertel aller 66 Millionen Franzosen mit einer Maske ausgestattet.  

Spanien bekommt Unterstützung seiner Modeketten

Davon können andere Länder nur träumen. In Spanien etwa, wo die Zahl der Ansteckungen noch immer dramatisch steigt, kämen Schutzmasken gerade recht. Auch hier erhält die Regierung Unterstützung durch die großen Modefilialisten des Landes, Mango und die Inditex-Tochter Zara. Beide Unternehmen fertigen einen Großteil ihrer Mode in Spanien oder anderen europäischen Ländern. Auf diese Fabriken können die Firmen nun zurückgreifen, um schnellstmöglich Masken und Overalls herzustellen. Zara spendet 300.000 Masken, Mango nun zwei Millionen Stück. Sie sollen über das eigene Logistiksystem an medizinische Betriebe im Land verteilt werden.  

Aus den USA hört man indes wenig. Nur wenige Marken haben sich bis jetzt aktiv für die Herstellung von Schutzkleidung engagiert. Dabei steigt auch hier die Zahl der Infizierten und der Todesfälle rasant an. Unter den Modefirmen sticht vor allem der Designer Christian Siriano heraus, der einst durch seine Kleider für Michelle Obama bekannt wurde. Siriano war dem Twitter-Aufruf eines Gouverneurs gefolgt und hatte seine bereits ins Homeoffice geschickten Näherinnen gebeten, Masken zu nähen. Bis zu 100 Stück entstehen so pro Tag. Ein Mode-Accessoire sieht der Designer darin aber nicht. "Ich möchte nicht, dass jemand denkt, wir machen das, damit es chic aussieht. Dafür sind sie nicht gedacht", sagte der 34-Jährige dem "New York" Magazine.  

Doch wenn man in der Corona-Krise eines gelernt hat: Was heute noch undenkbar erschien, ist morgen möglich. So könnten auch Masken zu Mode-Accessoires werden. In einer Kölner Apotheke testet man das gerade aus. Dort werden handgenähte Masken verkauft, die ein Kinderladen für selbstgemachte Unikate namens "Crêpes Suzette" herstellt. Statt Schultüten und Namenskissen entstehen dort bunte Mundschutz-Modelle für 9,95 Euro das Stück. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich der Trend durchsetzt und Masken auf virtuellen Designer-Laufstegen zu sehen sind. Natürlich dann nicht als einfache Baumwollvariante, sondern mit extra viel Strass – und zu schwindelerregenden Preisen.


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