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Wichtiges zu Mundschutz und Corona-Masken

Interview

Wäschehersteller Mey: "Die Masken sind ein kleiner Schritt zur Freiheit"

Der Wäschehersteller Mey hat einen Teil seines Maschinenparks auf die Produktion von Masken umgestellt. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Matthias Mey über Schutzkleidung, Zertifikate und die fehlende Hilfe der Politik.

Von Cathrin Wißman

Geschäftsführer Matthias Mey

Geschäftsführer Matthias Mey und eine Mitarbeiterin bei der Produktion von Mund- und Nasenmasken

Herr Mey, das Corona-Virus hat das Land lahmgelegt. Wie hart trifft Sie die Krise?

Der Umsatz ist von heute auf morgen um 85 Prozent eingebrochen, da wir unsere Wäsche nur noch online – über unseren eigenen Webshops oder über Shops bei Kunden verkaufen können. Das ist der einzige Umsatz, den wir derzeit generieren. Der Großteil unserer Produktion steht still, wir sind in der Kurzarbeit. 

Wie sehr hilft Ihnen die Fertigung der Masken, die jetzt überall händeringend gebraucht werden?

Das ist für uns zunächst eine Good-Will-Aktion. Die Produktion schafft zwar Umsatz, aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was wir normalerweise pro Tag produzieren und verkaufen. Wir haben bis zu 1000 hochspezialisierte Maschinen für feinste Dessous- und Wäschestoffe. Nur etwa 50 Maschinen in Summe eignen sich für die Produktion von Mund- und Nasenmasken.

Wie kam es dazu, dass Sie einen Teil Ihrer Produktion auf Masken umgestellt haben? Wer ist auf Sie zugekommen? Kliniken? Ihr Landkreis? Die Bundesregierung?

Meine Frau, die als Ärztin in der Notaufnahme arbeitet, berichtete mir schon vor einiger Zeit, dass es einen Engpass bei den Schutzmasken geben könnte. Die Kliniken haben natürlich nicht die benötigten Mengen am Lager. Ich habe mich daraufhin mit den zuständigen Mitarbeitern einzelner Kliniken zusammengesetzt. Sie brauchten dringend Masken, denn durch die Corona-Krise ist die Versorgung aus China unterbrochen. Mittlerweile läuft der Handel wieder, wenn auch zögerlich. In Deutschland gibt es nur wenige Hersteller, die die benötigten Masken herstellen können. Händeringend gebraucht werden insbesondere FFP2- und FFP3-Masken. Wir haben mittlerweile Aufträge für insgesamt etwa zwei Millionen Masken. Die Leute rufen aus ganz Deutschland an, aus dem Süden bis hoch nach Kiel. Es ist Wahnsinn.

Es gibt eine starke Nachfrage, aber auch Kritik. Vor allem, weil Ihre Masken nicht zertifiziert sind. 

Tatsache ist, dass insbesondere FFP2- und FFP3-Masken gesucht werden und in der aktuellen Situation dem Pflegepersonal und Ärzten vorbehalten sein sollten. Diese haben wohl den besten Virenschutz und werden im direkten Umgang mit Covid-19-Patienten von Ärzten und dem Pflegepersonal getragen. Fakt ist leider jedoch auch, dass gerade diese dringend benötigten Masken nicht zur Verfügung stehen. Unsere Masken basieren auf einem anderen Standard, sie sollen insbesondere den Patienten zur Verfügung gestellt werden, um Ärzte und Pflegepersonal zusätzlich zu schützen sowie die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Wir streben aktuell eine Zertifizierung nach DIN 14683 (OP Mund- und Nasenschutz) an. Hierbei gibt es auch Erleichterungen durch eine neue EU-Verordnung. Dennoch ist es für uns eine sehr schwierige Situation, wir bekamen anfangs keinerlei Unterstützung von Seiten der Behörden und/oder Ministerien und haben dadurch in erhebliche externe Recht- und Beratungskosten investiert, um uns vernünftig abzusichern. Aus diesem Grunde kann man auch nicht von einem gewinnbringenden Geschäft sprechen. Wir haben ein sehr gutes Produkt entwickelt, wie wir finden.

Wie meinen Sie das?

Wir fühlen uns momentan ziemlich allein gelassen. Einerseits laufen die Landräte bei uns Sturm mit den Worten: "Wir übernehmen die volle Verantwortung. Liefert, liefert, liefert! Wir brauchen eure Masken, ansonsten müssen wir unsere Kliniken schließen!" Anderseits erhalten wir keine Ausnahmegenehmigungen. Da ist man dann in der Zwickmühle. Wie soll man sich korrekt verhalten? Auf der einen Seite verzweifelte Landräte, auf der anderen Seite schreibt man über Anwälte Briefe an die Ministerien und bekommt eigentlich keine Antwort, außer den Hinweis, sich an die Zentrale Prüfstelle zu wenden.

Welche Unterstützung würden Sie sich vom Bund wünschen?

Die Landesregierungen sollten sich an Bayern orientieren, wo eine zentrale Stelle im Ministerium nach meinen Kenntnissen die Verantwortung trägt, Aufträge vergibt, Sondergenehmigungen erteilt und dann auch die zentrale Versorgung der Kliniken übernimmt.

Welche Art von Masken stellen Sie genau her?

Rein rechtlich betrachtet ist unsere Mund- und Nasenmaske ein Hygieneprodukt. Die Maske wurde nicht für den medizinischen Einsatz getestet und ist dementsprechend nicht als Medizinprodukt zertifiziert. Die Maske verfügt insbesondere nicht über einen Partikelfilter und ist daher vor allem kein Ersatz für Masken nach dem FFP2- oder FFP3-Standard. Dennoch haben wir uns sehr intensiv mit der Entwicklung beschäftigt und den entsprechenden Anforderungen, was ein Produkt hier leisten sollte. Unsere Masken sind durch eine technische Beschichtung speziell wasserabweisend, waschbar und damit mehrmals einsetzbar. Wir kommunizieren die Funktionalität unserer Produkte sehr deutlich an die Institutionen, mit welchen wir zusammenarbeiten.

Das heißt, Sie könnten auch FFP2-Masken fertigen, aber Ihnen sind die Hände gebunden?

In der Theorie ist vieles möglich. Es kommt immer auf das Zusammenspiel von Grundmaterialien und Verarbeitung an. Somit kann ich Ihnen die Frage nicht eindeutig beantworten.

Wäre das nicht Aufgabe des Hohenstein Instituts?

Das Hohenstein Institut ist ein Labor und keine anerkannte Prüfstelle wie beispielsweise der TÜV, die Dekra oder das Institut für Arbeitsschutz DGUV. Dennoch führt Hohenstein Materialtests durch, welche uns in der Vorbereitung einer offiziellen Zertifizierung bzw. Legitimation wiederum helfen. Die Dekra wiederum prüft ausschließlich FFP2- und FFP3-Masken nach DIN EN 149. Was uns in der aktuellen Situation nicht hilfreich ist. Grundsätzlich gehört dies auch nicht zu unseren Kernaufgaben. Am Ende wollen wir durch unsere eigene Fertigung in Deutschland die Not der Kliniken und Pflegeeinrichtungen mit unseren Aktivitäten unterstützen. Wir selbst können in der Kürze der Zeit und ohne behördliche Unterstützung dies alles gar nicht alleine bewältigen.

Maria und Diana sitzen in Auckland fest und berichten von ihrer Rückholaktion nach Deutschland

Wie viele Masken produzieren Sie aktuell? 

Wir sind mit 10.000 Stück pro Woche gestartet, werden aber mittelfristig auf 60.000 bis 100.000 Stück erhöhen können. Zusätzlich fertigen wir Schutzbekleidung. 

Wer sind Ihre Abnehmer?

Wir verkaufen keine Masken über den Onlineshop, sondern nur direkt an institutionelle Einrichtungen. Aber eben immer mit vorgenanntem Hinweis, d. h. mit der rechtlichen Legitimation.

Das heißt, Sie verkaufen nicht an Privatpersonen?

Nein, das machen wir nicht.

Aber wären Masken für alle nicht eine gute Lösung, um unseren Alltag wieder lebenswerter zu machen bzw. unsere lahmgelegte Wirtschaft wieder in Gang zu bringen?

Es wird sogar die einzige Möglichkeit sein. Ich bin überzeugt, dass wir schon im Juni oder Juli alle mit Mundschutz unterwegs sein werden. Vielleicht auch schon früher. Es gibt ja aktuell noch keinen Impfstoff. Das wird noch eine Weile dauern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Fabriken und Geschäfte bis nächstes Jahr geschlossen bleiben. Ich glaube, wir müssen zu einer Art Normalität zurückfinden. Die Wirtschaft muss wieder in Gang kommen. Vermutlich wird sich die Gesellschaft dahingehend orientieren, dass an Plätzen mit großen Menschenansammlungen (Einkaufszentrum, Flugzeug, …) ein Mund- und Nasenschutz getragen wird. Wichtig wird sein, dass wir unseren gewohnten Alltag wieder leben können. Die Masken sind vielleicht ein kleiner Schritt zur Freiheit.

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