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Designer Jean Paul Gaultier: "Jeder soll tragen, was ihm gefällt"

Seine Eltern waren besorgt: ein Junge, der Frauenkleider zeichnet? Jean Paul Gaultier hat sie beruhigt - und später die Modewelt auf den Kopf gestellt. Nun ist in München sein Lebenswerk zu besichtigen.

Von Dirk van Versendaal

Lara Stone à la Bretonne. Das niederländische Model präsentiert einen Entwurf aus der Haute-Couture-Kollektion des Sommers 2009.

Lara Stone à la Bretonne. Das niederländische Model präsentiert einen Entwurf aus der Haute-Couture-Kollektion des Sommers 2009.

Fußball und Raufen, Mathe oder Geo - das war nicht sein Leben. Der kleine Jean Paul Gaultier malte und zeichnete. Er malte Kleider an Frauen, er zeichnete Frauen in Kleidern. Als er zehn Jahre alt war, erwischte ihn die Lehrerin im Unterricht - Frauen in Netzstrümpfen, Frauen mit Federhüten -, heftete die Zeichnung an seinen Rücken und sandte ihn zur Strafe durch sämtliche Klassenzimmer. "Sie wollte mich erniedrigen, das hat sie nicht geschafft", erzählte Gaultier später. "Ich fing erst richtig an, Modelle zu zeichnen. Wenn in der Zeitung stand, dass Dior 200 Modelle über den Laufsteg geschickt hatte, entwarf ich 250."

Den konischen BH trug zuerst Gaultiers Teddybär

Welche Folgen der schulische Spießrutenlauf Gaultiers im Paris der frühen 60er Jahre hatte, ist dieser Tage in der Münchner Kunsthalle zu besichtigen: "From the Sidewalk to the Catwalk" - die erste Modeausstellung des Museums ist dem Lebenswerk Jean Paul Gaultiers gewidmet. 140 seiner Entwürfe werden präsentiert, Haute-Couture-Roben und Prêt-à-Porter-Ensembles, sein berühmter Herrenrock, seine schlichten Ringelshirts, das Meerjungfrauenkleid für Marion Cotillards Oscarnacht von 2008, die Bühnenoutfits von Kylie Minogue und Beyoncé, Filmkostüme und, klar, auch das berühmte Korsett, das konisch und keck hervorstehende Bustier. Von dem alle glauben, es sei erstmalig von Madonna getragen worden, auf ihrer "Blonde Ambition"-Tour 1990. Irrtum: Es war Gaultiers Bärin Nana. Das von den Jahren ramponierte Kuscheltier ist Publikumsliebling der Wanderausstellung, die schon in Paris 420.000 Besucher in den Grand Palais lockte. Nana trat im ganz privaten Varietétheater des kleinen Jean Paul auf, ein Bär mit Büstenhalter und mit Vogelfedern als Kopfschmuck, den sein siebenjähriger Besitzer auf einer Erdbeerkiste tanzen ließ.

Das Kind im Manne

Seine Verspieltheit und Naivität hat Gaultier nie abgelegt, er hat sie als Tugenden betrachtet. Vielen seiner Entwürfe ist bis heute der kindliche Blick auf die Welt an zusehen; der Zehnjährige, der mit seinen Wachsmalstiften im Kopf des 63-jährigen Mannes haust. "Wer zu meiner Zeit Modeschöpfer werden wollte, musste einen dornenreichen Weg gehen", sagt Gaultier. "Der musste mit Herz und Seele wollen. Bevor meine Eltern mich nach Paris ziehen ließen, haben sie sich bei einem Maler aus der Nachbarschaft Rat geholt, ob es in Ordnung ist, einen Sohn zu haben, der Frauenkleider zeichnet."

Sein Einfluss auf unsere Kleidungsgewohnheiten erschließt sich aus der Münchner Retrospektive nur begrenzt - was nicht die Schuld der Kuratoren ist. Gaultier verpasste den Männern Kajalstift und Sarongs; er steckte Frauen in Herrenanzüge und propagierte die "Garderobe pour deux" - die geschlechtslose Mode; er öffnete der Jeans und der ordinären Streetwear mit ihren Turnschuhen und Trainingsanzügen die Türen zur High Fashion. Aber vom Sammeln seiner eigenen Kollektionen hielt Gaultier nichts; ihn interessiere nur die Zukunft, sagte er. Das Gros der frühen Exponate besteht aus Leihgaben, die zufällig überlebt haben.

Ein Mix aus Bauernkleidern und Couture

Der multimediale Teil der Ausstellung - Filmmaterial, Videos, Fotos - dokumentiert Gaultiers Kampf um die Demokratisierung der Mode. Der Autodidakt blickte amüsiert auf die elitäre Eleganz, der die Generation seiner Vorgänger noch nachhing. Er machte die bis dahin exklusiven Modeschauen zu einem Spektakel für die Massen. Er holte sich Freunde und Leute von der Straße auf seinen Laufsteg und erklärte stolz, er habe das Geschmacksempfinden einer Concierge: "Weil ich daran glaube, dass guter und schlechter Geschmack ein und dasselbe sein können. Ich habe immer die Bauernkleider gemocht und den Vorstadtchic, beide habe ich mit der Couture gemixt. Soll jeder tragen, was ihm gefällt!"

Gaultiers Stern verblasste Ende der Neunziger mit dem Aufkommen der Luxus-Holdings, deren Investitionsstrategen und Controllern er nicht über den Weg traute. 2014 zog er sich in die Ateliers der Haute Couture zurück. Seinen Ausstieg aus der Konfektionsmode rechtfertigte er mit "den kommerziellen Zwängen und dem frenetischen Rhythmus der Kollektionen, die keine Freiheit lassen, um neue Ideen zu finden".


Die Ausstellung "From the Sidewalk to the Catwalk" läuft noch bis zum 14. Februar 2016 in der Münchner Kunsthalle. Begleitend ist im Knesebeck Verlag ein autorisierter Katalog erschienen.