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Chanel in der Elphi: Kaiser Karl kommt nach Hause

Mit einer Chanel-Kollektion im Gepäck kehrt der Modeschöpfer und provokante Plauderer in seine Heimatstadt Hamburg zurück. In Norddeutschland wurde Karl Lagerfeld zu dem, der er heute ist.

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld arbeitet seit Anfang der Achtziger für das französische Luxushaus Chanel

Mit 84, das sagen Statistiken und wissen Ärzte, ist senile Demenz durchaus üblich, funktionieren Gehör und Gelenke so lala. Der eine schiebt den Rollator, die andere sitzt im Rollstuhl – Karl Lagerfeld aber steht mit 84 einem weltweiten Lifestyle-Imperium vor. Am 6. Dezember stattete er der Hamburger Elbphilharmonie einen Besuch ab, seine -Kollektion im Gepäck, und gerade eben hatte er im französischen Fernsehen wutbürgerlich gegen Merkels Flüchtlingspolitik und gegen die Muslime gerüpelt.

Ist das überraschend? Unerwartet? Nein. Es ergibt sich aus der Biografie des Mannes, der laut Taufregister der Gemeinde -Winterhude am 10. September 1933 geboren wurde.

Gut 14 Jahre später: Ein Klassenfoto vom April 1948 zeigt den Karl Otto Lagerfeld inmitten seiner Klassenkameraden der Jürgen-Fuhlendorf-Schule in Bad Bramstedt. Vorn in der ersten Reihe sitzt er und schlägt als Einziger die Beine übereinander, er sieht plietsch aus, wie es im Norden heißt, aufgeweckt. Man kann sich vorstellen: Aus dem Jungen wird mal was!


Schulzeit empfand Lagerfeld als Freiheitsberaubung

1934 waren die aufs Land gezogen, auf ihr Gut Bissenmoor nördlich von Hamburg, sicher vor Bombenangriffen, abgeschieden von der Welt. Zu Hause wurde nicht über Krieg oder Hitler gesprochen, erzählte Lagerfeld später. "Meine Eltern gaben mir das Gefühl totaler Sicherheit, mir konnte nichts passieren."

Die Schulzeit empfand er als Freiheitsberaubung: "Ich habe mich dauernd selbst krankgeschrieben, und sonst bin ich mit Schwadronieren durchgekommen." Sport war sein Fach nicht, in Musik konnte er die Töne nicht halten, am liebsten zeichnete er im Unterricht, und zwar auf jedes Stück Papier: Karikaturen der Lehrer, Abend- oder Ballkleider für seine Klassenkameradinnen.

Nach allem, was seine Mitschüler erzählten, war er kein gehänselter Außenseiter, sondern respektierter Sonderling. Sein Banknachbar Peter Bendixen, späterer Wirtschaftsprofessor, empfand ihn als "keineswegs asozial oder abweisend, nur auf Distanz". Schon rein äußerlich: Karl trug Krawatte, lange Haare und auch schon mal ein orangefarbenes Samtjackett.

Seine Wiege stand in Baurs Park im noblen Blankenese, in seinem Kinderzimmer schlief er dann in einem falschen Louis-XVI.-Bett, saß auf Directoire-Stühlen, badete in Lobpreisungen: "Mir wurde als Kind so oft gesagt, ich sei einmalig, dass ich das schließlich geglaubt habe."

Anfang Mai 1945 beschlagnahmten die Briten das Gutshaus in Bissenmoor. Die Lagerfelds mussten für ein Jahr im Kornspeicher hausen. Doch während Mitschüler Karls Flüchtlinge in Quartiere einwiesen und Panzersperren bauten, blieb er selbst von solchen Arbeiten verschont.

Lagerfelds Vater war Kondensmilch-Fabrikant

Sein Vater war der Kondensmilch-Fabrikant Otto Lagerfeld. Wenn er nicht in Neustadt an der Ostsee weilte, dem Sitz der "Glücksklee"-Fabrik, war er auf Geschäftsreisen. "Mein Vater stammte ja noch aus einer Generation, in der man mit Kindern kaum sprach", sagte Karl später über ihn. "Aber er war seriös und sehr großzügig mit mir, ich hätte netter zu ihm sein sollen."

1949 kehrten die Lagerfelds nach Hamburg zurück, eine Stadt in Ruinen. Hier lebte die Familie am noblen Harvestehuder Innocentiapark. Mit zwölf sah Karl seine erste Modenschau – und dann gleich Dior. "Die Modelle könnte ich heute noch aus dem Gedächtnis zeichnen." Ein Jahr später, nach einem Defilee von Jacques Fath, war ihm klar, dass er nach Paris wollte. Seine Mutter Elisabeth unterstützte ihn: "Hamburg ist das Tor zur Welt – hier musst du raus."

Über seine Mutter spricht Lagerfeld gern. "Sie war frech wie Straßendreck ... sie konnte grausam sein, aber auch wahnsinnig amüsant ... und schlagfertig. Die gute Frau hat in ihrem Leben nie was getan, genial. Sie hat nur anderen befohlen, was die für sie tun sollten." Stillen wollte sie ihren Sohn nicht: "Ich habe doch keinen Dosenmilch-Fabrikanten geheiratet", soll sie gesagt haben, "um mir das Dekolleté mit Muttermilch zu verspritzen." Stattdessen gab's für Karl eben Glücksklee. Und später ab und an die Drohung: "Wenn du mir auf die Nerven fällst, kommst du ins Internat" – so wie die Schwestern.

"Denk erst an dich, dann an die anderen"

Seine Mutter sei tolerant bis zur Gleichgültigkeit gewesen, sagt Lagerfeld, "das habe ich so geschätzt an ihr, dass ich es genauso halte". Auch dies habe sie ihn gelehrt: "Du musst ein Mords-Ego haben, um ganz hochzukommen. Denk erst an dich, dann an die anderen."

Derart gestählt verließ Lagerfeld 1952 Hamburg und zog ohne Abitur nach Paris. Dort besuchte der 19-Jährige das Lycée Montaigne, wohnte in einem Hotel für Diplomatenkinder in der Rue de la Sorbonne, er illustrierte, er zeichnete – so gut, dass man ihm beim Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats 1954 den ersten Preis für den besten Mantel verlieh. Yves Saint Laurent, ein anderer Neuling, erhielt den Preis für das beste Kleid.

Bevor sie zu Konkurrenten wurden, freundeten sich die beiden Jungdesigner an. "Wir waren gemeinsam in Paris unterwegs, am Montparnasse, wir fuhren raus aufs Land, manchmal bis nach Deauville." Und zwar in Karls Mercedes 190 SL, den sein Vater ihm geschenkt hatte. "Ich war natürlich der Einzige, der damals ein Auto besaß, das machte mich beliebt und die anderen zu kleinen Jungs."

Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld Anfang der 70er


In der Haute Couture begann Lagerfeld eine beispiellose Karriere, zunächst mit einer Anstellung bei Pierre Balmain. Als er 1957 vom Traditionshaus Patou engagiert wurde, bestand man darauf, dass er sich Charles Roland nennen müsse, um die internationale Klientel des Hauses nicht mit einem Couturier deutscher Herkunft zu verschrecken. Zu gut war in Erinnerung, dass Adolf Hitler nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen den Zwangsumzug der Haute Couture nach Berlin geplant hatte.

Weil er aus einem "ziemlich internationalen Elternhaus" kam, hielten ihn die meisten für einen Juden, sagt Lagerfeld. "Das wäre ich auch gern gewesen, ich mag Juden sehr gerne, ich vertrage mich mit ihnen sehr gut, auch geschäftlich. Einer der Gründe, warum ich nicht in Deutschland sein möchte: weil es da keine Juden mehr gibt." Das Deutschland, das er liebe, sagt Lagerfeld, "existiert seit 1933 nicht mehr."

Ohne die Naziherrschaft wäre der junge Lagerfeld womöglich nach Berlin gegangen

Lagerfeld ist ein typischer Erbe der kultivierten, weltoffenen und literarisch gebildeten Kultur, die Hitler zerstört hat. Ohne die Naziherrschaft wäre der junge Lagerfeld womöglich nach Berlin, nicht nach Paris gegangen. Die "Berliner Modellkonfektion" war der Pariser Schneiderkunst in Vorkriegszeiten nahezu ebenbürtig gewesen – bis zur Vertreibung der überwiegend jüdischen Konfektionäre und Inhaber von Modellhäusern. Zu seinen Vorbildern, Lagerfeld hat es öfter erzählt, gehört Walther Rathenau, Reichsaußenminister der Weimarer Republik, ein Jude, der 1922 von Rechtsnationalen ermordet wurde. Seine Mutter habe ihn noch gekannt und viel von ihm erzählt.

In Paris musste Lagerfeld immer wieder mal mit antisemitischen und antideutschen Anfeindungen klarkommen: "Manche Journalisten scheinen wütend zu sein, dass Chanel Juden gehört und von einem Deutschen geführt wird. Die schreiben immer was von 'Kaiser Karl' und 'Blitzkrieg' und wie aggressiv ich wäre." Er habe allerdings auch gar nicht den Ehrgeiz, nett zu erscheinen, "dazu bin ich zu snobistisch".

Chanel

Karl Lagerfeld mit den Models Claudia Schiffer, Nadja Auermann und Helena Christensen bei einer Chanel-Präsentation im Jahr 1995


Mitte der 60er Jahre entwarf Lagerfeld mit großen Erfolgen für die Prêt-à-porter-Firma Chloë – und wurde zum Paradiesvogel. Er trug ein goldenes "Glücksklee"-Blatt am Revers und eine Sicherheitsnadel aus Gold, die Marlene Dietrich ihm geschenkt hat. Er betrieb Bodybuilding, Fotos zeigen ihn im einteiligen Badeanzug am Strand von Saint-Tropez, das Magazin "L'Express" pries ihn als "makellosesten Dandy von Paris". 1970 spielte er in Andy Warhols Film "L'Amour" mit, 1978 richtete er die Hochzeit Paloma Picassos aus; er war ein Stern am Pariser Himmel, der mit jeder Drehung schneller um sich selbst rotierte und dabei jede Menge kleiner Himmelskörper anzog. Er scharte eine illustre Entourage um sich – Künstler, Halbweltleute und aristokratische Beaus wie Jacques de Bascher, mit dem Karl eine Jahre währende Liebesbeziehung führte, bis er 1989 an Aids starb.

"Ich wurde von meiner Mutter ermutigt, frech zu Leuten zu sein"

Nach dem Tod seiner "amour absolu" verwandelte er sich in jenen Performancekünstler, als den die Welt ihn heute kennt. Dem in Interviews die Worte aus dem Mund purzeln wie Murmeln. Der heute dies und morgen jenes sagt, auf einen Imagewandel den nächsten folgen lässt, der sich mit knallengen Jeans, fingerlosen Lederhandschuhen, mit Cola, Fächer und Zopf zum Gesamtkunstwerk macht, alterslos und lästermäulig. Kein Wunder: "Ich wurde von meiner Mutter ermutigt, frech zu Leuten zu sein."

Er verriet der Presse, "eher als Bettler auf der Straße (zu) leben", als für Bernard Arnault arbeiten zu wollen. Er pöbelte über "dicke Muttis", die "mit der Chipstüte vorm Fernseher sitzen und sagen, dünne Models sind hässlich". An Pippa Middleton missfiel ihm das Gesicht: "Von hinten sieht sie eben besser aus." 2013 klagte er in einer Talkshow: "Das Loch in den Sozialkassen kommt auch von Krankheiten, die sich zu dicke Leute eingefangen haben."

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Claudia Schiffer fotografiert von Herb Ritts


Man möchte ihn rütteln, wenn er solche Sachen sagt und nichts dabei findet. Sondern immer wieder mal auf zwei seiner Charakterschwächen hinweist: "Ich spreche manchmal zu schnell. Das geht mir aus dem Mund, bevor es durch den Kopf geht." Und: "Ich liebe nichts so sehr, wie politisch unkorrekt zu sein bei jenen, die hypokritisch auf politisch korrekt machen."

Lagerfeld kritisierte Merkel im französischen TV

So hält er es bis heute. Erst Anfang November warf er in der TV-Show "Salut les Terriens" Angela Merkel vor, zu viele Muslime ins Land gelassen zu haben: "Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen."

Das ist, freundlich gesagt, eine fragwürdige Sicht von jemandem, der 1933 mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und seit den Fünfzigern nicht in Deutschland lebt. Es ist nicht sein erstes Scharmützel mit der islamischen Welt: Im Januar 1994 schickte er Claudia Schiffer mit einem Bustier-Kleid, bestickt mit arabischen Schriftzeichen, auf den Laufsteg. Es war kein "Liebesgedicht zur Erinnerung an die Frau eines Maharadschas", wie Karl geglaubt hatte, es waren Verse aus dem Koran. Muslimische Gruppen riefen zum Boykott von Chanel auf, Libyens Staatschef Ghaddafi nannte das Kleid ein "Vorspiel zu einem neuen Kreuzzug des Westens gegen die Muslime". Chanel musste sich "in aller Form bei der islamischen Gemeinschaft" entschuldigen und versichern, die bestickten Kleider samt Fotos vernichtet zu haben. Schiffer wie Lagerfeld waren fortan mit Leibwächtern unterwegs – "die Versicherung will es. Man erkennt mich ja aus 100 Meter Entfernung."


Ja, jeder weiß, wie Lagerfeld aussieht – aber niemand kennt ihn. Auch im Alter von 84 versteckt er sich weiter erfolgreich hinter provokanten Sprüchen und seiner Sonnenbrille, hinter Birmakatze Choupette und einem Instagram-Account, dem 4,2 Millionen Abonnenten folgen, ohne je Privates über seinen Betreiber zu erfahren.

Seit über 60 Jahren entwirft er Modekollektionen, aber noch immer lebt er "in einem permanenten Zustand der Unzufriedenheit" mit sich selbst und in dem Gefühl: "Ich könnte mehr machen. Ich könnte besser werden." Also hält er sich streng an sein Mittagsschläfchen, setzt auf die "autofaschistische Behandlung der eigenen Person" – und legt Fotoshootings heimlich in die Nacht, weil seine Mitarbeiter sonst mit ihm schimpfen.

Er besteigt weiterhin kein Flugzeug ohne sein geliebtes Reisekissen, das ihn seit seinem zehnten Lebensjahr auf Reisen begleitet und die Beschwerden eines nervösen Magens lindert. Er geht nicht mehr spazieren, weil die Leute ihn mit ihren Handys und Kameras verfolgen. Er lässt sich nicht mehr filmen, denn nichts verrät sein Alter so wie seine zögerlichen, trippelnden Schritte.

"Ich wurde geboren, um allein zu sein"

Nach getaner Arbeit verzieht er sich in seine Wohnung, wo er mit seinen geliebten Büchern lebt, getreu der Überzeugung: "Ich wurde geboren, um allein zu sein." Tatsächlich ist er wohl jener Mensch geworden, der er sein wollte: "L'homme de nulle part", einer, der nirgends wirklich hingehört.

Karl Lagerfeld und seine Muse Inès de la Fressange

Karl Lagerfeld und seine Muse Inès de la Fressange im Mai 1987


Zu den wenigen, die ihm nahekamen, gehörte Inès de la Fressange, seine Muse, das erste aller Supermodels. 1984 reiste die Pariserin wochenlang mit ihm durch die USA, zog mit ihm von Kaufhaus zu Kaufhaus, um Kleider und Parfüm zu promoten. "Einmal waren wir ausgehungert nach Mitternacht in Chicago unterwegs", erzählt sie.

In einer wirklich finsteren Gegend fanden sie einen Imbiss, Karl wollte seinen Hotdog mit einem Hundertdollarschein bezahlen. "Gegessen haben wir am Ufer des Lake Michigan, und dann schlief er wie ein großes Baby im Auto ein. Ich habe sehr viel Zärtlichkeit ihm gegenüber gefühlt." Das sei heute schwer vorstellbar. "Alle bewundern ihn, alle finden ihn amüsant, aber niemand liebt ihn. Er ist ein großer Junge von fünf Jahren."