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Mode-Ikone: Kristen Stewart: "Man soll sich an mich als cool und ehrlich erinnern"

Berühmt wurde Kristen Stewart als schüchternes Mädchen in einer Vampir-Saga. Heute ist sie Mode-Ikone, demonstriert gegen Trump, liebt Frauen und Männer.

Von Dirk van Versendaal

Kristen Stewart "Man soll sich an mich als cool und ehrlich erinnern"

Kristen Stewart, 27, kommt aus Kalifornien. Schon mit elf spielte sie an der Seite von Jodie Foster in "Panic Room"

Kristen Stewart in Hamburg, wer hätte das gedacht? Sie selbst am allerwenigsten, sagt sie, doch dann flatterte ihr die Einladung von Karl Lagerfeld ins Haus. Sie möge seiner Schau in der Elbphilharmonie beiwohnen, schließlich ist sie ein "Face of Chanel", ein Gesicht der Luxusmarke. So kam sie aus Los Angeles angeflogen, "ein Gruselflug", wie sie griesgrämig murmelt, während sie ein bisschen verloren auf ihrem Platz in Reihe eins in Block A sitzt, im lichtstrahlenden Zentrum des Saals und der 1500 Besucher.

Stewart ist lange genug von Vampiren umgeben gewesen, als Trübsal blasende, liebeskranke Bella Swan in der fünfteiligen "Twilight"-Saga zwischen 2008 und 2012. Zwei Jahre lang hat sie danach pausiert, um anschließend mit schauspielerischen Höchstleistungen die Untoten und den Teeniestar Stewart hinter sich zu lassen. Sie hat mit Woody Allen und Ang Lee gedreht und mit ihrer Rolle in "Die Wolken von Sils Maria" 2015 als erste US-Amerikanerin einen César geangelt, den französischen Oscar.

Kristen Stewart marschierte beim Women's March in Park City mit

Die heute 27-Jährige ist längst ein Schwergewicht im Filmgeschäft – mit einer lauten Stimme: "Hollywood ist abscheulich sexistisch", hat sie im britischen "Harper's Bazaar" gesagt, und "so frauenfeindlich, dass es auf verrückte Weise beleidigend ist". Sie marschierte beim Women's March in Park City mit; sie demonstrierte gegen die Pläne des Abtreibungsgegners Donald Trump und beschwerte sich, im Amerika ihres Präsidenten würden "grundlegende humanitäre Ideen mit Füßen getreten".

Nachdem Stewart ihre Liaison mit dem männlichen "Twilight"-Co-Star Robert Pattinson beendete, war sie mit der französischen Sängerin Soko und der Popmusikerin St. Vincent zusammen – zurzeit ist das neuseeländische Victoria's-Secret-Model Stella Maxwell ihre Partnerin. Weil sie ihre Frauen weder vor Paparazzi noch Moralhütern versteckt, ist Stewart zur Heldin der schwul-lesbischen Gemeinde aufgestiegen. Seither zählen ihre Vorlieben bei der Partnerwahl in den USA als politisches Statement – und die Wahl ihrer Kleider als Einkaufsempfehlung.

Kristen Stewart zeigt sich derzeit gern in "Chanel"

Kristen Stewart zeigt sich derzeit gern in "Chanel"

Was Kristen Stewart trägt, ziehen nämlich auch andere Frauen an. Die feinen Antennen der Modedesigner reagierten schnell auf die rotzige Energie, mit der die junge Frau aus Kalifornien ihre süßlichen Outfits abwarf und zu Lederjacke, Baseballmütze und Converse-Sneakers griff. Die Modewelt erkannte, dass Stewart ein stimmiges Gesamtpaket aus cooler Androgynität und sperriger Schönheit liefert: mit massig Eyeliner und ramponierter Frisur – heute Bob, morgen Bürstenschnitt –, mit null Angst vor blöden "Worst dressed"-Listen und der Radikalverweigerung eines Lächelns auf den roten Teppichen. "Kristen weiß einfach nicht, wie man einen Beliebtheitswettbewerb gewinnt", hat Sean Penn über sie gesagt, ihr Regisseur aus "Into the Wild". Das war nett gemeint. Jodie Foster, die an der Seite der damals elfjährigen Stewart in "Panic Room" spielte, hat früh geahnt, wohin es mit Kristen gehen würde: "Sie hat keine traditionelle Schauspielerpersönlichkeit. Sie mag nicht auf dem Tisch tanzen und will nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen." Auch das war nett gemeint.

Auch wegen ihrer Kurzhaarfrisur gilt sie als Trendsetterin

Auch wegen ihrer Kurzhaarfrisur gilt sie als Trendsetterin

Ihr Vater sage ihr manchmal, sie hätte auf diesen oder jenen Fotos wenigstens mal kurz lächeln können, erzählt Stewart. Die Chanel-Models sind in den Umkleiden verschwunden, das Kammerorchester hat sich mit dem Klassiker "La Paloma" verabschiedet, zwei grimmige Leibwächter halten Neugierige auf Abstand, Kristen Stewart versteckt sich am Gang zu den Toiletten. "Ich will gar nicht, dass die Leute sich an mich mit einem künstlichen Lächeln erinnern, sie sollen sich an mich als cool und ehrlich erinnern."

"Ich habe nichts anderes gemacht, als in Kameras zu lächeln."

Bei den Stewarts zu Hause, damals im San Fernando Valley, sagt sie, wurde sie nicht in Kleidchen gesteckt, eigentlich sei sie mit dem Gefühl aufgewachsen, in einem Sommercamp zu leben. Die kleine Kristen wollte aussehen wie ihr älterer Bruder. Und zum Film wollte sie, unbedingt. Vater John arbeitete als Setdesigner, Mutter Jules war Skriptfrau, und die Tochter ging mit acht zu ihrem ersten Vorsprechen für Werbespots, mit neun kam die erste Filmrolle: "Ich habe nichts anderes gemacht, als in Kameras zu lächeln." Das Liebe-Lächeln-Konto war also früh aufgebraucht.

Kristen Stewart als brave Bella in der "Twilight"-Saga (mit Robert Pattinson)

Kristen Stewart als brave Bella in der "Twilight"-Saga (mit Robert Pattinson)

Am frühen Morgen darauf ist ihr Kurztrip an die Elbe beendet, dann wird sie, immer noch müde, wieder in Jeans und Turnschuhe steigen. Was macht sie, das Werbegesicht von Chanel, mit all den tollen Kleidern?

Die meisten habe sie nur ausgeliehen, antwortet sie, "und meine Mutter ist mehr so die Jeans-Trägerin". Ihr Vater dagegen liebe Mode. "Er ist heftig, er ist cool, und ich glaube, er würde töten, um Chanel tragen zu können." Sie lächelt einen breiten Sonnenschein ins Foyer der Elbphilharmonie hinein. Na also, ohne Kamera in der Nähe klappt es wunderbar, das freundliche Gesicht.