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stern-Stimme Maries Modelcheck: Nach Anschlag von Berlin: Modebranche positioniere dich!

Das Attentat von Berlin schockierte auch unsere Kolumnistin Marie von den Benken. Sie fordert von der Modebranche, Stellung zu beziehen. Denn muss eine Industrie, die vom Luxus lebt, nicht als erste für den größten Luxus auf der Welt kämpfen: die Freiheit?

Von Marie von den Benken

Anschlag von Berlin

Blumen, Plakate und Kerzen zum Gedenken an die Anschlagsopfer von Berlin

Freiheit ist, tun zu können, was man möchte, wann man möchte. Und die Fashion-Branche gilt als eine der liberalsten der Welt. Ein Model arbeitet heute in Los Angeles, morgen in Kapstadt, übermorgen in Moskau. Es kennt die Welt, unterschiedliche Kulturen, und Bräuche. Man sollte meinen, dass gerade eine Industrie, für die Freiheit nicht bloß eine Vokabel ist, sich in Zeiten wie diesen besonders positioniert.

Diese Woche hat der Terror die nächste Stadt erreicht, die mit ihrer Fashion Week und ihrer Modeszene weltweite Trends setzt. Nach New York, London und Paris nun . Wäre es nicht angemessen, endlich nicht nur zu erklären, ob gerade V-Kragen oder Rundkragen en vogue sind, sondern einen ganz besonderen Trend zu setzen? Liebe? Brüderlichkeit? Zusammenhalt? Die Modeindustrie aber bleibt weitestgehend stumm. Okay, die Top-Mädchen der Branche posten fleißig ihre "Je Suis Paris" oder "Pray For Berlin" Instagram-Bilder und Facebook-Statusmeldungen. Versteht mich nicht falsch. Das ist gut. Jeder geht mit seiner Trauer, seiner Wut, seiner Hilflosigkeit und seiner Anteilnahme anders um. Es ist mit Sicherheit nichts Falsches daran, sein Profilbild in den belgischen, deutschen oder französischen Nationalfarben einzufärben. Aber ist das alles? Müsste nicht mehr kommen aus einer Industrie, die sich für begnadet kreativ hält und als Vorreiter in allen Bereichen gelten möchte?

Ist Freiheit nicht unser größter Luxus?

Die Auswirkungen spüren wir alle. Auch diese Branche. Der Einlass zur Victoria's Secret Show Ende November in glich einem Hochsicherheits-Check-In. Muss eine Industrie, die vom Luxus lebt, nicht als erste für den größten Luxus auf der Welt kämpfen: die Freiheit? Aber klare Statements bleiben rar. Die bekanntesten Mädchen der heutigen Model-Generation erreichen über ihre Social Media Kanäle hunderte von Millionen Follower. Auf der ganzen Welt. Wer, wenn nicht sie, können mit wichtigen gesellschaftlichen Themen eine Generation erreichen, die Horst Seehofer wahrscheinlich mehrheitlich für einen Fußballprofi oder den Kapitän vom Traumschiff hält. Was übrigens bei den Aussagen von Seehofer in den letzten Wochen und Monaten gar nicht so wahnsinnig schlimm ist.

Wir zeigen schöne Körper - warum nicht auch Haltung?

Wo sind die Appelle der schönsten Mädchen der Welt an die Menschlichkeit? Wo die Statements großer Designer? Warum gibt es zu den schrecklichen Taten von Brüssel, Nizza, Paris, Istanbul oder Berlin keine klare Kante? Man stelle sich mal vor, der in Berlin wäre ein paar Wochen später passiert. Zum Beispiel am 17. Januar, dem Start der Fashion Week. Was wäre das für eine Modewoche? Würde sie abgesagt? Vermutlich nicht - warum auch. Man soll sich der Methodik der inszenierten Angst nicht ergeben. Aber es wäre eine gespenstische Atmosphäre. Wie soll man die Schönheit feiern, wenn um die Ecke Unschuldige gestorben sind? Mütter würden aus ganz Europa ihre Töchter anrufen und anflehen, auf Laufsteg-Jobs zu verzichten, heimzukommen und in ihren alten Kinderzimmern wohlbehütet für eine Weile die Modewelt wieder nur aus sicherer Distanz von Modemagazinen zu erleben.

Und wenn das so ist - wenn auch diese Branche Teil einer Welt ist, die angegriffen wird und deren Werte von einigen Wahnsinnigen unter dem Deckmantel von Religionen zu einem Spielball von Hass, Misstrauen, Überwachung und Angst gemacht werden sollen - haben wir dann nicht die verdammte Pflicht, dieser Welt nicht nur hübsche Körper und schöne Gesichter zu zeigen, sondern auch Haltung?

Berlin ist überall

Was in Berlin passiert ist, hat mich schockiert. Nicht, weil es dieses Mal in Deutschland passiert ist. Im November 2015 war ich drei Tage nach den Attentaten in Paris. Eine Stadt, die sich eine Flasche Rotwein, eine Wolldecke und eine Handvoll guter Freunde schnappt, bei fünf Grad draußen vor Cafés sitzt und dem Terror den Mittelfinger zeigt. Es hat mich schockiert, weil es immer noch passiert. Weil Terror nicht rational ist. Haben diese hochkriminellen Feinde des Lebens nicht begriffen, dass sie zwar einige von uns töten können - aber nicht unsere Freiheit? Denken sie wirklich, sie haben dort, wo sie nach ihrem Tod hinzukommen glauben, tatsächlich Vorteile, wenn sie unschuldige Kinder durch heimtückischen Terror töten? Welcher Gott würde so was belohnen?

Das sind Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich kann auch keine Lösung anbieten für die ganzen Probleme, die wir zu haben glauben. Was ich aber weiß ist: Hass hat auch keine Antwort, sondern nur noch mehr Leid. Zu viele Flüchtlinge? Alle kriminell? Jeder Moslem ein Terrorist? Jeder Syrer ein Vergewaltiger? Jeder Pakistani ein Attentäter? Das sind Angstreflexe, die durch Taten wie in Berlin ausgelöst und von den Ablasshändlern des Hasses, den demagogischen Brandstiftern der AfD und anderen, in die Herzen der Menschen transportiert werden sollen. Diese Leute haben keine Lösungen, sondern nur Geschichten, die Angst schüren. Das muss jeder wissen. Wer jetzt nicht aufsteht und Stellung bezieht, sorgt mit dafür, dass Rattenfänger losziehen und unsere Gesellschaft erst spalten und dann möglicherweise zerstören werden. Das dürfen wir nicht zulassen. Erst recht nicht die Menschen, die Freude und Freiheit auf die Straßen dieser Welt bringen wollen, die so zerrissen ist und so hilflos.

Auf dem Catwalk braucht man Rückgrat

Darum erwarte ich von denen, die beeinflussen, was das Must Have des nächsten Sommers sein wird, auch da voran zu gehen, wo die Freiheit, in Sicherheit und in einer freien Gesellschaft leben zu können, bedroht wird. Karl Lagerfeld, Heidi Klum, Anna Wintour, Kate Moss, Cara Delevingne - es gibt viele hundert wichtige Player in der Fashionwelt, die sich täglich zu allem möglichen äußern. Sie haben Meinungen zu Mode, zu Musik, zu Sport, zu Kultur, zu allem, was Spaß macht, was begehrenswert ist, wonach der Rest der Welt strebt. In dieser Zeit, in der Angst zurück getragen werden soll in jedes Wohnzimmer, auf jeden Weihnachtsmarkt, in jede Konzerthalle und auch auf jeden Runway, muss es Statements aus der Modebranche hageln, die der jungen Generation, die vor einem undurchsichtigen Scherbenhaufen aus fehlgeleiteten Informationen, Panikmache und choreographierter Hysterie stehen und nicht wissen, welchen Leitmotiven sie folgen sollen, den Weg weisen. Statements, die klar machen: Fallt nicht auf Hetzer rein. Lasst sie die Kommentarspalten mit ihrem unqualifizierten Geschwafel über die unfähige Merkel-Mutti oder der Bestie Flüchtling vollschreiben. Aber bewahrt den Blick für das Richtige. Überlasst Meinungsmache nicht karrieregeilen Pseudo-Politikern wie Markus Pretzell oder Frauke Petry und abgehalfterten Comedians wie Elmar Hörig oder Mario Barth.

Das erwarte ich jetzt von der Branche, die so viele Menschen inspiriert, leitet und berührt. Die Träume kreiert und Freude schenkt. Heute ist es an der Zeit, nicht nur Träume, sondern eine bessere Welt zu kreieren. Und da muss der Jahrmarkt der Schönheit seinen Einfluss so klar und unmissverständlich nutzen, wie nie zuvor.

Das ist man den Menschen schuldig in Berlin. Und in Istanbul, in Brüssel, London, Madrid, Paris oder Aleppo. Überall dort, wo Menschen sinnlos sterben müssen und Angehörige leiden. Also, lieber Modezirkus: Positioniere dich und mach mich stolz. Bitte.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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