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stern-Stimme Maries Modelcheck: Berlin Fashion Week: Neue Saison, bekannte Gesichter

Die Fashion Week in Berlin heißt jetzt #MBFW und kommt anders daher als bislang. Alles neu? Vielleicht. Die Gesichter in der Front-Row haben sich jedenfalls nicht verändert.

Von Marie von den Benken

Fashion Week Berlin

Schauspielerin Janin Ullmann (l.) und Model Lena Gercke sind Stammgäste bei der Fashion Week in Berlin

Die Berliner Modewoche. Zuverlässig wie Mahnbescheide bei und Suspendierungen von Pierre-Emerick Aubameyang hält sie Einzug in die Hauptstadt und spült hoffnungsvolle New Faces Models und abgebrühte Party-Schnorrer in die Clubs und Show-Locations. Dieses Jahr pulsiert das Herz der Berliner Fashion Week im E-Werk in Mitte, das sich damit in die Ahnenreihe seiner Vorgänger Bebelplatz, Eisstadion und Kaufhaus Jandorf einreiht. Dieses Jahr ist alles neu und der plötzlich nur noch #MBFW heißende Defilee-Marathon wartet mit innovativen Neuerungen auf. So gibt es eine riesige Leinwand vor der Location, auf der die Shows direkt aus der Runway-Halle zehn Meter Luftlinie entfernt gestreamt werden, damit die offensichtlich in Heerscharen erwarteten Groupies, Fans und Schaulustigen auch live dabei sein können, irgendwie.

Die große Leere

Im Sommer könnte man, wie es auf der London Fashion Week schon länger üblich ist, vielleicht ein paar Liegestühle aufstellen, um ein gemütliches Ambiente zu schaffen. Ich könnte mir vorstellen, dass im Juli tatsächlich ein paar Fans vorbei schauen und – auf ein Selfie mit Lena Meyer-Landrut oder wenigstens irgendeinem abgehalfterten Ex-GZSZ-Sternchen hoffend – gespannt vor der Halle ausharren. Bei minus ein Grad und fiesem Schneeregen finden sich für die Shows der Fall/Winter 2018 Saison allerdings nur ein paar Hobbyfotografen ohne Chance auf Akkreditierung und einige japanische Touristen ein, die sich verwirrt fragen, warum dieses lustig angestrahlte Haus, in das dauernd bescheuert angezogene junge Menschen rein und raus gehen, in keinem ihrer Berlin-Reiseführer steht. Könnte es die Komische Oper sein? Man weiß es nicht. Jedenfalls nicht in Tokyo. Ich habe daraufhin empört Karl gefragt und der hat Claudia gefragt und ätsch: Japaner kennt in Paris auch keiner. Also, außer, man arbeitet als Verkäufer bei Louis Vuitton.

Zwei Tage, zwölf Looks

Ausgesprochen professionell und dennoch stets harmonisch geht es dagegen im Inneren des Herzstückes der Fashion Week zu. Für die oftmals lange Zeit während des Stylings nur sehr leicht bekleideten Models ist der Backstage-Bereich auf gefühlte sympathische 400 Grad hochgeheizt. Das hindert das Beauty-Team von La Biosthétique jedoch nicht daran, einen Husarenritt in Sachen Styling zu absolvieren: Zwölf verschiedene Shows in 2,5 Tagen. Als offizieller Beauty-Partner der #MBFW muss La Biosthétique für jede einzelne Show und ihre Philosophie einen passenden, unterstützenden Look kreieren. Und das innerhalb von kürzester Zeit. Und der muss dann bei jeweils bis zu 60 Models pro Show fünf bis sechs Mal am Tag umgesetzt werden. Eine Aufgabe, die das Team um International Creative Director Alexander Dinter und meinem persönlichen Lieblings-Stylisten Steffen Zoll mit Bravour löste. Das Team erledigte seinen Job mit einer solchen Ruhe und Routine, dass trotz der Hektik und der stakkatoartigen Frequenz der Shows sogar immer mal wieder Zeit blieb, zwischendurch auch mein Styling aufzufrischen. 


Als mir Alexander Dinter in einem ruhigen Moment erzählt, wie die zwölf unterschiedlichen Hair- & Make-Up Konzepte entstanden sind, bin ich froh, auf der anderen Seite des Spiegels zu sitzen: "Wir hatten nicht viel Zeit und haben uns zwei Tage zusammen gesetzt und jeden Tag fünf Looks entworfen." Jeder einzelne muss perfekt mit der jeweiligen Kollektions-Philosophie korrespondieren, an der die Designer mit ihrem Team sechs Monate gearbeitet haben. Die wahren Helden des Modezirkus' sind oftmals die tollen Menschen hinter den Kulissen. Das gilt vor allem auch für die fantastische Arbeit, die die Stylisten bei solchen Events leisten.

Anuthida hat Ploypech

Fashion Week Berlin

GNTM-Zweite Anuthida Ploypetch lief für Riani - durfte aber nicht zur Show von Dawid Tomaszewski

Als dann endlich alle Looks entwickelt sind, geht es los. Ernstfall Fashion Week. Der Mode-Wahnsinn beginnt am Montagabend mit der Kollektion von Dawid Tomaszewski – und einem ersten kleinen Aufreger. Der unerwartet große Andrang auf das Pre-Openig, gepaart mit einer offensichtlich nicht ganz optimal vorbereiteten Seating-Situation und einer Überbuchung der Gästeliste, führen dazu, dass einige Gäste trotz Einladung und Sitzkarte nicht mehr in die Halle gelassen werden. Einer Influencer-Gruppe ehemaliger GNTM-Kandidatinnen, angeführt von Anuthida Ploypetch, in der "Germany's Next Topmodel"-Staffel von 2015 immerhin Vize-Topmodel, wird der Einlass sowohl am offiziellen VIP-Counter, wie auch am Backstage-Eingang verweigert. Bei Heidi Klum wäre das ja noch so gerade zu ertragen gewesen, aber kein Foto von einem brutal durchtätowierten Security-Schrank am Hintereingang des E-Werks, das muss man auch erst mal verkraften. Die Mundwinkel begeben sich automatisch in die Angela-Merkel-Gedächtnisposition und die Stimmung passt sich bedrohlich dem nasskalten Dreckswetter dieses pittoresken Berliner Januars an.

Marie von den Benken? Ich dachte, hier wären Promis!

Es folgen Shows von Ivanman, Ewa Herzog und Riani, ehe der erste Abend der Fashion Week mit der lang erwarteten Show von Marc Cain einen ihrer ersten Höhepunkte erfährt. Bei der Präsentation der neuen Kollektion im Untergrund des U-Bahnhofs Potsdamer Platz, zwischen PopArt Graffitis und A-Prominenz, sitze ich auf Platz A/1/1. Am Anfang der Front-Row, wo neben mir Mini-Influencerin direkt echte Branchengrößen wie Xenia Overdose platziert wurden, herrscht reges Fotografen-Treiben. Im Blitzlichtgewitter um die Haupt-Protagonisten der neuen Währung "Follower" raunt ausgerechnet eine völlig überschminkte, sehr hektische offensichtliche Praktikantin eines Boulevard-Magazins, das mit seiner mehr als bescheidenen Monats-Auflage eine Reichweite hat, die die Riege der Influencer locker in fünf Minuten generiert, dann plötzlich ihren Fotografen an: "Das sind hier die Blogger. Bleib mal nicht zu lange hier. Die richtigen Promis sind da drüben!"

Von The Boss Hoss ignoriert

Fashion Week Berlin

Waren in ihren farbenfrohen Outfits nicht zu übersehen: Victoria Swarovski (l.) und Frauke Ludowig

Picture Alliance

Zu den richtigen Promis gehören wir also nicht. Jedenfalls nicht in den Augen dieser Qualitäts-Schreiberin. Egal, ihr Blättchen, das mittlerweile von weniger Menschen gelesen wird, als die 50. Seite Google-Ergebnisse, ist auch kein richtiges Magazin. Ich verrate aber aufgrund meiner guten Erziehung nicht, von welcher journalistischen Bruchbude sie kam, OK? Haha, "OK". Verstehen Sie? Egal. Der Boulevard-Tante ist mein kleiner Ausflug in die Anatomie einer Kinderstube ohnehin wurscht. Sie zieht weiter und wird sicherlich fündig geworden sein. Die Shows von Marc Cain gelten ja traditionell als Promi-Magnet. Und auch am Dienstagabend in einem U-Bahn-Schacht unter dem Potsdamer Platz gibt sich Deutschlands Front-Row-Elite die berühmte Klinke in die Hand. Andrea Sawatzki, die beiden Cowboys von The Boss Hoss (PS: Danke noch mal für das erneute Ignorieren, Alec. Meine Rezension des kommenden Albums wird entsprechend verheerend sein, aber das ist eine andere Geschichte), Lena Gercke, Janine Ullmann, Yvonne Catterfeld, Frauke Ludowig oder Victoria Swarovski – es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Was könnte die Bandbreite eines Fashion-Labels besser beschreiben, als die Tatsache, dass in der Front-Row Stefanie Giesinger einträchtig neben Veronica Ferres sitzt. Die Ferres und die Giesinger. Was in keinem "Tatort" oder auf irgendeinem Laufsteg funktionieren würde, harmoniert bei Marc Cain problemlos.

Strenesse, der Berliner Salon und die Zukunft der Mode

Man kann vom Modestandort Berlin halten, was man möchte, aber aus meiner Sicht hat der erste Tag der #MBFW durchaus gezeigt, dass das neue, etwas abgespecktere Konzept funktionieren kann. Natürlich bevölkern wieder tausende Trittbrettfahrer in absurden Outfits das Straßenbild, vor den VIP-Countern der Shows versuchen sich Front-Row-Piraten ohne Einladung in den Innenraum zu quatschen und selbsternannte Fashion-Experten philosophieren in den Cafés der Stadt, ob Blumenmuster wirklich wieder en vogue sind. Aber es wird auch tolle, nachhaltige Mode gezeigt, wie etwa von Lena Hoschek oder Ewa Herzog. Auch das Konzept "Der Berliner Salon" hat sich etabliert. Und das Comeback des schlafenden Riesen Strenesse, der auf einer Mega-Leinwand im Brandenburger Tor Museum "The Gate" seine neue Kollektion als interaktives 360-Grad-Event inszenierte, sorgt für Aufsehen in der Branche. Dazu aber in meiner nächsten Kolumne mehr, denn die Fashion Week ist lang und mein Terminkalender voller als eine Horde Amateurfußballer auf Abschlussfahrt am Ballermann.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie