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stern-Stimme Maries Modelcheck: "Vogue"-Chefin Christiane Arp: "Ich bin ein großer Heidi-Klum-Fan"

Als Kind entwarf sie Kleider für ihre Barbies, durch ein Praktikum landete sie im Journalismus. Seit nunmehr 13 Jahren führt Christiane Arp als Chefredakteurin die deutsche "Vogue" - und kämpft gegen das schlechte Image der hiesigen Modebranche.

Von Marie von den Benken

Vogue Chefredakteurin Christiane Arp

Autorin Marie von den Benken im Gespräch mit "Vogue"-Chefredakteurin Christiane Arp

Als ich Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen "Vogue" in Berlin treffe, kommt sie gerade von einem Spaziergang zurück. Am Vorabend hat sie als Mitglied der Jury beim "Designer for Tomorrow"-Award noch den wichtigsten Deutschen Nachwuchspreis vergeben. Nun geht die Modewoche zu Ende und damit auch für sie eine straffe Agenda. Dennoch wirkt sie in ihrer sommerlich hellen, weiten Garderobe elegant und entspannt, als käme sie gerade von einem ausgedehnten Wellness-Wochenende.

Wir suchen uns eine separierte Couch im Barbereich und teilen uns eine Flasche Mineralwasser. Ein kurzer Moment der Ruhe in der hektischen Welt des Modezirkus. Zur Fashion Week fällt er zwei Mal im Jahr in Berlin ein, um seine Manegen über die gesamte Stadt zu verteilen und mit spektakulären Locations, möglichst prominenten Front-Row-Gästen und neuen Kollektionen die Gunst der Einkäufer, Kunden und der Presse zu gewinnen. Wie eine Institution der Ernsthaftigkeit neben den vielen oft oberflächlichen oder für nur eine Saison schillernden "Places To Be" während der Fashion Week wirkt in seiner mittlerweile elften Saison der von Christiane Arp ins Leben gerufene "Vogue"-Salon.

Kapitän in einem Planschbecken voller Paddelboote

Wäre die deutsche Fashionbranche tatsächlich eine Diaspora, als die sie oft bezeichnet wird, wäre Christiane Arp als Chefredakteurin der deutsche "Vogue" so was wie der Kapitän der Queen Mary in einem Planschbecken voller Paddelboote. Ob dieses Bild nun stimmt oder nicht - auch sie hat im Maschinenraum angefangen. Nach dem Abitur geht sie für ein Praktikum in der Redaktion der "Nicole" nach Hamburg. Das Magazin fesselte ab Ende der 70er Jahre seine Leserinnen mit immer neuen Impulsen zum Thema Stricken und Storys wie "220 Pullis im Schrank sind kein Grund, mit dem Stricken aufzuhören".

Für Christiane Arp aber ist es der Einstieg in die Bereiche, die sie später selbst maßgeblich prägen wird: Mode und Journalismus. Nach dem Praktikum bittet der Verlag sie, zu bleiben. Neben der redaktionellen Arbeit beginnt sie ein Modedesign-Studium am renommierten Modecampus Armgardstraße. Schnell merkt sie, dass ihr eine internationale Karriere als Modedesignerin vermutlich verwehrt bleibt. Ihre Kunst, ihre Philosophie mit Mode umzugehen, ist eine andere: "Es fasziniert mich noch heute, welche Macht Mode haben kann, wenn man sie richtig einsetzt. Mode ist mehr als ewas, das ich anziehe. Nichts anderes lasse ich so dicht an mich ran. Deswegen hat Mode auch so einen starken Einfluss darauf, wie wir uns fühlen."

Seit 13 Jahren an der Spitze der deutschen "Vogue"

Ihre große Liebe zur Fotografie und die Erkenntnis, dass gedrucktes Papier treu ist, weisen ihr den beruflichen Weg. "Es ist toll, das Wissen über Modedesign als Hintergrund zu haben, aber meine Form mich modisch auszudrücken ist über gedrucktes Papier." Nach Stationen beim stern und bei der "Amica" leitet sie nun seit 13 Jahren die Redaktion der "Vogue". Inspiriert durch einen unsauber recherchierten Artikel in einem anderem Magazin, der die deutsche Modebranche unreflektiert beleuchtet und sehr schlecht dastehen lässt, macht sie ihrem Ärger erst öffentlich Luft, beschließt dann aber, aktiv gegen dieses Image der Bedeutungslosigkeit anzutreten. Die Idee zum "Vogue"-Salon ist geboren. Sie hebt ihn 2011 aus der Taufe, um junge deutsche Designer zu fördern: "Sie sollen wissen, dass wir ans sie glauben. Das motiviert sie, das Beste zu geben. So wachsen ihre Kollektionen, so reifen diese Kreativen und so steigt auch die Qualität des 'Vogue'-Salons. Das ist eine ganz tolle Symbiose."

Dass Berlin und die Fashion Week dafür den Rahmen bieten, ist nur logisch: "Die Fashion Week ist ein bekanntes Format. Berlin ist unsere Hauptstadt und besitzt die Anziehungskraft einer Weltstadt. Hier gibt es dieses kreative Flair. Berlin ist zerrissen, schön, hässlich, laut, leise. Ich glaube, dass Kreativität diesen Nährboden braucht." Christiane Arp schafft ein weltweit neues Format, das es Einkäufern und Presse erlaubt, sich wirklich über die Zukunft der Mode, wie der ausgewählte Nachwuchs sie sieht, zu informieren: "Sie bekommen in kurzer Zeit das Maximum an relevanter Information. Alles, was wir tun, dient dieser Idee, Mode irgendwann in Deutschland als Kulturgut und Wirtschaftskraft zu etablieren."

Als Kind kleidete Christiane Arp ihre Barbies ein

In einem Interview mit Ann-Sofie Johansson, der Kreativberaterin von H&M, findet sie heraus, dass beide sich unabhängig voneinander eine prägende Phase der Kindheit teilen, die man in der Haute-Couture eher nicht vermutet hätte. Die Barbie: "Ich bin in den 60er Jahren groß geworden. Barbie kam da nach Europa. Das war etwas ganz Neues. Barbie war meine Puppe, die habe ich angezogen, und zwar exzessiv. Ich habe für meine Barbie gestrickt und genäht." Bis heute mag sie besonders das Haptische. Etwas anfassen zu können: "Darum liebe ich auch Zeitschriften. Du hast ein haptisches Erlebnis."

Natürlich ist ihr bewusst, weswegen in Deutschland schnell der Eindruck entsteht, nicht mehr am Puls der Zeit zu sein. Hier existiert nicht zu wenig Kreativität, sondern zu viele schwimmen mit: "Es gibt zu viele Design-Schulen. Zu viele Studenten und damit zu viele Absolventen. Das führt dazu, dass es zu viel Mittelmaß gibt. Die meisten flüchten dann in ein eigenes Label, denn wo soll man sonst hin?"

"Mode ist eine große Säule unserer Popkultur"

Auch zum Thema Modeblogger hat Christiane Arp eine andere Meinung, als die meisten ihrer Kollegen, die den Untergang des seriösen Journalismus befürchten: "Es war immer mein Wunsch, dass sich mehr und auf verschiedenen Kanälen mit Mode auseinandergesetzt wird. Also werde ich mich sicher nicht über Blogger beschweren." Wie überall, wo Menschen etwas schaffen, gibt es Grandioses und eben auch weniger Grandioses. So auch im Netz: "Mode ist eine große Säule unserer Popkultur. Immer, wenn etwas imminent wird, verwässert es sich auch. Dann gibt es zu viel. Und wenn es zu viel gibt, gibt es auch zu viel Banales. Aber es gibt auch Tolles. Schauen Sie zum Beispiel auf 'Business of Fashion'. Die machen zweimal im Jahr ein Heft und berichten täglich online über Mode. Beides auf höchstem Niveau."

Die Möglichkeiten der Kommunikation haben sich verändert. Die Menschen haben sich verändert. Die Mode hat sich verändert. Neue Technologien haben neue Wahrnehmungen geschaffen. Aber Blogger sind für Christiane Arp nicht die einzigen Trendsetter und schon gar nicht die wichtigsten, denn Influencer gab es schon immer: "Wir reden heute weniger über Trends, sondern viel mehr über Stil. Und es gibt einige Menschen, die haben einen großartigen Stil. Marchesa Luisa Casati, Talitha Getty oder Peggy Guggenheim - Frauen wie sie sind durch ihre Exzentrik immer noch inspirierend und die Mode adaptiert das. Auf der anderen Seite prägen aber immer noch Designer das modische Bild. Kollektionen von Dries van Noten, Comme des Garçons, Jun'ya Watanabe oder Haider Ackermann, das ist großartige Mode."

It-Girls wie Gigi Hadid sind die neuen Superstars

Aber auch die "Vogue" spürt die aktuellen Strömungen. Wie über die Social-Media-Welten der neuen Generation von Models Ideen der Designer oder Produkte innerhalb von Minuten auf die Smartphones einer ganzen Generation gelangen können. In der aktuellen August-Ausgabe widmet die "Vogue" dieser Entwicklung ein ganzes Heft. Wie sich das Geschäft verändert und damit auch ein ganz neues Frauenbild entsteht: "Plötzlich sind It-Girls die Superstars. Zum Beispiel Gigi Hadid oder Irina Shayk. Mädchen, die populär sind, gerade weil sie vielleicht nicht perfekt sind. Sie sind erfolgreich, weil sie bestimmte Dinge besonders smart machen, nicht weil sie dem Klischee 1,80 Meter, schlank und schmal entsprechen. Weil sie Schminktipps geben. Weil sie auch mal Bad Hair Days haben. Weil sie vielleicht super gerne Hamburger mit Pommes essen und das auch so kommunizieren. So machen sie sich quasi zur besten Freundin."

Und normalisieren nebenbei das Bild des Glamour-Models, schaffen Authentizität und eine viel größere Nähe zu ihren Followern, als es die Supermodels der 90er um Claudia Schiffer und Cindy Crawford je konnten. Sie zeigen, dass es auch normales Leben gibt und sie daran teilnehmen. Das macht sie nahbarer und auch sympathischer.

Der Nachmittag neigt sich dem Ende und das Treiben in der Hotelbar wird geschäftiger. Christiane Arp wird bald in ihre Heimat Hamburg aufbrechen, wo sie immer noch ihren Lebensmittelpunkt hat. Mir bleibt noch Zeit für zwei Themen, die mir besonders am Herzen liegen. Zum einen das Thema Pelz. Ich erwähne, dass ich als Veganerin Pelz für mich ausschließe und auch als Model keine Jobs annehme, bei denen echter Pelz involviert ist.

In der "Vogue" findet aber auch Pelz statt. Ihre Antwort zeigt, dass Christiane Arp als Mensch viel Wert auf individuelle Überzeugungen legt und kein Freund von Vorschriften ist: "Das muss jeder für sich entscheiden. Ich glaube nicht an Diktate, auch nicht in der Mode. Aber für mich ist eines klar: So, wie wir auf zu viel Fleisch verzichten sollten, sollten wir auch auf unnötigen und nicht nachhaltig produzierten Pelz verzichten. Besonders auf diese blöden Pelzbommel an irgendwelchen blöden Mützen. Das wäre schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.“ Und "Vogue" zeigt nicht nur echten Pelz. Sie unterstützt auch Alternativen: "Es ist doch toll, dass es Kunstpelz gibt. Wir fotografieren für die 'Vogue' alles, was uns gefällt. Auch viel Kunstpelz. Da gibt es fantastische Sachen. Von Stella McCartney zum Beispiel."

Christiane Arp ist ein Fan von Heidi Klum

Unser letztes Thema ist "Germany's Next Topmodel". Nachdem ich mich durch die gesamte diesjährige Staffel gekämpft habe, freue ich mich, das Thema heute auch noch mal aus Sicht der "Vogue" beleuchten zu können: "Ich bin ein großer Heidi-Klum-Fan. Sie ist unglaublich professionell und eine Selfmade-Frau, davor ziehe ich meinen Hut." Für eine Karriere nach GNTM sieht Christiane Arp keinen grundsätzlichen Makel darin, als Model bei diesem Format dabei gewesen zu sein. Sofern man sich nicht zu sehr als Zicke geoutet hat: "Meine Bewertung als Redakteurin und Stylistin lautet: Teamwork ist das wichtigste. Wenn das Mädchen super passt, ist es völlig egal, ob sie da früher dabei war. Aber am Set trifft man auf gewachsene Verbindungen. Alle kennen sich, vertrauen sich - der Fotograf, Stylisten, Hair & MakeUp. Neu in der Familie ist zumeist nur das Model. Natürlich wünscht man sich, dass dann alles harmonisch läuft, weil man das den Bildern hinterher auch ansieht. Zickereien kosten zu viel Energie, die ich lieber in ein tolles Foto für 'Vogue' stecke. Aber Mädchen, die als Zicken gelten, gibt es ja nicht nur bei GNTM. Ich meine, ein bisschen Zicke ist ja okay, aber zu viel ist irgendwie unmodern, oder?", fragt sie lachend.