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stern-Stimme Maries Modelcheck: "Curvy Supermodel": Dialoge, tiefsinniger als zehn Semester Philosophie-Studium

Empathie-Weltmeister, Lieblingsflaschen, Pietro Lombardi an jeder Ecke und literarische Perlen der Jury-Philosophen. "Curvy Supermodel" geht in die zweite Woche.

Curvy Supermodel

Die Jury der diesjährigen Staffel "Curvy Supermodel": Jan Kralitschka, Angelina Kirsch, Jana Ina Zarrella und Oliver Tienken. 

Die zweite Folge "Curvy Supermodel" beginnt direkt mit einem Superlativ, der selbst für "RTL 2"-Verhältnisse durchaus mutig ist. Die Juroren Angelina Kirsch, Jana Ina Zarrella, Jan Kralitschka und Oliver Tienken beschreibt der XXL-Model-Sender mit "Sie gehören zu den erfolgreichsten Deutschlands". Ja, so habe ich auch geguckt. Mal abgesehen davon, dass ich Karl gefragt habe und der hat Claudia gefragt und die vier kennt nicht nur in Paris keiner, sondern nicht mal in Bergisch-Gladbach, stellt sich mir folgende Frage: Wären nach dieser "RTL 2"-Logik Daniela Katzenberger, Lorielle London, Thorsten Legat und Nadja abd el Farrag auch die erfolgreichsten Hirnchirurgen Deutschlands?

Viel Zeit, darüber zu philosophieren, bleibt mir aber nicht, denn kaum hat die Jury Platz genommen, "erhalten die Kandidatinnen ein professionelles Styling und ein Outfit ihrer Wahl". Und weil Deutschlands erfolgreichste Superjury teuer ist und das alles ja irgendwie auch finanziert werden muss, zusätzlich noch eine Sponsoren-Wasserflasche, die die Kandidatinnen dann fleißig in die halten können.

Der Ex-Ex-Ex-Juror

Ex-Bachelor und Neu-Juror verrät anschließend exklusiv, was die "Curvy Supermodel"-Siegerin gewinnen wird. Anders als bei "Germany's Next Topmodel" winkt dieser nämlich kein Opel Adam. Vermutlich einer der Hauptgründe, warum sich mehrere Tausend Mädchen beworben haben. Die Gewinnerin sichert sich dafür aber einen 15.000-€-Gutschein eines Online-Versandhändlers und eine Reise nach New York. Da könnte sie sich dann eine Model-Agentur suchen. Sie erhält zwar einen Vertrag bei Pars Management, der Agentur von Peyman Amin, die ist aber laut Webseite "die Agentur der Zukunft". Gerade für ein New Face ist es allerdings nicht unwichtig, auch schon in der Gegenwart Jobs zu bekommen. Amin war 2017 noch Jury-Mitglied, zwischen 2006 und 2010 in identischer Funktion bei GNTM und 2012 bei "Million Dollar Shooting Star". Damit ist er quasi Ex-Ex-Ex-Juror. Wenn er jetzt noch beim anstehenden RTL-Model-Casting-Format mit Sylvie Meis dabei ist, könnte er nächstes Jahr der erste Deutsche sein, der in vier verschiedenen TV-Model-Shows kein Juror mehr ist.

Keine Primetime ohne Lombardi

Zum Glück kann ich mich zum Verarbeiten dieser ganzen Mega-Infos in die Werbepause retten. Da empfängt mich mit seiner neuen Single. Der Refrain geht etwa so: "Phänomenal! Du bist erste Liga, so wie Real". Um möglichen Schleichwerbungs-Vorwürfen direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen, füge ich hinzu: Auch Edeka, Netto, Rewe, Penny, Lidl und Aldi sind natürlich erste Liga. Egal, wo ich mich in den vergangenen Wochen im TV aufgehalten habe, Pietro Lombardi war schon da. "Let's Dance" oder "Schlag den Star", egal. Langsam bekomme ich Angst, meine Kühlschranktür zu öffnen und der Strahlemann aus Köln schmettert mir "Babe, du bist mehr als ein Rendezvous, es gibt keine Zeugen, nur der Mond schaut zu" entgegen. Das ist kein Dialog aus einem drittklassigen Horror-Film, sondern ebenfalls eine Sensations-Zeile aus Pietros 2018er Sommerhit.

Nach der Werbepause werden dann erste Kandidatinnen aussortiert. Das Auswahl-Prozedere ist recht einfach, wie Jan Kralitschka zum Mitschreiben so zusammenfast: "Jede Kandidatin braucht drei Jas um weiter zu kommen". Kurz schlägt mein Akkusativ-Detektor aus und brüllt "drei Jahre, nicht drei Jahrs!" in die Nacht. Aber Fehlalarm. In drei Jahren gibt es das Format ja gar nicht mehr. Sicher ist nur: Drei Jas sind mit Sicherheit besser als drei Jans. Sorry, Herr Eißfeldt.

Oben und unten ist gleich

Aber nicht nur der vom Rosen- zum Curvy-Business durchgereichte Kralitschka muss heute öfter ran. Auch hat auffallend viele Kompetenz-Pillen genascht und haut diese Woche endlich einige Kleinode für die Best-Of-Curvy-Historie raus. Mein Favorit: als eine Kandidatin auf die Frage, wie ihre Maße wären, mit "110, 90, 110" antwortet, entfährt es der durch Qualitätsformate wie "Daniela und Lucas - Die Hochzeit" erprobten Starmoderatorin: "Oben und unten ist gleich, das hat man nicht oft". Auch ein hübscher Titel für ihre Memoiren. Einer anderen Kandidatin attestiert sie begeistert: "Du bist gelaufen wie eine Katze". Das passt natürlich gut, so auf einem (Achtung!) CATwalk.

Und auch Angelina Kirsch erinnert sich daran, offiziell die Hauptmoderatorin zu sein und nimmt das Heft resolut in die Hand, nachdem Peyman Amin-Klon Oliver Tienken sich in der ersten Folge an ihr vorbei ins Rampenlicht gefachsimpelt hatte. Für den Recall macht sie die Kandidatinnen mit dem Ansporn "Diese Fotos werden in der Zeitschrift 'Closer' erscheinen" heiß. Während ich so darüber sinniere, wie viel closer ein Foto sein kann, choreographieren die Kandidatinnen sich bereits in drei Gruppen mit je einem Key-Accessoire in ihr Verderben. Zumindest verbal. Exemplarisch dafür hier kurz ein Dialog mit der Gruppe, deren Accessoire Tücher sind.

Kirsch: "Euer Thema ist gut betucht!"

Model: "Hurra!"

Kirsch: "Warum freust Du dich so?"

Model: "Ich mag Hüte!"

Hä? Genau. Den Rest dieser erquickenden Konversation hat "RTL 2" wohl leider herausgeschnitten. Ich bin aber sicher, es lief in etwa so ab:

Kirsch: "Dazu wollen wir Euch auch mit weniger Stoff sehen!"

Model: "Hurra!"

Kirsch: "Warum freust Du dich so?"

Model: "Ich mag Skianzüge!"

Erster Gang, zweiter Gang, dritter Gang, Tiefgang

Dialoge, tiefsinniger als zehn Semester Philosophie-Studium. Bedeutungsvoller sind nur noch die Vita-Texte auf der "Curvy"-Webseite. Da findet man Perlen wie "Oliver Tienken lief bereits mit Topmodel Naomi Campbell". Vermutlich auf einem Flughafen von Gate 5 zu Gate 22 oder so. Was kommt als nächstes? Ich hoffe auf literarische Sternstunden wie "Jan Kralitschka aß schon mal im selben Restaurant wie Dieter Bohlen", "Jana Ina Zarrella saß schon mal neben Oliver Pocher" und "Angelina Kirsch telefonierte schon mal mit Micaela Schaefer". Ihr dürft gespannt sein.

Fast so gespannt wie auf die Auswahl der finalen Kandidatinnen. Nach welchen Kriterien die Jury vorgeht, ahnt man bei Jans Begründung: "Du kriegst ein Ja von mir wegen deinem Face". Donnerwetter. Revolutionär. Achtet denn bei einem Model-Casting keiner mehr auf die elementaren Dinge für das Business wie Kenntnisse in Quantenphysik oder Rasenmähen? Danke, Merkel!

Die wo rausfliegt

Das für die finale Entscheidung angekündigte Motto "weniger Stoff" sorgt nicht überall für Freudensprünge. Während sich das Netz unter dem Hashtag #CurvySupermodel darüber echauffiert, dass "RTL 2" Mädchen mit Kleidergröße 40 bereits als "besonders curvy" deklariert, verweigert eine der Kandidatinnen den obligatorischen Bikini, weil sie sich noch nicht wohl in ihrem Körper fühlt. Jetzt könnte man trefflich darüber diskutieren, warum sie dann ausgerechnet bei einem Model-Casting im TV dabei sein möchte. Oder man gesteht ihr einfach zu, dass sie kein Profimodel ist und die Gesetzmäßigkeiten der Branche noch nicht richtig kennt. Ich beispielsweise habe auch oft Shootings an Tagen, wo ich mich körperlich nicht optimal finde. Dann wird der nicht optimale Arm oder der leicht unglücklich getroffene Bauch eben retuschiert. Zauberwort: Post-Produktion. Das hat nichts mit DHL zu tun, sondern ausschließlich mit Photoshop. In der Branche völlig normal. Bei mir genau wie bei den viel erfolgreicheren Stars des Business'.

Verzweifelt, aber standhaft, kommt sie als einzige nicht im Bikini zurück auf den Laufsteg und hofft, "dass ich ein Beispiel bin für andere, wo sich unwohl fühlen". Jürgen Klinsmann etwa. Die Jury versteht aber keinen Spaß und erst Recht kein Unwohlsein und schickt sie nach Hause. 

Dachterrasse oder Dachschaden?

Kurz bevor ich bei so vielen Empathie-Weltmeistern in der Jury solidarisch eine Familienpackung Chips öffne, kanzelt Naomi Campbells Laufpartner Oliver Tienken mit einem sympathischen "Also sorry Mäuschen, das geht gar nicht!" eine Kandidatin ab, die sich während der Performance Patzer leistet. Auf der nach oben offenen #MeToo Skala ist das Jan Delay Gedächtnis-Stimmwunder, das sich gerne für Lokalzeitungen auf seiner Dachterrasse in der Hamburger HafenCity ablichten lässt, damit direkt in die Top 10 der Netzfeministinnen-Charts eingestiegen. Bei den Temperaturen kann ein bisschen Wind ja nicht schaden. Und wenn es halt ein Shitstorm ist.

Bevor am Ende dann die Nicht-Bikini-Verweigerinnen Sanbrina, Schulamit, Pauline, Alina und Natalia in die Endrunde gelobt werden, kommt ein letztes Mal Werbung. Die startet mit einer Erinnerung an die bereits erfolgreich in die Anfangssequenz gemogelten Sponsor-Trinkflaschen: "Hol dir deine Lieblingsflasche aus der Sendung". Mega-Idee. Meine Lieblingsflasche aus der Sendung ist Jan Kralitschka. Liebes RTL 2, bitte direkt versenden an: Marie von den Benken, "Stern Online", Am Baumwall 11, 20459 Hamburg. Danke!

Bis nächste Woche: Alles Liebe, Eure Marie

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tkr