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stern-Stimme Maries Modelcheck: "Curvy Supermodel": Bikini-Präsentation mit Mobbing-Vokabeln

Die Castingshow "Curvy Supermodel" geht in die zweite Runde. Ein wirkliches Supermodel ist noch nicht identifizierbar, dafür etabliert RTL2 die erste öffentliche Primetime-Therapiestunde.

Von Marie von den Benken

Curvy Supermodel

Die "Curvy Supermodel" Kandidatinnen Céline (l.) und Julia beim Posieren in München

Folge zwei der Casting-Show für Mädchen ab Konfektionsgröße 42 inszeniert RTL2 erneut unter dem Motto "arme, gemobbte Wohlfühlkörper" gegen "fiese Hungerhaken". Garniert mit Zickereien, dem Einzug in eine Modelvilla, Tränen, Überraschungsbesuchen der Familie, einem Braut-Walk und einem Umstyling. Knapp fünf Folgen GNTM also, komprimiert in einer Folge "Curvy Supermodel".

Nackt in München

Gleich im Eröffnungsakt erwartet die Kandidatinnen ein Fotoshooting mitten in München. Dafür schreiben sie sich ihre schlimmsten Beleidigungen auf den Körper und tragen diesen anschließend möglichst selbstbewusst zur Schau. Öffentlich. Im Bikini. Da stehen sie dann also, fast so wie Gott und eine vielleicht nicht immer hundertprozentig optimale Ernährung sie geschaffen hat, mit Mobbing-Vokabeln zugekleistert auf dem Münchener Opernplatz. Sich ausgerechnet hier das Wort "dick" auf den nackten Bauch zu schreiben, hätte bei der Menge an englischen Touristen dort durchaus auch nach hinten losgehen können.

Das neue Selbstvertrauen der Curvys unterlegt der bei der Produktionsfirma für die Musikauswahl zuständige Praktikant völlig unerwartet mit Christina Aguileras "Beautiful". Andererseits, "Dicke Titten, Kartoffelsalat" von Ikke Hüftgold wäre irgendwie auch unpassend gewesen.

Harald Glööckler ist kein Bruce Darnell

Früher war zwar nicht alles besser, manches aber schon. Anstatt Perlen des Casting-TVs wie Bruce Darnells "die Handetasche muss läbbändig sein" gibt es hier nur Feinsinnigkeiten von Harald Glööckler. Der Modeschöpfer, vielen ja eher bekannt als der Joker aus Batman, wurde auch viele Jahre für sein Aussehen gemobbt. Stolz berichtet er, dass er sich dann aber "ein Schloss gebaut hat, aus den Steinen, die sie mir entgegen geworfen haben". Tatsächlich wollte er einfach mal Taylor Swift zitieren: "Cause, Baby, I Could Build A Castle. Out Of All The Bricks They Threw At Me" (aus "New Romantics").

Bodyshaming ist kein One Way Ticket

Das Gefühl, sich in seinem Körper unwohl zu fühlen und unter Intoleranz und unsensiblen Mitschülern zu leiden, haben Mädchen mit korpulenteren Körpern übrigens nicht exklusiv. Fast alle erfolgreichen Models, die ich kenne, wurden in ihrer Schulzeit aufgrund ihrer Größe und ihres schmalen Körperbaus gehänselt. Trotzdem gibt es bei GNTM beispielsweise keine Shootings, für die sich die Mädchen "No Titts", "Giraffe", "Klappergestell" oder "Iss mal was" auf die schlanken Schenkel schreiben.

Super Size Models Ashley Graham und Robyn Lawley

Ich heirate einen Burger

Leider wirkt "Curvy Supermodel" so zeitweise eher wie eine Bodyshaming-Doku. Was automatisch dazu führt, dass der Zuschauer sich fortlaufend mit den immer gleichen Vorurteilen in unserer Gesellschaft beschäftigen muss, während das eigentliche Thema, Modeling und Fashion, kaum mehr wahrgenommen wird. Und dann lernt man noch: Kräftigere Frauen essen gerne. Dieses Klischee wird jedenfalls bedient, wenn Aurelie philosophiert, sie würde "lieber einen Burger heiraten, als einen Mann".

Drama, Baby, Drama

Nach einem hochdramatischen Umstyling, bei dem Julia als Heulsuse alle GNTM-Teilnehmerinnen zusammen in die Tasche steckt, steuert die Jury um Angelina Kirsch, Motsi Mabuse, Ted Linow und Harald Glööckler auf das große Finale zu: Dem Hochzeits-Walk. Große Party und anschließend ist der Spaß für immer vorbei - ein Konzept, das man auch in der Realität von vielen Hochzeiten kennt. Um dafür die richtige Romantik aufkommen zu lassen, platziert RTL2 heimlich Familien und Freunde der Kandidatinnen im Publikum. Alle jubeln und freuen sich. Unentschuldigt fehlt nur: Michis Freund, der ihr vor ihrer Teilnahme bei "Curvy Supermodel" jegliche Qualifikation für eine Modelshow abgesprochen hatte. Auf Honey 2.0 müssen wir also weiter warten.

Ich Wollny Model werden

In der Premierenwoche startete "Curvy Supermodel" mit durchaus beachtlichen 810.000 Zuschauern aus der so genannten werberelevanten Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren. Immerhin ein Marktanteil von acht Prozent für RTL2. Bei einem Senderdurchschnitt von 5,7 Prozent also ein voller Erfolg. Oder wie Sophia Thomalla sagen würde: fette Mädchen, fette Quoten.

Um die Zuschauer bei Laune zu halten, wird es sogar interaktiv. Silvia Wollny guckt ebenfalls und chattet live auf ihrer Facebook-Seite. RTL2 fordert zur regen Teilnahme auf. "Silvia wer?" fragen Sie jetzt zu Recht. Silvia Wollny ist so was wie das Curvy Supermodel der Dokusoaps. Und mit ihren acht Kindern vermutlich der Prototyp der Frauke-Petry-Wunschfamilie. Im Reality-Format "Die Wollnys" geht es primär um ihren Nachwuchs mit wohlklingenden Namen wie Sylvana, Sarafina, Jeremy-Pascal, Sarah-Jane, Lavinia, Calantha, Estefania und Loredana. Ihnen werden in ihrem natürlichen Lebensraum RTL2 große Chancen eingeräumt, irgendwann bei "Curvy Supermodel - Das Promispecial" dabei zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Süßer die Glööckler nie klingen

Apropos Geschichte: Harald Glööckler, der alte Frauenversteher, lässt die Zuschauer erfrischend oft an seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz mit dem weiblichen Geschlecht partizipieren. Ein Beispiel? Gerne. "Eine Frau weicht nur zurück, um Anlauf zu nehmen." Also, außer sie begegnet Harald Glööckler im Dunkeln. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Im Finale kommen dann Polina, Céline, Samira, Michi, Chetherin, Stella, Fabienne und (mit viel heidiklumesken Jury-Zaunpfahlwinkereien über Enttäuschungen und letzte Chancen) auch Aurelie weiter.

Für Feenja dagegen ist Schluss. In letzter Konsequenz verständlich, immerhin hatte ihr eher bescheidener Final-Walk Ted Linow den spontanen Ausruf "das hat was von einem Schlachtschiff" entlockt. Nach Hause begleitet wird sie von Julia, die sich beim Umstyling etwa so kooperativ, professionell und erwachsen zeigte, wie Erdogan in einem Raum mit der Redaktion von "Extra 3", während Jan Böhmermann nackt sein Schmähgedicht aufsagt. Das geht gar nicht, urteilt Chefjurorin Angelina Kirsch und Ted Linow pflichtet ihr bei: "Wenn man sich so bei einer Agentur oder einem Kunden zeigt, kann man gleich seine Sachen packen." Und das macht sie dann auch.

Mit nur noch acht Plus-Size-Kandidatinnen geht es also nächsten Mittwoch weiter.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie


"Curvy Supermodel. Echt. Schön. Kurvig." läuft immer mittwochs um 20:15 Uhr bei RTL2

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