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Maries Modelcheck: "Curvy Supermodel": Nackte Haut gegen das Quoten-Desaster

Angelina Kirsch und Co. suchen auch in der dritten Staffel ein "Curvy Supermodel" - doch die Quoten sind dünn. Nun soll es "sexyer denn je" werden und vielleicht treibt das die Zuschauerzahlen aus der Desaster-Zone.

Von Marie von den Benken

Curvy Supermodel

Die Jury der diesjährigen Staffel "Curvy Supermodel": Jan Kralitschka, Angelina Kirsch, Jana Ina Zarrella und Oliver Tienken. 

Bei Englands Buchmachern kann man auf alles wetten. Für einen Euro Einsatz gibt es beispielsweise 1001 Euro zurück, sollte Donald Trump der neue James Bond werden. Besonders beliebt sind aktuell Wetten darauf, wie das erste Kind von Meghan Markle und Prinz Harry heißen wird. Wie die Quoten dafür stehen, dass der erste Sprössling der Nummer sechs der britischen Thronfolge und der "Suits"-Anwältin Jana Ina heißen wird, ist mir nicht bekannt. Bei Wetten darauf, welcher der vier aktuellen Juroren von "Curvy Supermodel" am wahrscheinlichsten zum Cast des nächsten "Dschungelcamps" gehören wird, liegt sie meiner Meinung nach abgeschlagen hinten. Das kann man auch an den jeweils ersten Sätzen ablesen, die die Kandidaten diese Woche in Deutschlands lustigster Casting-Show für die ganze Familie aufsagen dürfen. Bei der Relevanz-Einordnung von Jurymitgliedern ist es nämlich wie beim Tennis: Der erste Satz entscheidet.

Jana Ina Zarrella

Jana Ina startet Folge drei der Lieblings-Sendung aller Netzfeministinnen mit: "Die dritte Staffel Curvy Supermodel wird sexyer denn je" und lächelt dabei so süffisant, als hätte sie sich als Belohnung für die unterirdischen 3,9 Prozent Einschaltquote in der werberelevanten Zielgruppe "Bodyshaming" auf den Hintern tätowieren lassen. Letzte Woche sahen nur noch 260.000 14- bis 49-Jährige dem Treiben der kurvigen Supermodels zu. So viel Reichweite hat ein durchschnittlicher Influencer mittlerweile mit jeder beliebigen Instagram-Story auch. Aber gut, jetzt wird es ja sexyer denn je und vielleicht treibt das die Zuschauerzahlen ja aus der Desaster-Zone.

Oliver Tienken

Auch Oliver Tienken gibt alles dafür, den Quoten-Keller schnellstmöglich zu verlassen. Sein erster Satz lautet nämlich: "Ich liebe es, wenn man raus kommt, und puff!" KchKch. Genau. Man kann natürlich geteilter Meinung darüber sein, wie seriös es ist, mitten in einer Casting-Sendung plötzlich über seine Erfahrungen in Swinger-Clubs zu referieren, aber Sex sells. Und Tienkens grundsätzliche Seriosität ist ja unbestritten, immerhin ist er "Coach, Choreograph und Model". Das sagt jedenfalls RTL2, deren Textpraktikant an dieser Stelle allerdings die Chance auf ein Alliterations-Triple-Grand-Slam à la "Coach, Choreograph und Catwalk-King" unentschuldigt verstreichen lässt. Sad.

Jan Kralitschka

Einfacher ist die Berufssituation bei Jan Kralitschka. Er ist laut RTL2 "hauptberuflich Model". "Hauptberuflich Ex-Bachelor" klingt auch irgendwie doof. Sein erster Satz erinnert den Zuschauer, sofern noch einer da ist, dann an den knallharten Konkurrenzkampf bei einem Casting-Format: "Die werden sich nichts schenken, die wollen gewinnen!" Da hat das hauptberufliche Model recht. Anders als in anderen RTL2-Erfolgsformaten bringt keine der Kandidatinnen ihren Konkurrentinnen hübsch verpackte Geschenke mit. Bei "Naked Attraction" oder "Love Island" ist das anders. Obwohl, da sind die Geschenke andererseits natürlich alle immer schon ausgepackt. Übrigens: Falls es beim Ex-Bachelor irgendwann beruflich nicht mehr so gut laufen sollte, könnte er immer noch mit dem Gebrauchtwagen-Online-Portal "Jan Kralitsch-Car" Millionär werden.

Angelina Kirsch

Der erste Satz der einzigen Überlebenden aus der ersten Staffel "Curvy Supermodel" lautet: "Professionell, diszipliniert und zuverlässig, dann kann aus dir auch ein erfolgreiches Model werden". Ein genialer Ablenkungs-Move. Während zu Hause an den Empfangsgeräten noch gerätselt wird, ob das jetzt drei verschiedene Vokabeln für exakt die selbe Aussage sind, fällt nicht so auf, dass sie morgens versehentlich statt zu ihren Ohrringen zu ihren Liebeskugeln gegriffen hat. Sex sells, Sie erinnern sich.

Ja, nein, ja, nein ... äh ja

Kandidatin Jessy

Kandidatin Jessy

Das Blöde an TV-Formaten wie "Curvy Supermodel" ist ja, dass nach den ersten Sätzen leider meistens noch zweite und dritte folgen. Egal, da müssen wir jetzt durch. Als erste Kandidatin der dritten Vorauswahl-Woche stellt sich heute Abend Lisa-Marie der Jury vor. Offensichtlich neigt sie zu Gewaltausbrüchen. Angelina jedenfalls kommentiert ihren Auftritt mit "Du bist hier auf den Catwalk getreten und es hat bei mir einfach nur wow gemacht". Jetzt wird im Fernsehen also zur Primetime schon bejubelt, wenn Castingshow-Teilnehmerinnen wehrlose Catwalks treten. Was kommt als nächstes? Kandidaten, die sich gegenseitig die Fresse polieren? Ach ja: "Promi Big Brother" startet kommenden Freitag auf Sat.1, dem RTL2 der Fernsehsender.

Um den etwas schleppend verlaufenden weiteren Casting-Abend aufzupeppen, bringt RTL2 mit einem inszenierten Jury-Fight um Kandidatin Jessy ein wenig redaktionelle Dramatik in die Show. Nachdem Jessy mit zwei "Nein" (Jana Ina und Oliver Tienken) und nur zwei "Ja" (Kirsch und Kralitschka) eigentlich ausgeschieden wäre, redet Angelina Kirsch so lange auf Oliver Tienken ("Ich bin hier der Catwalk-Experte") ein, bis er einknickt und die bereits in den Backstage-Bereich zurückgeschickte Wackelkandidatin kurz bevor sie in den Bus zurück nach Schwerin steigt noch mal wiederholt.

Es ist vorbei, bye bye Castingmond

Anschließend reihen sich ein paar musikalische Perlen aus der RTL2-Gema-Redaktion an eine minutenlange Collage aus Sequenzen von Kandidatinnen, die mehr oder weniger chancenlos sind und recht eindeutig wieder nach Hause geschickt werden. Mein Favorit ist "Runnin'" von Naughty Boy und Beyoncé. Im Halbschatten der Studio-Deko am Ende des Catwalks, wo eine schmucklose Toröffnung situationsbedingt entweder euphorisch jubelnde Kandidatinnen oder den Tränen nahe Aussortierte wieder in den Backstage-Bereich zurück schleust, als wäre sie das Gate zum Erfolg, lässt RTL2 eine heulende, ganz im kleinen Schwarzen gekleidete, erfolglos den Catwalk hinab geschrittene Aspirantin mit gesenktem Kopf zu den Zeilen "If I Lose Myself, I Lose It All" ihren Traum begraben. Bilder sagen mehr als tausend Worte. Und es gibt ja nicht nur Bodyshaming sondern auch Emotionshaming.

Apropos Bodyshaming. RTL2 teasert "Curvy Supermodel" konsequent mit dem Claim "Etwas Großes kommt auf uns zu". Als wenn eine Horde Elefanten in die Wohnzimmer gebeamt werden würden. Überraschend, dass es dagegen noch keine Petition von Pinkstinks gibt. Aber vermutlich engagieren die sich nur dann, wenn es um TV-Formate geht, die auch Zuschauer haben.

Recall Me Maybe

Später am Abend treibt es den Subtilitäts-Detektor wieder in den Grenzbereich: Ira, Sängerin einer Metal-Band, betritt zu "I Love Rock'n'Roll" den Catwalk. Leider gab es unter den Kandidatinnen keine Obstverkäuferin, die dann zu "Strawberry Fields Forever" hätte laufen können. Kurz danach geht es aber schon in den Recall. Dabei geht es um einen Walk, oder wie Jana Ina gerne sagt: "Vogue", und ein gleichzeitiges Fotoshooting für das Magazin "Closer". RTL2 deklariert "Closer" als "eine der größten People-Zeitschriften Deutschlands". Bei laut IVW aktuell 85.000 verkauften Heften ist das natürlich Ansichtssache. Egal, größer als die meisten Schülerzeitungen ist sie allemal. Und es gibt ja beispielsweise auch Leute, die "Lebt denn der alte Holzmichl noch" für den besten deutschen Song aller Zeiten halten. Insofern.

Die Gruppen-Walks laufen für einige der Recall-Teilnehmerinnen eher so mittelgut. Das liegt vielleicht an den Anweisungen der Choreographin Sarah Hammerschmidt, die im Training mit Tipps wie "Du musst den Arm außen haben" überrascht. In der Tat ist das sehr wichtig für Models, denn den Arm innen zu haben sieht nicht nur blöd aus, sondern kann auch sehr schmerzhaft sein.

Jetzt geht's loooooos

Am Ende schaffen es Lisa-Marie, Andy, Jessy, Rahel, Pamiche und Jana in die finalen Endrunden. Dort treffen sie auf Alina, Ines, Larissa, Sabrina, Pauline, Natalia, Yolanda, Viktoria, Vera, Tessa und Schulamit, die in den vergangenen beiden Wochen bereits vorgelegt hatten. Nächste Woche geht es dann also los mit dem typischen Model-Casting-Repertoire für Privatsender: Umstyling und Shootings in eher als "leicht bekleidet" zu kategorisierender Garderobe. Ich bin schon ganz gespannt auf die ersten Sätze der Juroren in Folge vier.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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