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stern-Stimme Maries Modelcheck: "Curvy Supermodel": Dessous, Drama und Sexspielzeug

In den USA werben Plus-Size-Models für Produkte aller Art. Schafft es dieser Trend auch nach Deutschland? "Curvy Supermodel" versucht es - bietet aber nur Teleshopping-Queen Harald Glööckler und seine Massagespinnen.

Von Marie von den Benken

Curvy Supermodel

Die "Curvy Supermodel"-Kandidatinnen Céline, Fabienne und Polina (v.l.n.r.)

Während der dritten Folge von "Curvy Supermodel" weile ich in New York. Die Stadt, die niemals schläft, ist in gewisser Weise auch die Stadt, die niemals irrt. Jedenfalls, was Trends im Fashionbereich angeht. Der Big Apple war schon immer eine riesige Reklametafel. Nirgendwo hüllen mehr Billboards die Nächte in bunte Lichtermeere. Am Times Square, dem größten Touristenmagnet, hängen auf gigantischen digitalen Werbeflächen neben bekannten Topmodels mehr und mehr auch Curvy Models. Der Trend, dem RTL2 mit der XXL-Version von GNTM nacheifert, wurde hier geboren und hat sich etabliert. Plus-Size-Girls werben für Dessous, Kosmetik, Filme oder Möbel. Eigentlich für alles, für das auch Size-Zero-Mädchen Gesicht und Körper leihen.

Teleshoppingqueen

Bis auf die Megaboards am Times Square ist es für die "Curvy "-Anwärterinnen allerdings noch ein weiter Weg. Und der startet diese Woche mit einem Verkaufsfernsehen-Tutorial. Teleshopping-Queen Harald Glööckler klärt die Model-Aspirantinnen über die Wichtigkeit von Verkaufstalent auf und lässt sie Pfeffermühlen und Massagespinnen anpreisen, die aussehen wie Sexspielzeuge. Am besten stellt sich dabei Polina an. Sie gewinnt diese QVC-Challenge, die mit den wirklichen Anforderungen sowohl an ein Curvy-, als auch ein Skinny-Model etwa so viel zu tun hat, wie Donald Trump mit Alice Schwarzer. Als Belohnung darf Polina mit Glööckler auf das Pferderennen in Iffezheim. Ob sie als Traber oder im Galopp antritt, bleibt unklar.

All die schönen Pferde

Im Herzen des "Baden Racing", dem Ascot für die Generation Botox, darf Polina dann am Arm von Glööckler über die Rennbahn flanieren. In einem blasspinken Kostüm und mit einem Hut, der an freien Wochenenden vermutlich als Hubble-Teleskop arbeitet. Bei der Ü70-Party auf der Rennbahn zählt sogar mit seinen offiziell 51 Jahren zu den Jungspunden. Polina wirkt daher eher wie eine Grundschülerin, die zum ersten Mal an einer Karnevalssitzung teilnimmt.

Stichwort Aussehen und Wirkung: Obwohl die Gruppe der verbliebenen acht Kandidatinnen in privater Garderobe immer so aussieht wie verschüchterte Mädchenschülerinnen auf Klassenfahrt, zieht die Jury die bei GNTM abgekupferten Programmpunkte eiskalt durch und coacht die Curvys als nächstes durch ein Katalog-Shooting. Dieses entpuppt sich letztendlich als echtes Casting für einen realen Job. Netz-Favoritin Céline und Michi machen das Rennen und werden die neuen Kampagnen-Gesichter des (nomen est omen) Plus-Size-Versandhauses "Happy Size".


Auf dem Tedwalk des Lebens

Nach einem kurzen, redaktionell durchchoreographierten Drama-Ansatz (Notarzt für Céline, die ihre Herztabletten vergessen hatte) geht es weiter mit Laufsteg-Training bei Ted Linow. Und obwohl Stella sich immer noch völlig entsetzt daran erinnert, wie sie ganz in Hannibal-Lecter-Manier "Célines Herz gefühlt" hat, muss auch sie ran. Agenturchef Linow war früher selbst Model und sagt über sich, dass er "alle Shows der Welt gemacht hat". Es ist nicht überliefert, ob er tatsächlich jemals für ein relevantes Haute-Couture-Label über den Runway stolziert ist. Dennoch bereitet er die Mädchen mit wertvollen Tipps ("Bitte nicht diesen abgeknickten Arm, das sieht etwas dümmlich aus") auf ihren Final Walk vor. Und "Curvy Supermodel" hat endlich seinen ersten Bruce-Darnell-Moment. Abschließend wird der letzte Auftritt der Woche dann in feinster TV-Casting-Show-Tradition absolviert: in Dessous.

Curvy Supermodel

Da waren's nur noch sieben "Curvy Supermodels": Aurelie, Michaela, Chethrin, Polina, Samira, Fabienne und Céline sind eine Runde weiter (v.l.n.r.)


Der Euphemismus, wo ich immer mit muss

Da Harald Glööckler nicht müde wird, zu betonen, dass "es ist nicht in erste Linie eine Casting-Show, sondern eine Selbstbewusstseinsshow" ist, wird man als Zuschauer den Eindruck nicht los, durch die Penetranz der Belehrungen hinsichtlich der Vorzüge von Mädchen mit Kleidergröße 44 aufwärts letztendlich doch nur in Euphemismen denken zum sollen. Hier hat RTL2 eine große Chance verschenkt, echte Aufklärungsarbeit zu leisten. So klischeehaft präsentiert, wirkt jedes "kurvig", "gesund", "eine echte Frau" oder "tolle Rundungen" am Ende leider doch nur wie ein verklausuliertes "fett". Kleines Beispiel? Der einzige Satz, den die in den ersten beiden Folgen noch als blauhaarige Superzicke inszenierte Aurelie bis zum Final Walk sagt, lautet: "Hoffentlich gibt es was zu essen". Der Off-Sprecher ergänzt euphorisch: "Aber natürlich nichts gesundes". Kurz darauf bringt RTL2 einen zweiminütigen Trailer für den Film "Die Hochzeit unserer dicksten Freundin" am Sonntag. Zufall?

Final Walk of Fame

Der Catwalk ist mit brennenden Tonnen in einem Ambiente eines Hinterhofs in Brooklyn gehalten. Für was das alles gut sein soll, fragen sich Zuschauer und die Kandidatinnen - und irgendwie hat man den Eindruck: die Jury auch. Trotzdem gerät sie bei einigen Catwalk-Curvys in Verzückung. Schwer bemüht, aus den immer noch nicht wirklich an ein Model erinnernden Leistungen der Mädchen ein Spektakel zu machen, fabulieren sie anschließend gefühlte Stunden über Masken, Authentizität, Professionalität und echtes Modeln. Schluss mit dem Traum, der neue Deutsche Kurvenstar zu werden, ist dann für Stella. Alle anderen, Polina, Chethrin, Fabienne, Céline, Aurelie, Michi und Samira, sind eine Runde weiter.

Curvy Supermodel

"Curvy Supermodel"-Kandidatin Polina

Polina war früher übrigens magersüchtig. Von Size Zero zu Plus Size. Nicht ungewöhnlich in einem Business, in dem selbst GNTM-Finalistin Elena bei 1,77 Metern und einem Hüftumfang von 95 Zentimetern schon bedrohlich nahe an der Kategorie Plus Size kratzt. Überhaupt entwickeln sich die ehemaligen GNTM-Kandidatinnen gerade in zwei Richtungen. Auf der einen Seite die Fraktion der Haute-Couture-Laufsteg-Gazellen wie Julia Wulf, die sich aktuell mal wieder einer "Du bist doch viel zu dünn"-Shitstormwelle erwehren muss und in der Bodyshame-Soap-Opera "Curvy Supermodel" vermutlich als Hassobjekt Nummer eins gilt.

Vom Magermodel zur Plus-Size-Karriere

Auf der anderen Seite die Kandidatinnen, die ihr Gewicht aus der Zeit bei GNTM nicht halten konnten und mittlerweile durch ihre Evolution zum Harald-Glööckler-Wohlfühlmädchen ebenfalls schon als "Curvy" bezeichnet werden. Neben Elena zum Beispiel auch Kera Rachel Cook, die 2010 spindeldürr bei Heidi immerhin drei Folgen durchhielt und danach mit einigen Erfahrungen und auch Pfunden mehr im Gepäck eine beachtliche Plus-Size-Karriere hinlegte.

Nächste Woche gibt es dann die vierte Episode von Sophia Thomallas Lieblings-Casting-Show, die Kandidatinnen fliegen nach Ibiza und ich erzähle euch von meiner Freundin Dana. Dana war vier Jahre lang ein gefragtes Jungmodel und entschied sich dann bewusst, einige Kilos zuzulegen und im Plus-Size-Sektor weiter zu arbeiten. Ihr dürft also gespannt sein!

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie


"Curvy Supermodel. Echt. Schön. Kurvig." läuft immer mittwochs um 20:15 Uhr bei RTL2

Super Size Models Ashley Graham und Robyn Lawley