HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

stern-Stimme Maries Modelcheck: Make Fashion Week Great Again!

Als Model durch die Fashion Week. Und was bedeutet die Modewoche eigentlich für die jungen Designer? Fünf Tage war Berlin der Nabel der Modewelt. Eine Nachlese mit den wirklich relevanten Beteiligten.

Von Marie von den Benken

Fashion Week

stern-Kolumnisten Marie von den Benken berichtet von der Berliner Fashion Week

Fünf Tage, unzählige verrückte Momente, furchtbare Modesünden, durchgedrehte Menschen kurz vor dem totalen Realitätsverlust und durchschnittlich vier Stunden Schlaf. Nein, ich rede nicht von einer Woche Dschungelcamp, sondern von der Berlin Fashion Week. Sie ist vorbei. Im Kaufhaus Jandorf bröckelt wieder einsam der Putz von den Wänden. Schrill gekleidete Fashionblogger auf der Suche nach Streetwear-Fotografen haben das Stadtbild verlassen und ziehen weiter zum nächsten PopUp-Hotspot der Stylejünger.

Erst im Sommer wird die Modekarawane zur nächsten Fashion Week wieder an die Spree zurückkehren. Mit neuen Trends und neuen Absurditäten. Aber neben dem Zirkus, der von den zahlreichen Selbstdarstellern im Wettlauf um die meisten Likes und Fotos veranstaltet wird, ist die Fashion Week für die tatsächlichen Protagonisten vor allem eines: extrem harte Arbeit. Ich möchte die Fashion Week in der heutigen Nachlese aus zwei unterschiedlichen, aber maßgeblich relevanten Blickwinkeln beleuchten: Dem als Model, aber auch dem von Designern.

Das Vorspiel

Während die Fashion Week für Besucher, Presse, Promis und Einkäufer am Dienstag beginnt, sind die Models spätestens am Freitag davor in der Stadt. Labels und Designer suchen ihre Models traditionell erst unmittelbar vor ihren Shows final aus. Die Tage vor dem Startschuss zur Modewoche sind also für die Mädchen, die Jobs auf den Laufstegen ergattern möchten, wichtiger als Twitter für Donald Trump. Ich begleite das Fashion-Week-Greenhorn Johanna van der Meer auf ihrer Odyssee durch den Castingdschungel. Johanna wäre eigentlich bei der neuen Staffel GNTM dabei gewesen (ich berichtete). Ihr Potenzial war aber so groß, dass die Hamburger Agentur Modelwerk sie vorab den Klauen von Heidi Klum entrissen hat. Zu Recht. Mit 1,81 Metern hat sie beispielsweise Idealgröße für den Laufsteg. Also auf nach Berlin!

Ihre erste Fashion Week wird dann tatsächlich ein Paradebeispiel für das angeblich so glamouröse Modelleben. Ihre Agentur vermittelt ihr ein Vier-Zimmer-Appartement in Lichtenberg, in dem sie mit drei weiteren Mädchen logiert. Schon mal gut: Jede hat ihr eigenes Zimmer. Aber es ist Januar in und das Appartement eiskalt: "Das habe ich gelernt für die nächste Fashion Week - ich brauche vor allem eine Unterkunft, in der man sich wohl fühlt. Und eine Gruppe von Mädchen, die sich gegenseitig unterstützen. Man wird sonst sehr schnell sehr einsam in einer Großstadt."

Jobquote 1:20

An den vier Tagen vor Start der Fashion Week hat sie 20 Castings, die über die ganze Stadt verteilt sind: "Nächstes Mal packe ich mir Pfefferspray ein. Manche Ecken, wo die Castings stattfinden, sind wirklich gruselig!" 20 Castings, 20 Hoffnungen. Die meisten zerplatzen. Oft auf eine sehr kalte, herzlose Art: "Absagen gibt es meist gar nicht. Man hört einfach nichts mehr. Oder man bekommt direkt die Sedcard wieder zurück in die Hand gedrückt und wird aus dem Raum geschoben." Aus den 20 Castings ergibt sich genau ein Job. Für Johanna sehr enttäuschend? "Klar. Ich habe mir dann aber eingeredet, dass mein Typ gerade eben nicht zur Show passt." Der eine Job, den sie an Land zieht, ist dann aber wenigstens ein besonderer. Sie läuft für Laurél. Einer der wenigen Namen auf der Fashion Week, die man auch in den Kaufhäusern Deutscher Innenstädte kennt.

Den Satz "Fitting ist dann morgen" direkt nach dem Laurél-Casting wird Johanna daher so schnell nicht vergessen. Er fühlt sich nach zahllosen erfolglosen Versuchen an wie ein Audrey-Hepburn-Kleid nach zehn Jahren Jogginghose. Johanna reist mit diesem Highlight im Gepäck schon am Freitag wieder ab. Berlin war für sie ein Abenteuer, die erste Fashion Week kein Selbstläufer, bei dem sie von Erfolg zu Erfolg wandelt. Dennoch wichtig und wertvoll. In vielerlei Hinsicht: "Ich habe viel gelernt. Vor allem auch, dass Kontakte das A und O sind - nicht nur um mehr Jobs abzubekommen, sondern auch um zu wissen, wo die besten und wichtigsten Partys sind."

Letztendlich ist die Fashion Branche ein People Business. Man kennt sich, oder halt nicht. Und man feiert sich gerne. Lektion eins hat Johanna gelernt. Die Zukunft steht ihr also offen. Ich freue mich schon, mit ihr im September die Spring/Summer Fashion Week unsicher zu machen. Mit noch mehr Castings -  und noch mehr Jobs.

Drei Monate Arbeit für 20 Minuten Show

Auf der anderen Seite des Runways stehen die Designer. Sie kreieren Kollektionen, erfinden Trends und entwickeln das, was Mode ausmacht und die Models dann transportieren sollen: Kreativität. Individualität. Wie Inna Stein und Caroline Rohner, die sich 2013 für ihr Label Steinrohner  zusammen gefunden haben. Sie stellen auf der Fashion Week ihre neue Kollektion "Symbiosis" vor. Drei Monate haben sie mit ihrem Team an "Symbiosis" gearbeitet. Die Kollektion "entstand aus einer großen Sammlung an Fotografien und Bildern, die Natur oder Reisen abbilden. Wir finden ein Thema und erzählen dazu eine Geschichte, die unsere beiden Sichtweisen widerspiegelt. Die Grundidee dieser Edition ist die Symbiose in der Natur."  In Berlin feiern sie Premiere. Dabei sind die Models, quasi die Botschafterinnen der gesamten Philosophie, besonders wichtig: "Wir haben einen bestimmten Look für jedes Outfit im Kopf und danach suchen wir die Models aus." Jedes Mädchen wird vom Designduo persönlich selektiert: "300 Models waren in der Auswahl. Davon haben wir dann 50 persönlich zum Casting eingeladen. Das finale Fitting fand direkt in den Tagen vor der Show statt.“ Am Ende laufen 15 Mädchen die Show. Einige von ihnen präsentieren drei Looks in den knapp 20 Minuten, die die Show dauert. Drei Monate Arbeit für eine 20-minütige "Reise in die Ästhetik von Perlen und Fransen der glorreichen 20er Jahre."

Nach der Fashion Week ist vor der Fashion Week

Stein und Rohner sind mit Berlin, der Location und der Fashion Week anschließend sehr zufrieden: "Berlin ist ein toller Standort und die Stadt in der wir leben und arbeiten, aber auch einen Teil unserer Inspiration finden wir hier. Und wir sind begeistert von der neuen Location und der Verwandlung, die das Gebäude für die Fashion Week erlebt hat. Der Ort ist magisch, da er nur temporär vermietet wird. Es gibt immer einen Wechsel und das Gebäude ist somit sehr wandelbar, bringt jedoch immer seine ganz eigene Geschichte und Architektur mit." Geschichte ist ein gutes Stichwort. Mit ihren Kollektionen versuchen die in Russland und der Schweiz geborenen Designerinnen, in der sich ständig neu erfindenden Modewelt etwas Bleibendes zu schaffen. Dieser Weg scheint sich auszuzahlen: "Wir haben sehr viele positive Reaktionen auf unsere Mode von Kundinnen, die sich lieber seltener ein besonderes Kleidungsstück gönnen, als ständig was neues Kurzlebiges zu erstehen. Daher entwerfen wir im Konzept der Editionen. Damit nehmen wir unseren Trägerinnen den Druck, die Kleider nach einer Saison austauschen zu müssen. Es verleiht den ausgewählten Stücken den Charakter eines Klassikers.“

Schauen in Paris: Bella Hadid - so knapp kann Haute Couture sein
Bella Hadid

Die Modebranche ist ein schnelllebiges Business - das bekommt auch Model Gigi Hadid zu spüren. Im vergangenen Jahr war sie noch eines der gefragtesten Mädchen bei den Haute-Couture-Schauen, in diesem Jahr sucht man sie bisher vergebens. Dafür erobert nun ihre jüngere Schwester Bella Hadid die Laufstege von Paris. Für Chanel präsentierte die 20-Jährige eine schwarze Paillettenkreation.


Wurst Case Scenario 

Das bedeutet allerdings nicht, dass der Ideenapparat der Designer-Doppelspitze bei Steinrohner nach dem Launch von "Symbiosis" still steht. Im Gegenteil. Nach der Fashion Week ist vor der Fashion Week: "Wir sind mit den Gedanken auch schon bei der nächsten Kollektion und haben viele Ideen. Dafür begeben wir uns aber erst noch auf eine Inspirationsreise nach Teneriffa und kommen mit vielen Eindrücken und Ideen zurück, die wir direkt in digitalen Prints und strukturierten Stoffen verarbeiten werden." Die neue Kollektion wird vermutlich kanarische Einflüsse aufweisen. Die Sommersaison kann also kommen.
Und mit ihr die nächste Fashion Week. Dann treffen wir uns wieder alle in Berlin. , Designer, Promis, Influencer. Vielleicht gelingt es mir dann auch endlich, Front Row Stammgast Caro Daur mit Conchita Wurst zu verkuppeln. Wenn die beiden heiraten würden und Caro dann einen Doppelnamen annehmen würde, das wäre genau mein Humor. Ob das jemals passieren wird? Ich bleibe dran!

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie