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stern-Stimme Maries Modelcheck: Die Berliner Schnorrer-Week: Wo bleibt der Gratis-Champagner?

Influencer, Rastafrisuren, Gratis-Drinks, Hektik und Ausraster. Auf der Fashion Week in Berlin läuft es wie immer und stern-Kolumnistin Marie von den Benken ist mittendrin.

Von Marie von den Benken

Fashion Week Berlin

stern-Kolumnistin Marie von den Benken (links) mit der Designerin Marina Hoermanseder auf der Fashion Week in Berlin.

Dienstag, 10 Uhr, Kaufhaus Jandorf. Mit der neuen Dorothee-Schumacher-Kollektion startet die Berlin Fashion Week. Es folgen vier Tage, etwa 50 weitere Shows sowie zahlreiche Events abseits des offiziellen Programms. 72 Stunden Powerstress für die einen, Partymarathon für die anderen. Mal offiziell, mal inoffiziell sind nicht nur die Events, sondern auch die Gäste. Geladene Besucher werden hofiert, an ihre Plätze geleitet und mit dem Fashion Week Shuttle von Location zu Location chauffiert. Möchtegern-Fashionistas liefern sich parallel dazu Diskussionen an Einlass-Countern, um sich doch irgendwie auf eine Show zu mogeln.

Fashion Shows sind nichts für schwache Nerven

Die richtige Atmosphäre einer Modewoche erlebt man allerdings nur backstage. Hinter den Kulissen der Shows treffen sich Chaos, Hektik und logistische Meisterleistungen. Die stolpern ungeschminkt rein und werden in kürzester Zeit gefittet und in Laufsteg-Prinzessinnen verwandelt. Aufwändige Frisuren, Make-Ups und bis zu vier Looks pro Mädchen. Stylisten, Models, Make-Up Artists, Visagisten, Dresser und Fotografen drängeln sich durch die engen Räume. Kaum ein Quadratmeter Platz pro Mädchen und Kleiderstange. Meist dürfen die sich mit ihren aufwändigen Outfits nicht mehr hinsetzen. Also stehen sie da, voll gestylt, und hoffen, dass sie ihren Walk nicht vermasseln. Ein bisschen GNTM im Epizentrum der Fashion Week. 

Natürlich fehlt dann plötzlich eine Applikation am Schuh, eine Hose ist dreckig oder eine Naht gerissen. Innerhalb von Sekunden müssen Schneider, Aufbügler und die als Helfer engagierten Modestudenten das Outfit retten. Am Ausgang zum Runway steht der Chefdesigner und zupft noch mal nervös jeden Look zurecht. Hier muss jedes Rädchen perfekt ineinander greifen. Oder anders gesagt: Wenn die die Fashion Week organisieren würde, stände am Ende ein nackter halb frisierter Hausmeister in zwei unterschiedlichen High Heels auf dem Laufsteg. Vor einem leeren Saal, da die Zuschauer noch zwei Stockwerke tiefer im Aufzug festsitzen. Bei 80 Grad, weil die Klimaanlage defekt ist.

Fashion Week Berlin: Ihr erstes Mal: Sarah Lombardi bei der Modewoche
Sarah Lombardi

Premiere für Sarah Lombardi: Die 24-Jährige besuchte erstmals die Fashion Week in Berlin. Bei der Show des Labels Riani saß sie neben Cathy Hummels in der Front Row. Es war der erste öffentliche Auftritt der Sängerin nach ihrer gescheiterten Ehe mit Pietro Lombardi. Das Paar hatte monatelang für Schlagzeilen gesorgt und bezog nun auch in Interviews mit der "Bild"-Zeitung und der Zeitschrift "Grazia" Stellung. "Ich bereue, dass ich Pietro betrogen habe. Ich habe einen großen Fehler gemacht", sagte Sarah Lombardi. Sie hoffe, dass es im neuen Jahr für sie wieder bergauf gehe.


"Bei Lena Hoschek gab es nicht mal Champagner“ -  Berlin Schnorrer Week

Neben den Shows geht es vor allem auch ums Feiern. Man feiert die Mode - und sich selber. Das gilt auch für Models. Einige Mädchen kommen nur noch für Partys und Geschenke in die Stadt. Keinen Bock auf Casting-Stress, wohnen sie bei Freunden oder in günstigen AirBnB-Apartments, hängen auf Shows rum, schnorren sich durch Gratis-Buffets und sammeln Geschenke und Goodiebags. Eine ehemalige GNTM-Kandidatin meint: "Wer während der Fashion Week auch nur einen Euro für Essen oder Getränke ausgibt, ist ein Idiot." Leider kann ich ihren Namen nicht verraten. Sie hat mir glaubhaft versichert, mich für den Rest meines Lebens "na,  Du dicke Kuh" zu nennen, falls ich sie zitiere. Außerdem ist sie empört, dass es bei Hoschek keinen Champagner gibt. Das Leben kann sehr hart sein auf der Fashion Week.

Parallel zu läuft übrigens die Fashion Week Australia. Oder wie man bei RTL sagt: Dschungelcamp. Umringt von halbnackten Urwaldschönheiten stolziert Topmodel-Kurzzeitfreund Honey über einen Laufsteg aus Kakerlaken. Also, den Tieren, nicht den Kandidaten. Aber das nur nebenbei. Hier in Berlin laufen echte Models. Hetzen nach den Shows weiter zum nächsten Fitting, oder verteilen fleißig Bilder auf ihren Social Media Kanälen. Instagram & Co. sind mittlerweile für die Fashion Week genau so wichtig, wie Tweets für Donald Trump. Viele Designer setzen heute beinahe ausschließlich auf soziale Netzwerke und Influencer. Das spürt man bei der Fashion Week.

Promi-Auflauf (nicht vegan)

Wenn man zum Beispiel mal etwas Außergewöhnliches kochen möchte, hält man sich an Marina Hoermanseder. Die Wiener Modedesignerin ist nämlich Expertin für Promi-Aufläufe. Nirgendwo sind Ansturm und Bandbreite an Promis und Influencern größer als bei ihr. Grob geschätzt finden sich etwa zwei Milliarden Zuschauer zum Défilé ihrer Herbst/Winter Kollektion im Kaiserlichen Telegraphenamt ein. Jetzt nicht persönlich, aber als Follower der Gäste in der Front Row. Dort ist die Influencer-Dichte höher als die Dirndl-Dichte auf dem Oktoberfest. Neben Influencern der alten Schule wie Wolfgang Joop, Eva Padberg, Judith Rakers oder Franziska Knuppe, die statt Snapchat noch Auftritte bei "Wetten, Dass" brauchten, um ihre Botschaften in die Wohnzimmer zu tragen, sitzen bei Marina das Who-is-Who der deutschen Influencer-Szene. Von Caro Daur (selbsternannte Spaßvögel der Branche begrüßen sie gerne als "Caro Daur ohne e", als wären Wortwitze über ihren Nachnamen nicht seit Jahren ein ausgelutschtes Daur-Thema) über MTV Styles-Moderatorin Wana Limar, Leonie Hanne, Lisa Banholzer vom Blogger Bazaar und Pamela Reif (die sich als Fitnessmodel eher in Trainingsklamotten zu Hause fühlt und beim Treppensteigen in High Heels und engem Rock ein wenig Stützhilfe von ihrer Managerin benötigt) bis hin zu Riccardo Simonetti. Dessen Nachname (um beim Thema schlechte Wortwitze zu bleiben) Programm ist: Es gibt vermutlich keinen bedeutenden Influencer, der netter, demütiger oder positiver wäre als Riccardo. Man möchte T-Shirts mit seinem Gesicht drucken und ihn für immer mit nach Hause nehmen. Einziger Skandal des Tages: Ich sitze nur in der Second Row und irgendeine Hobby-Bloggerin klaut mir auch noch Sitzplatz und Geschenketüte. Mit den Worten "Tja, wer zuerst kommt“ dreht sie sich auf meinem Platz um und widmet sich einer ausgiebigen Selfie-Sitzung. Gute Manieren sind scheinbar nicht in Mode auf der Fashion Week.

Rasta-Fahndung in Wien

Zu "Vienna Calling“ von Falco und "Gangster´s Paradise“ von Coolio wird dann die neue Marina Hoermanseder Kollektion gezeigt. Unter den Augen von Christiane Arp (Chefredakteurin der "Vogue") treffen sich die Musik des größten Gangsters der USA und des größten Gangsters Österreichs. Passend dazu tragen alle Models (plus die Designerin) Rasta-Frisuren. Apropos Rasta: Beim "Gala Fashion Brunch“ rastet Viktoria Lauterbach kurz aus. Und dabei geht es nicht mal um die "Dildos mit Orgasmusgarantie“, mit denen einer der Sponsoren für ein wenig erotisches Flair sorgen möchte. Nein, ihr Koffer ist weg. Wie die Frau von Heiner Lauterbach da so rumwütet, denkt man sofort: Herrje, was ist das denn für eine arrogante Zicke? So schnell fällt man falsche Urteile. Tatsächlich diskutiert sie seit einer Viertelstunde mit diversen Garderobieren, während draußen ihr Fahrer bereits nervös wird, weil der anstehende Rückflug kaum mehr rechtzeitig zu erreichen sein wird. Als er endlich aufgefunden wird, muss sie minutiös aufzählen, was sich im Koffer befindet, um sicher zu stellen, dass es wirklich ihrer ist. Das hätte mich vermutlich auch etwas lauter werden lassen.

Um uns herum schleppen handverlesene Gäste ihre Goodiebags nach Hause. Die Tüten wiegen gefühlte 50 Kilo. Ein mal die Woche "Gala Fashion Brunch" und niemand bräuchte mehr ein Fitnessstudio. Meine Hoffnung, es würde sich um Goldbarren handeln, zerschlägt sich dann aber im Shuttle zur Show von Steinrohner, meinem Favoriten dieses Jahr. Es sind unter anderem mehrere Liter Saft und Wasser. Verdursten werde ich also nicht.

SoHo geht es natürlich auch

Im SoHo House diskutieren später ein paar Influencer, ob sie nach der Show von Lana Mueller noch bleiben sollen, um auf das TV-Team von GNTM zu warten. Oha, oha. Ob es ein Mädchen aus der neuen Staffel auf den Laufsteg in Berlin geschafft hat? Dazu darf ich erst im März mehr sagen, wenn die entsprechende Folge ausgestrahlt wird. Stichwort GNTM: Erinnert ihr euch noch an das Busgeflüster während der Fashion Week im vergangenen Sommer? Elena Carriére informierte sich bei Caro Daur, warum sie im edlen Adlon Hotel wohnen darf. Die Lehrstunde hat sich offensichtlich gelohnt, denn eine Saison später logiert auch sie im ersten Haus am Platz. Für Lana Mueller ist sie allerdings nicht gelaufen. Die Show findet in einer Off-Loation im SoHo House statt. Somit ist den Designern kein so enger Zeitplan wie im Kaufhaus Jandorf aufoktroyiert, wo man nach der Show direkt alles abbauen muss. Hier im Politbüro des Privatclubs in der Torstraße bleibt also genug Zeit, die Gunst der Stunde zu nutzen: Die perfekt gestylten Models in den perfekt arrangierten Outfits laufen vom Catwalk quasi direkt in die Arme von Rainer Meifert. Rainer, den die Älteren vielleicht noch durch seine Paraderolle Dr. Jan Wittenberg aus GZSZ kennen, ist mittlerweile auch erfolgreicher Fotograf und Produzent und shootet direkt im Anschluss an die Show das Lana-Mueller-LookBook. Dort treffe ich die frisch von Günther Klums GNTM-Hausagentur ONEeins getrennte Julia Wulf. Endlich, denn sie hat meistens den besten Draht zu den angesagten Partys abseits des offiziellen Programms. Die Fashion Week ist also gerettet.

Wie anstrengend und hart die Fashion Week für ganz junge Models wie Johanna van der Meer ist, wie viele Castings man für wie viele Jobs braucht, wie ältere Models mit den neuen Konkurrentinnen aus der New-Faces-Ecke umgehen und wie die Fashion Week aus Designersicht betrachtet aussieht, beschreibe ich dann in der kommenden Woche, wenn wirklich alle Castings und Shows vorüber sind.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie