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stern-Stimme Maries Modelcheck: George Michael! Er machte Supermodels erst zu Supermodels

George Michaels "Freedom! '90" prägte ganze Model-Generationen. Mit nur 53 Jahren ist er viel zu früh verstorben. Eine Erinnerung an einen fantastischen Künstler aus Fashion-Sicht.

Von Marie von den Benken

George Michael

Für die Modebranche und jedes Mädchen wird George Michael im epischen Song "Freedom" weiterleben

Das Jahr 2016, das sind wir uns vermutlich einig, wird als ein Jahr in die Historie eingehen, das uns viel zu viele großartige Künstler zu früh genommen hat: David Bowie, Prince, Miriam Pielhau, Leonard Cohen oder Anton Yelchin, um nur einige wenige der schier endlos wirkenden Liste zu nennen. Musiker, Schauspieler, Autoren, Wissenschaftler und ja, auch die Fashion-Szene wurde nicht verschont. Es verließen uns Ikonen wie die Modedesignerin Sonia Rykiel oder Franca Sozzani, die über beinahe 30 Jahre das Leitmedium der Branche, die italienische "Vogue", führte und prägte. So viel grandiose Kreativität hat uns 2016 genommen - und das Jahr ist noch nicht einmal ganz vorbei.

Heaven Knows We Sure Had Some Fun Boy 

Auch wenn es nur noch ein paar Stunden sind, bis mit 2017 ein neues Jahr anbricht, das hoffentlich etwas milder mit Menschen umgeht, die ganze Generationen inspirierten, möchte man dennoch am liebsten auf Nummer sicher gehen. Einen DeLorean auf 80 Meilen beschleunigen und Größen wie Karl Lagerfeld, Anna Wintour oder Giorgio Armani sicher ins neue Jahr zeitreisen lassen. Man kann nur hoffen, dass 2016 auf seine letzten Stunden etwas altersmilde wird und uns weiteren Aderlass erspart. Denn auch, wenn die meisten von uns diese Menschen nicht persönlich gekannt und schon gar nicht zu ihrem Freundeskreis gezählt haben, hatten sie eine emotionale Beziehung zu diesen Botschaftern der Kreativität. Der eine ist mit den Songs von David Bowie aufgewachsen, der andere hat sich jeden Sonntag mit seiner Familie auf einen Bud Spencer Film gefreut. Das verbindet.

I Won't Let You Down, So Please Don´t Give Me Up

Für Bowie zu jung, hatte ich als Kind der 90er Jahre eigentlich auch zu Wham keinen Bezug. Und doch hat George Michael die Branche und auch mich geprägt. Er hat mit "Freedom! '90" gleichzeitig den Soundtrack und das berufliche Life Goal eines Model-Lebens geschaffen. Obwohl ich nicht mal zwei Jahre alt war, als das Video released wurde, wurde es auch für mich zu einem Leitbild. In der Branche definierten sich Mädchen nicht mehr nur darüber, auf dem Cover der "Cosmopolitan" zu landen oder in einer Gucci-Werbung. Man wollte auch in ein Musikvideo von George Michael. So sein, wie die Mädchen vor uns, die den Begriff "Supermodel" überhaupt möglich gemacht haben.

To Win The Race? A Prettier Face!

Viele Mädchen, die ich in der Branche kennen gelernt habe, kannten das Video zu "Freedom! '90" von der ersten bis zur letzten Sekunde auswendig. Noch heute könnte ich ein Drehbuch des Clips detailgetreu aus dem Kopf aufschreiben. Von der auf der Heizung kochenden Teekanne zur im Nebenraum auf dem Boden arrangierten Linda Evangelista (platinblond!) zur Stereoanlage, die damals vermutlich das heißeste Tech-Gadget des Jahres war und heute sogar bei Oma in der Schrankwand belächelt würde. Von Naomi Campbells Dance-Moves zu Christy Turlington im längsten Bettlaken der Welt. Von Tatjana Patitz und ihren Zigaretten zur nackten Cindy Crawford. Bis heute gibt es kaum erotischere Momente in einem Musikvideo, als Cindy, die sich in einer freistehenden Badewanne räkelt. Supermodels der 90er, die durch die baufällige alte Villa tänzeln und singen und es schaffen, einem Ort, an dem die Wände bröckeln und es durch das Dach regnet, etwas unbeschreiblich glamouröses zu geben, bis zur explodierenden Gitarre. Ein 6.35 Minuten-Kunstwerk.

Well It Looks Like The Road To Heaven But It Feels Like The Road To Hell

Noch heute möchte eigentlich jedes Mädchen so sexy sein, wie Cindy Crawfort, verführerisch wie Christy Turlington, aufregend exotisch wie Naomi Campbell, lasziv wie Linda Evangelista und cool wie Tatjana Patitz in "Freedom! '90". Der Song hat einen Anteil daran, dass Models plötzlich Celebrities waren und aus namenlosen Laufstegmarionetten Superstars wurden. Außerdem gab er der Welt einige Zeilen für die Ewigkeit: "Sometimes the clothes do not make the man". Kleider machen vielleicht Leute, aber formen sie auch den Charakter? Genial, diese Abrechnung mit Oberflächlichkeiten, von denen sich viele im Text verbergen, ausgerechnet mit den schönsten Frauen des Epizentrums der Oberflächlichkeit, der Modebranche, zu besetzen. Ein Song als schonungsloser Spiegel der Mechanismen der Entertainmentbranche.


Aber auch die Zeile "All we have to see, is that I don't belong to you, and you don't belong to me" ist wegweisend. In einer Welt, in der jeder die große Liebe sucht, und doch mehr Singles als jemals zuvor leben, darf man die Augen nicht davor verschließen, dass nicht nur viele einsame Herzen existieren, weil sie den perfekten Partner noch nicht finden konnten. Sondern weil sie in einer nicht funktionierenden, frustrierenden Beziehung feststecken, aus der sie sich nicht raus trauen. Man kann den richtigen Partner nicht finden, wenn man am falschen festhält.

Take Back Your Picture In A Frame

Welche Bedeutung "Freedom! '90" für Models und die Fashionbranche hat, zeigt auch die "Vogue"-Hommage aus diesem Sommer. 26 Jahre nach der Veröffentlichung tanzen Topmodels der heutigen Generation durch die Straßen von New York und singen "Freedom". Mit dabei sind Adriana Lima, Taylor Hill, Anna Ewers, Joan Smalls, Irina Shayk und Andrea Diaconu. Für jede von ihnen ist der Song ein Stück Identität, obschon die meisten von ihnen vor 26 Jahren noch nicht einmal geboren waren. 


Der plötzliche Tod von George Michael erinnert nun viele an seine Songs. Das wird eine Weile so bleiben, bis andere Prominente zu früh von uns gegangen sind. Das ist okay. Für die Modebranche und jedes Mädchen im Model-Business aber, von den Castings für die Plakatkampagne eines regionalen Fitnessstudios bis zu den Millionen-Dollar-Verträgen, wird er in diesem epischen Song weiterleben. Mit "Freedom! '90" hat George Michael Unsterbliches geschaffen. Vom Jungen mit der komischen Frisur in einem modisch sehr zweifelhaften, übergroßen "Choose Life" T-Shirt zur musikalischen Galionsfigur der Fashion-Branche. Der Mann, den meine Oma konsequent "den Michl Schorsch" nennt, ist für mich ein Held. Nicht in erster Linie wegen dieses Songs. Vor allem wegen seines Engagements. Er versuchte, die Welt besser zu machen. Sein Geld und sich persönlich nützlich einzusetzen und anderen zu helfen. Menschen wie übrigens auch Tieren. Er hat nie darüber gesprochen. Nachdem er am 25. Dezember 2016 von uns gegangen ist, tun es jetzt aber Tausende andere. Zu Recht. Aber das ist eine andere Geschichte.

There's Something Deep Inside Of Me, There´s Someone Else I've Got To Be

Wenn es stimmen sollte, was viele hoffen, nämlich das 2016 uns zwar viele kreative Genies genommen hat, aber vielleicht auch unzählige grandiose Künstler geboren wurden, von denen wir natürlich nur noch nichts wissen, dann möchte ich an dieser Stelle einen Wunsch adressieren: Bitte, lass viele, viele Menschen geboren worden sein, die wie George Michael sind.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie