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stern-Stimme Maries Modelcheck: Schmale Hüften, schmale Konten: Warum Modeln selten ein Traumjob ist

M&M's - Models und Moneten. Bei 99 Prozent aller Models schmilzt es nicht in der Hand, aber dafür auf dem Konto und um die Hüften. Ein Plädoyer dafür, nicht um jeden Preis Model werden zu wollen.

Von Marie von den Benken

Kendall Jenner

Die Models Kendall Jenner, Lily Donaldson und Gigi Hadid auf dem Laufsteg von Elie Saab

Das Modelbusiness. Ein eigener Kosmos. Zu viele Mädchen teilen sich einen zu kleinen Markt. Man kennt meist nur die Stars der Branche aus den spektakulären Werbeanzeigen der "Vogue". Topmodels in lasziven Posen. In Szene gesetzt von Starfotografen. In Produktionen, die Spielfilm-Budgets verschlingen. Das ist aber nur die hochbezahlte Spitze eines Eisbergs, der viele unsichtbare Kilometer hinunter reicht in die Tiefen eines Überlebenskampfes im Ozean der Scheinwelten. Denn kaum eine Modelkarriere ist vergleichbar mit denen der Kendall Jenners, oder Gisele Bündchens dieser Welt.

Runway ins Nichts

Der Alltag eines unterhalb des Celebrity-Olymps hat wenig zu tun mit roten Teppichen, Hollywood-Affären oder Partys auf Luxusjachten. Eher setzt man sich mit Fotografen, die Test-Shootings heimlich im Ausland weitervermarkten, oder Kunden, die monatelang ihre Rechnungen nicht zahlen, auseinander. Viele Mädchen kämpfen jeden Monat darum, die Miete einzufahren und werden dafür von ihren Agenturen noch wie anstrengende Nervensägen behandelt. Denn leider gibt es in der Branche viele miserable Agenturen. Eine Modelagentur kann jeder gründen. Aber kaum jemand kann ein Model aufbauen. Und das Business ist härter geworden. Jeden Tag strömen neue, spindeldürre, blutjunge Mädchen in die Casting-Büros dieser Welt und minimieren deine Job-Chancen.

Dazu kommt: Kunden zahlen weniger. Fotografen setzen auf Mädchen, die sie schon kennen und wissen, dass sie funktionieren. Verlage buchen honorarfrei, weil Modestrecken ja gut für die Setcard sind. Natürlich würde beinahe jedes Model der Welt gratis für ein " "-Cover shooten. Für eine Dessous-Strecke in einem Heft, das am Kiosk bei den TV-Zeitschriften verendet, aber nicht. Da muss auch die Agentur funktionieren. Kontakte pflegen, Mädchen gut positionieren, Klinken putzen. Das können aber die meisten nicht. In den Agenturen lebt man immer noch den Traum einer Booking-Situation, in der Kunden sturmklingeln, um ausgerechnet ihre Mädchen buchen zu wollen. Aber das sind Reliquien aus längst vergangenen Zeiten.

Oligarchen auf Brautfang

Es gibt in mehr Modelagenturen als irgendwo sonst. Während Mädchen im Zuge der "Du kannst alles werden, was du möchtest"-Revolution in den entgenderten Kinderzimmern der 80er und 90er Jahre noch Ärztin oder Drachentöterin werden wollten, streben sie heute, geleitet von TV-Formaten wie "Germany's Next Topmodel" oder Traumkarrieren wie der von Toni Garrn, das Berufsziel Model an. Sie lassen sich in dubiose Agenturen aufnehmen und hoffen auf den Durchbruch als neue Kate Moss oder wenigstens als neue Elena Carrière. Eine Generation, die Claudia Schiffer und Cindy Crawford nicht mehr kennt und die für ein Cover-Shooting der "Bäckerblume" 40 Tage heilfasten würde.

Das Modelbusiness, mit seinen Paradiesvögeln, seinen Oligarchen auf Brautfang und seinen exzentrischen Wichtigtuern war schon immer kompliziert. Heute ist es zusätzlich gnadenlos. Size-Zero-Mädchen werden dazu getrieben, weiter abzunehmen. Einzelschicksale interessieren nicht. Als Mädchen hältst du den Druck, ein Produkt zu sein, das in einem Bild arrangiert wird und jeder Zeit ersetzt werden kann, entweder aus, oder zerbrichst. Dann kannst du kurz aufheulen in dieser hektischen, neuen Welt des Bilder-Overflows auf der weltweiten Selbstdarstellungs-Kirmes der sozialen Netzwerke. Dafür bekommst du kurz Applaus von Kritikern, die es immer schon gewusst haben und dir werden für ein paar Tage nachdenkliche Artikel auf Online-Blogs gewidmet, die sich Gesellschaftskritik auf die Fahnen geschrieben haben. Für einen Moment denkst du vielleicht, dass es der richtige Schritt war. Aber verändert hat sich nichts. Außer deine Karrierechancen.

Die Karawane der Schönheit zieht weiter

Denn derweil zieht die Karawane der Fashion-Industrie ungerührt weiter. Du bist schnell nur noch eine Randnotiz in den Poesiealben derjenigen, die es nicht geschafft haben. Also machen die meisten Mädchen einfach weiter. Agenturen zahlen, wenn der Kunde zahlt. Und das dauert. Tatsächlich geht das Budget oftmals durch so viele Hände (Kunde, Lead-Agentur, Partneragentur, Produktionsfirma, Produzent, Fotograf, ), dass Monate vergehen, bis es beim letzten Glied in der Kette, dem Model, ankommt. Und dann ist man auch noch darauf angewiesen, dass die Agentur transparent und schnell ist. Auf Nachfrage muss man sich auf ein lapidares "Kunde hat noch nicht gezahlt, sorry" verlassen. Was bleibt also anderes, als noch mehr Castings zu machen, sich den Anforderungen der Branche zu unterwerfen und noch schlanker zu werden?

Das häufigste Model-Accessoire sind Essstörungen

Der in Orangensaft getunkte Wattebausch als Model-Nahrung ist keine Legende. Die meisten Mädchen ergeben sich letztendlich der Branche und reagieren auf ausbleibende Jobs mit verzweifelten Versuchen, interessanter zu werden. Dazu gehören Schönheits-OPs, Work-Outs bis zur vollkommenen Erschöpfung oder Crash-Diäten, bei denen man sich über den Tag verteilt von vier Litern Wasser und einem Apfel ernährt. Der Erfolg kommt dann manchmal zurück. Aber nur kurz. Und zu einem zu hohen Preis.

"Natürlich kannst du als Model nicht überleben, wenn du nur zwei Jobs im Monat bekommst", weiß Yannis Nikolaou, Gründer und Chef von "Place", einer der größten, erfolgreichsten und vor allem seriösesten Modelagenturen in Deutschland. Selbstaufgabe ist aber nicht der richtige Weg: "Gute Agenturen schützen dich. Als Model musst du natürlich fit sein - aber vor allem musst du dich in deinem Körper wohl fühlen, sonst kann nie ein sehr gutes Foto entstehen. Aber man fühlt sich nicht wohl, wenn man immer hört, man muss noch mehr abnehmen."

Auch Ted Linows Agentur "Mega Models" geht umsichtig mit ihren Mädchen um. Als ich ihn auf den Magerwahn in der Branche anspreche, verrät Linow: "Ein bis zweimal im Jahr besucht uns ein Ernährungsberater, der unsere Booker schult, woran man eine Essstörung erkennen kann und wie man darauf reagiert." Vokabeln wie "abnehmen" und "fett" hören die Mädchen bei "Mega Models" nicht.

Solange du nicht Cara bist, bist du ein Niemand

Selbst wenn es für eine gute Karriere reicht, ist das Modelleben kein Zuckerschlecken. Wenn du einen Tag krank wirst, ist der Job weg. Eine andere macht ihn. Du quälst dich also hin und triffst dort meist auf fremde Leute, die wollen, dass du funktionierst. Du musst liefern. Wenn du zufällig eine eigene Meinung hast, giltst du schnell als schwierig und zickig. Klar, auch Cara Delevingne kommt mit einem eigenen Kopf ans Set und lässt sich nicht verbiegen. Aber solange du nicht Cara bist, bist du ein Niemand. Und so behandeln sie dich auch. Wirkliche neue Caras sind selten. Auch da ist Yannis unmissverständlich: "Als Anfängerin wirst du es schwer haben. Der Markt ist gesättigt. Es gibt mehr als genug gute Models." Mehr Mädchen, weniger Jobs. Es ist nicht schwer auszurechnen, dass die Chancen, als Model durchzustarten, deutlich geringer sind als noch vor 15 Jahren. Falls ihr also die neue Gigi Hadid werden möchtet - überlegt es euch gut!

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie