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Maries Modelcheck: Orkan der Missgunst: Wie der Hass im Netz auch Models trifft

Das Modelgeschäft ist in den letzten zehn Jahren menschlicher geworden – zumindest bei den Mädchen untereinander. Dafür kam das Internet und jeder durfte plötzlich Richter sein. Ein schlechter Tausch.

Von Marie von den Benken

Models auf dem Laufsteg von Victoria's Secret

Models auf dem Laufsteg von Victoria's Secret

Als ich mit 14 Jahren anfing zu modeln, waren viele der Mädchen, die im kommenden Januar gemeinsam mit mir auf den Laufstegen der Fashion Week Berlin laufen werden, erst drei oder vier Jahre alt. Sie hatten von der Fashion-Branche so wenig Ahnung wie noch heute meine Großmutter, die ich heute ein paar mal zitieren werde. Ich erwähne das nicht, um subtil darauf hinzuweisen, dass ich während der Fall/Winter 2020 Saison wieder auf den Runway der MBFW Berlin zurückkehren werde, sondern um zu verdeutlichen, dass sich in der letzten Dekade das Geschäft und die Wahrnehmung für junge Models stark verändert hat. Aber der Reihe nach.

Als ich in dieses Geschäft einstieg, war klar, welche Stärken ich vorzuweisen hatte – aber vor allem auch, welche Stärken ich nicht würde einbringen können. Mit 1,73 Metern war ich zum Beispiel zu klein für den Laufsteg. Da hätte ich schon Kate Moss sein müssen, um auf den Runways der Top-Designer trotzdem eine ordentliche Rolle spielen zu können. Man fand mich also oft bei Shootings, aber sehr selten auf Catwalks. Ich wäre gerne mehr gelaufen, auch wenn der finanzielle Anreiz im Gegensatz zu kommerziellen Shootings natürlich eher gering ist. Aber so ist das Leben – es ging nicht. Fertig. "Man kann sich zwar die Brüste aufpumpen lassen, aber du kannst dir ja nicht die Beine verlängern", um mal die erste der angekündigten Oma-Weisheiten ins Rennen zu schicken. Gut, wenn man der Gerüchteküche folgt, geht das eventuell doch, jedenfalls bei Sylvester Stallone und der ist ja immerhin der Rocky Balboa der Modelszene. Das half mir aber auch nicht weiter.

Das Lästern der Anderen

Damals herrschte für junge Models zumeist ein atmosphärisches Klima kurz über dem Gefrierpunkt, wenn man auf andere Mädchen traf. Mitte der 2000er Jahre gab es noch kein Instagram, wo man sich hätte verteidigen und den tröstenden Zuspruch seiner Fans generieren können. Auf der anderen Seite gab es dadurch auch viel weniger Touchpoints für völlig fremde Menschen, die in der Anonymität des Internets Cybermobbing zu ihrem Lieblingshobby erkoren haben und insbesondere bei jungen, erfolgreichen Frauen ihre Neurosen ausleben. Der Ton war insgesamt rauer als heute – aber nur intern. Sprüche wie "Models sind dumme Kleiderständer" oder "Model? Was richtiges gelernt hast du wohl nicht", geschenkt. Diese Attacken gab es, doch sie kamen hauptsächlich von Männern und zumeist dann, wenn diese selber auf keine so erfolgreiche Historie beim Anbaggern von hübschen Frauen zurückblicken konnten. Da kommt man drüber weg. Schwerer wog da schon das Klima innerhalb der Branche. Dort kam die Ablehnung aus allen Richtungen.

Als junges Model stand man damals im Brennglas seiner Agentur, wo man vom Booker schon mal hörte "es gibt noch tausend andere Mädchen, die den Job sofort machen würden" oder "ein paar Kilo müssen aber noch runter". Dasselbe hörst du dann von Fotografen, Kunden, Werbeagenturen und Stylisten. Die erste Lektion, die man in der Branche damals lernte, war: Bodyshaming ist keine Einbahnstraße. Während man Attacken gegen Körper und Aussehen eher gegen Menschen vermutet, die dem aktuellen Schönheitsideal aufgrund von Übergewicht nicht entsprechen, wird gerne vergessen, dass auch dünne Menschen oft sehr leiden müssen.

Schrödingers Körper

Fast alle Models, die ich kenne, waren nie das berühmte schönste Mädchen der Schule. Sie entsprechen auch nicht dem gängigen Abziehbild von Schönheit. Auf dem Schulhof nicht und auch nicht in den Medien. Oft waren sie die "Schlackse" oder die "Giraffe", weil sie größer und dünner waren. Später, als Model, wurden sie dann als zu fett tituliert, obschon sie in Kleidergröße 34 oder 36 passten und damit draußen als magersüchtig galten. Schrödingers Körper. Keiner hielt sich an das ganz simple Credo: Niemand darf einen Menschen danach beurteilen, ob er dick oder dünn ist, nach seinem Aussehen, seinem Geschlecht, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung oder seiner Religion. Es sollte nur zählen, ob er ein Arschloch ist oder nicht. Leider gibt es viele Arschlöcher in der Fashion-Welt und vor zehn Jahren waren die größten Arschlöcher zumeist deine eigenen Model-Kolleginnen. Weil sie gleichzeitig Konkurrentinnen waren. Man sitzt halt manchmal mit 30 anderen Mädchen in einem Casting-Vorraum und es ist klar, dass nur eine den Job bekommen wird.

Hauen und Stechen, üble Nachrede (sogar beim Kunden), Beleidigungen – damals an der Tagesordnung. In meiner Wahrnehmung hat sich das heute in meiner Branche ein wenig geändert. Die Mädchen sind weiser geworden, wenn man so möchte. Sie sind rücksichtsvoller. Klar, es ist immer noch ein sehr kompetitives Geschäft, aber die Grenzüberschreitungen werden weniger. Es gibt immer noch die fiesen Läster-Mädchen, die das Herabsetzen anderer als eigene Stärke fehlinterpretieren. Aber sie finden innerhalb der Branche einen deutlich kleineren Nährboden vor. Das Mädchen, das Kolleginnen mit sorgsam choreographierten Gemeinheiten oder politisch lancierten Lästereien diskreditiert, gilt nicht mehr als das coolste Mädchen im Raum. Oder wenigstens als das, mit dem man sich gut stellen muss. Die Empathie ist größer geworden, auch das Unrechtsbewusstsein. Wer fälschlich attackiert wird, kann mit einer durchaus spürbaren Welle der Solidarität rechnen. Das war vor zehn Jahren noch anders.

Was Peter über Paul sagt

Vom Schulhof kannte ich Sätze wie "an der ist ja nichts dran" oder "die will ich gar nicht nackt sehen, die hat ja nichts am Leib". Im Model-Business waren es andere Sätze, aber die waren ebenso schmerzhaft für einen Teenager. Solidarität gab es weder auf dem Pausenhof, noch auf Castings. Meine Oma tröstete mich mit den Worten "Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter aus, als über Paul". Das half manchmal, manchmal auch nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass Peter nichts über Paul sagt, oder wenigstens nichts gemeines.

Ich wusste damals nicht, dass ich vom Regen in die (Social Media) Traufe kommen würde. Denn leider ist es nicht so, dass diese Geschichte mit dem Satz "es ist in der Modelbranche deutlich besser geworden" beendet wäre. Mit den Jahren kamen das Internet und die Triumphzüge der Social Media Formate. Erst SchülerVZ, dann Facebook, dann Instagram. Und plötzlich waren es nicht nur deine Mitschüler oder andere Models. Es waren Horden von zumeist gesichtslosen Internet-Usern, die wie ein Orkan der Missgunst über Kommentarspalten hereinbrachen. Seither beschimpft man mich täglich und wird mir regelmäßig erklärt, ich hätte nur "Erfolg", weil ich hübsch bin, aber das sei vergänglich und bald verschwände ich in der Bedeutungslosigkeit. Man wünschte mir Vergewaltigungen, als ich mich gegen die AfD positionierte. Man spekulierte, warum ich wohl für große Magazine schreiben dürfe und ob das nicht möglicherweise mit sexuellen Gefälligkeiten für die Chefredakteure in Verbindung stand.

Jeder erlebt Hass im Internet

Solche Kommentare und Nachrichten gibt es täglich. Selbst bei mir. Und ich bin nur ein sehr kleines Licht, verglichen mit den jungen Frauen, die in diesem Land wirklich in einer breiten Öffentlichkeit stehen. Die Kommentarspalten etwa bei Lena Meyer-Landrut lesen sich oft, als wäre sie für das gesamte Elend unserer Welt verantwortlich und jeder, der so gerade eben fähig ist, sich ins Internet einzuloggen, erwirbt damit gleichzeitig die Legitimation, ihr Beleidigungen und ehrenrührige Unterstellungen mitzugeben, als würde es Preise dafür geben, den nutzlosesten und ekelhaftesten Hass-Kommentar abgesetzt zu haben.

Warum ist das so? Brachte das Internet wirklich das schlechteste in den Menschen zum Vorschein? Ist es Neid? Ist es Langeweile? Ist es Sexismus? Nun kann man argumentieren, dass sich jemand wie Lena Meyer-Landrut, die mit ihrer Reichweite Geld verdient, sich eben damit abfinden muss, Liebling der Klatschpresse und der Hass-Kommentatoren gleichzeitig zu sein. Lena ist selbstbewusst und stark genug, damit leben und umgehen zu können, fortlaufend als zu dünn bezeichnet zu werden, oder auch als Schlampe, talentlos, widerlich, arrogant oder talentlos, wie sie diese Woche in einem viel beachteten Instagtam-Posting dokumentierte.

Lena Meyer-Landruth setzt ein Zeichen gegen Cybermobbing

Warum? Nur für den Klick für den Augenblick?

Lena Meyer-Landrut wird an diesen Kommentaren nicht zerbrechen. Sie wird sich nicht mal ändern deswegen. Warum auch? Dennoch muss sich unsere Gesellschaft ganz dringend die Frage stellen, ob wir das wirklich so zulassen möchten, woran es liegt und vor allem, wie man es eindämmen kann. Es ist nämlich nicht falsch, besonders dünn zu sein oder besonders dick. Falsch ist, über andere zu urteilen, ohne sie zu kennen. Es gibt nämlich sehr viele da draußen, die nicht die Stärke einer Lena Meyer-Landrut haben. Aber Hass trifft heute alle. Du bist dick, zu dünn, Ausländer, schwul, Jude – egal, Hass findet einen Weg, dich nieder zu machen. Und fegt der tobende Sturm der Unmenschlichkeit über sie hinweg. Auch an diese Menschen sollten wir denken. Egal, ob sie Model, Sängerin, Schüler, Bäcker, Busfahrer, Hausfrau oder Chirurg sind. Menschen, die andere fortlaufend runterputzen, sollten nicht Teil unseres Lebens und unserer Welt sein, nicht mal der virtuellen. Wir sollten uns von denen trennen, für die Menschlichkeit nicht an erster Stelle steht. Oder, um es abschließend nochmals mit meiner Oma zu sagen: "Ich habe diese Person heute zwei Mal getroffen. Zum ersten und zum letzten Mal".

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie