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stern-Stimme Maries Modelcheck: Der Laufsteg als Heiratsmarkt

Paris ist die Stadt der Liebe und die Stadt der Mode. Für viele junge Mädchen symbolisiert sie daher in doppelter Hinsicht das Epizentrum ihrer Sehnsüchte. So wie Snejana, die als Model kam und die Stadt als Frau eines reichen Russen verließ.

Von Marie von den Benken

Snejana war 17, als sie nach Paris kam. Um das Jahr 2010 herum war Paris voller sehr reicher Russen. Ausgestattet mit extrem viel Geld wollten auch sie in der Stadt der Liebe ihr Glück finden. Jetzt, wo ich mich hier in Paris auf meinem Bett im Hotel Le Narcisse Blanc an die damalige Zeit zurück erinnere und dabei runter schaue auf den Boulevard de la Tour-Maubourg, fällt mir auf, dass Paris – zumindest in der Modebranche – nicht mehr so von reichen Russen bevölkert ist. Vielleicht sind sie weiter gezogen nach Monte-Carlo oder London. Damals jedoch glich Paris für schöne junge Frauen einem Heiratsmarkt. Tausende von Mädchen wurden von Agenturen auf der ganzen Welt zu einem mehrmonatigen, meist sehr wenig erbaulichen Casting-Marathon nach Paris geschickt und lebten dort dann unter Leidensgenossinnen in eher unglamourösem Ambiente. Ich hatte darüber schon mal berichtet.

Laufsteg oder Altar

Nicht alle Mädchen hielten das aus, nicht alle Mädchen konnten sich durchsetzen und viele kehrten frustriert und mit einem großen Traum weniger im Gepäck in ihre Heimatstädte zurück. Für einige war die Karriere als Model aber von Anfang an nur eine von zwei möglichen Lebensentwürfen, die sie zwischen Montmartre und Eiffelturm zu finden hofften. oder Altar. Ich habe blutjunge Mädchen getroffen, gerade volljährig, wenn überhaupt, die es klar und eindeutig formulierten: Ich kann aus meinem sehr jungen, sehr schönen Körper auf zwei Arten Kapital schlagen. Ich quäle mich jahrelang die beschwerliche Model-Leiter hoch, in der Hoffnung, irgendwann ein paar fette Jahre zu erleben, bis ich dann als zu alt kategorisiert und von irgendeiner neuen crazy 16-Jährigen abgelöst werde. Oder ich angele mir einen Mann, der mir einen luxuriösen Lebensstil ermöglicht und genieße meine Zeit abseits vom täglichen Casting-Stress und stundenlangen Gym-Sessions.

Viele hatten diese Option bereits im Kopf, als sie das erste Mal am Charles de Gaulle aus einem Flugzeug stiegen, andere entwickelten diese Idee während der oft von keinem bis mäßigen Erfolg gekrönten Strapazen der ersten Monate. Und das Potenzial war da. Franzosen, Engländer, sogar ein paar Deutsche – vor allem aber schwerreiche Russen tummelten sich in der Modeszene und suchten neben künstlerischer Inspiration durch die neuesten Entwürfe der Top-Designer vor allem auch eine hübsche Heirats-Aspirantin, die sie als Trophäe mit zurück in die Heimat nehmen konnten.

Heiratsmarkt Catwalk

Dass Snejana auf der Suche nach einem reichen Ehemann war, als sie nach kam, glaube ich nicht. Sie war voller Euphorie und hatte auch großes Potenzial. Sie wollte ganz nach oben als Model. Auf dem Weg dorthin merkte sie allerdings, dass Paris ein anderes Pflaster war als ihre ukrainische Heimat, wo sie immer die größte, schlankeste und hübscheste Frau im Raum war. Plötzlich stand sie mit 40 ebenso großen und hübschen Mädchen in einem Casting-Raum und fand sich fett. Und das zehnmal am Tag. Sieben Tage die Woche. Snejana kämpfte weiter und gewann das eine oder andere Casting, ihre Karriere lag also nicht bereits zerschmettert am Boden, als ihr zukünftiger Mann in ihr Leben trat. Er war 23 Jahre älter und ein russischer Geschäftsmann. Er flog im Privatjet durch die Welt und war auf du und du mit den meisten Designern, obwohl er gar keine Frau hatte, der er die extrem teuren Roben oder Schmuckstücke kaufen konnte. Snejana und er teilten zwar nicht dieselbe Generation, aber sie teilten die Faszination für die schönen, angenehmen Dinge des Lebens, wie Haute-Couture, und sprachen dieselbe Sprache. Bald darauf teilten sie auch das Bett. Dann Ringe. Heute teilt sich ein süßes kleines Baby sogar ihre DNA.

Vorurteile – Ein Treibstoff der Modeszene

Snejana blieb noch eine Weile . Sie wurde erfolgreich, auch, weil sie bei Castings keinen Druck mehr verspürte. Sie lebte nicht mehr in einem winzigen Model-Apartment und musste nicht mehr jeden Euro sparen, um sich eines Tages eine eigene Wohnung leisten zu können. Sie ging auf Castings, weil es ihr Spaß machte und weil sie es mochte, fotografiert zu werden. Sie mochte auch die Branche. Allerdings reiste sie meistens im Privatjet an, der alleine mehr Kosten verursachte, als sie jemals für den Job kassieren würde. Ihr Mann mochte es, dass seine Frau internationales Model war und sorgte dafür, dass sie immer standesgemäß reiste. Als sie heirateten, begann sie, etwas kürzer zu treten, aber sie hörte nie mit ihrem Traumberuf auf.

Snejana und ich blieben all die Jahre locker in Kontakt. Wir, die Zweck-Freundinnen aus dem Model-Apartment in Paris. Als ihr Sohn geboren wurde, schickte ich einen Borussia Dortmund-Strampelanzug. Als mein Pferd krank wurde, verbrachte sie Tage damit, in ihrem mittlerweile recht großen Netzwerk in der russischen Hautevolee nach Spezialärzten zu fragen. Wir sind nicht die besten Freundinnen, aber ich schätze sie sehr. Und ich verurteile ihren Lebensweg in keinem Augenblick.

Im Gegenteil. Ich bewundere, wie sie ihre Entscheidung und ihren Mann gegen alle Widerstände verteidigte. Er war sehr viel älter, sah nicht wie ein Model aus und war sehr reich. Und sie genoss plötzlich ein Luxusleben, das andere nur aus dem Fernsehen kannten. Man konnte die Uhr danach stellen, dass über sie geurteilt werden würde. Insbesondere in einer Branche, in der Hinterhältigkeit und falsche Freundschaft quasi zum Inventar gehören. Snejana ließ sich nicht beirren. Egal, wer sie aufzog, verächtlich niedermachte oder ins Gebet nahm: Stets beteuerte sie, dass sie ihren Mann liebt und welche grandiosen Vorzüge und Charaktereigenschaften er habe. Und ich glaubte ihr.

Muss man sich entschuldigen, wenn man viel Geld hat? Ist Geld nur dann respektabel, wenn man gleichzeitig wie Brad Pitt aussieht? Warum ist die Welt so auf Äußerlichkeiten fixiert? Snejana hat sich verliebt, dabei spielt das Aussehen nie eine Rolle. Sollte es jedenfalls nicht. Und Schönheit wird extrem überbewertet. , die sehr gut aussehen, neigen leider auch oft dazu, sehr schnell sehr fragwürdige Charaktereigenschaften zu zeigen. Das soll keine Pauschalkritik sein. Es ist auch nichts dabei, sehr gut auszusehen. Dafür muss man sich genau so wenig entschuldigen, wie für ein großes Vermögen.

Willkommen in der Welt der Klischees

Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass sehr gut aussehende Männer schnell verdorben sind. In unserer Branche wimmelt es von Männern, für die sich neun von zehn Teenager-Mädchen ein Bein ausreißen würden. Leider führt das auch dazu, dass diese Männer so schnell von so viel Trubel um sich selber eingenommen werden und in diesem benebelten Zustand schnell das Wesentliche aus den Augen verlieren. Wer hundertmal am Tag gesagt bekommt, wie toll er ist, findet sich vielleicht irgendwann automatisch selber etwas toller, als es gesund wäre. Während Männer in meiner Branche das Gefühl, als schön zu gelten, oftmals zum Anlass nehmen, sich in ein Mantra von "ich kann jede haben, also kann ich auch jede wie Scheiße behandeln" hinein zu steigern, neigen die Frauen in derselben Situation zumeist eher dazu, mit diesem Status zu hadern. Sie denken: Die, die mich nur wollen, weil ich hübsch bin, will ich nicht. Und die, die ich will, denken dass ich viel zu hübsch bin, um ausreichend andere Qualitäten zu haben. Snejana brach mit diesem ohnehin unbrauchbaren Stereotyp und ging einfach ihren Weg.

Auch das kann Paris aus einem jungen Model machen: Eine starke Frau, die unbeirrt ihren Weg geht, egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden. Das gilt für den , wie auch erst recht für das eigene Liebesleben. Ich weiß nicht, wie viele Mädchen so wie Snejana Paris als potenzielles Model erreichten und als potenzielle Ehefrau wieder verließen, aber die Quote war seiner Zeit jedenfalls deutlich höher, als man vielleicht vermutet hätte. Insofern ist Paris auch für die Modebranche irgendwie die Stadt der Liebe.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie