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stern-Stimme Maries Modelcheck: Sehr, sehr müde und sehr, sehr hungrig: Meine Zeit als Model in Paris

Das Leben in Paris als unbedeutendes Model ist keineswegs glamourös. Es ist nicht mal besonders lustig. Die meiste Zeit steht man unter großem Druck, muss Enttäuschungen hinnehmen und Ablehnungen verarbeiten. Unsere Kolumnistin berichtet von ihren Erfahrungen in der französischen Hauptstadt.

Von Marie von den Benken

Victoria's Secret Show in Paris

Die drei haben's geschafft: Maria Borges, Luma Grothe und Megan Williams (v.l.n.r.) backstage bei der Victoria's Secret Show in Paris

An einem normalen Tag finden in etwa 50 wichtige Fotoproduktionen statt. In der Saison, wenn die Lookbooks der neuen Kollektionen geschossen werden, sogar deutlich mehr. Die Stadt ist immer voller junger Model-Aspirantinnen. Auf der Jagd nach Jobs kommen auf jedes Mädchen vor der Linse noch etwa 40 weitere, die sich beim Casting nicht durchsetzen konnten. Sie strömen aus allen Ecken der Welt an den Eiffelturm, sitzen zwischen Castings und GoSees bei Starbucks, bestellen in gebrochenem Englisch einen Soja-Latte und versuchen, über das Free WiFi mit ihren baldigen Exfreunden in der Heimat zu skypen.

Irgendwann holen sie einen kleinen Taschenspiegel aus den Rucksäcken und ziehen ihren Lipgloss nach. Sie finden, zu Paris würde eine Designer-Tasche besser harmonieren, aber es gibt keine, in die ihre Mappe passen würde, die sie stets wie ein Kleinod mit sich herumschleppen und schüchtern bei jedem über den Tisch reichen. In der Hoffnung, dass irgendein Fotograf oder Kunde sie zum neuen Gesicht einer Jeansmarke oder wenigstens eines Supermarkt-Lippenstifts machen wird.

Stadt der Liebe, Stadt der Enttäuschungen

Die oftmals malerischen Jugendstil-Eingänge der Metrostationen spucken sie auf die Boulevards und lassen sie alleine mit einer Stadt, in der es mehr Models als Taxifahrer gibt und mit einem Model-Apartment, in dem sie 50 Quadratmeter im achten Stock unter dem Dach eines Hauses ohne Aufzug oder Licht im Treppenhaus mit sechs anderen Mädchen, 25 Koffern und einer Küchenzeile teilen, die so aussieht wie das Klo in "Trainspotting". Klingt wie ein Klischee? Ist es aber nicht. Ich habe es erlebt.

Als ich das erste Mal für eine längere Casting-Periode nach Paris kam, hatte ich sogar noch . Ich war schon fast 20 und hatte keinen eifersüchtigen Freund, der mich 72 Mal am Tag anrief um mich daran zu erinnern, dass die Modelbranche ausschließlich aus Essgestörten und Drogensüchtigen besteht. Mein erstes Apartment in der Rue du Louvre bestand dann aber aus einem Raum, in dem sechs Mädchen lebten. Jede hatte ein schmales Schlafsofa und eine Kleiderstange, die über dem Bett von der Decke hing. Um wenigstens ein wenig Privatsphäre zu suggerieren, hatten die meisten die Stange zweckentfremdet und ihr Bett mit großen Decken in eine Art Minizelt verwandelt.

Zwischen Dior und Jugendherberge

Die sechste Etage des durchaus imposanten Gebäudes war früher mal eine riesige Wohnung mit zehn Zimmern. Heute sind es acht Modelapartments, in denen 35, zur Modewoche gerne auch mal 50 Mädchen leben. Der Express-Supermarkt gegenüber hat bis 24 Uhr geöffnet und verzeichnet vermutlich einen hohen siebenstelligen Umsatz mit Artikeln aus dem Bereich Damenhygiene und Evian-Wasser. Mein Apartment war direkt zur Straße ausgerichtet und damit frontal der Kirche Saint-Eustache ausgeliefert, die alle 30 Minuten gnadenlos ihren ohrenbetäubenden Glockenschlag hinaus in die Nacht paukt. Schlafen neben dem Glöckner von Notre Dame. Zusammen mit einer Horde entweder schnarchender, bei offenem Fenster trotz Minusgraden rauchender oder heulend mit ihren Eltern telefonierender Zimmergenossinnen. Besser kann man sich für den kommenden Tag mit wichtigen Castings kaum schönschlafen.

Mit mir wohnten zwei Schwedinnen, eine Amerikanerin und zwei Mädchen, die so schlecht Englisch sprachen, dass wir uns auch nach vier Monaten noch nicht sicher waren, ob sie aus Georgien, Lettland oder Moldawien kamen. Eine der beiden lernte irgendwann in einem Club auf der Rue de Rivoli den Erben eines großen französischen Speditionsunternehmen kennen und flüchtete praktisch über Nacht aus unserer kleinen Clique. Sie tauschte eine Klappcouch und meine hysterischen Ausraster, wenn ich mal wieder einen sauteuren Schal oder eine Designer-Sonnenbrille in irgendeinem Taxi liegen gelassen hatte, gegen einen Penthouse-Palast im Rive-Gauche mit Blick auf das Champ de Mars. Als wir sie dort besuchten, merkte ich erstmals, dass das Konzept, mit einem Privataufzug von der Tiefgarage direkt in die eigene Wohnung zu fahren, keine Erfindung übergeschnappter Hollywood-Drehbuchautoren ist.

Zu fett, zu klein, die Haut zu schlecht

Wir, die zurückblieben, sahen weiterhin viele Mädchen kommen und gehen. Aller Kaliber. Jeder Couleur. Und alle im Wandel. Die Model-Szene und diese Stadt verändern dich. Wenn jungen, hübschen Mädchen alle Türen offen stehen, sind eben auch viele dabei, die man besser verschlossen gelassen hätte. Es zogen verschüchterte Mädchen aus 500-Seelen-Käffern in Weißrussland ein, das erste Mal in einem fremden Land und völlig ohne Sprachkenntnisse. Drei Monate, 25 One-Night-Stands, acht Tattoos und unzählige Sonnenaufgänge später, in denen sie uns mit dem verschmierten Make-up einer legendären Partynacht im Treppenhaus entgegen kamen, während wir zum morgendlichen Joggen aufbrachen, waren sie die Königinnen der Pariser Nächte und auf du und du mit jedem Türsteher der Stadt.

Ich spazierte mit heulenden Mädchen durch das Marais, weil irgendein arroganter Wichtigtuer bei einem Casting gesagt hatte, sie seien zu fett, zu klein oder die Haut zu schlecht und sie würde nie Jobs bekommen. Einige dieser Mädchen ließen sich nicht unterkriegen, kämpften weiter für ihren Traum und sind heute aus der Modelszene nicht mehr wegzudenken. Andere packten ihre Sachen, flogen nach Hause, heirateten ihren Jugendfreund und wurden Lehrerinnen. Als Model gehört man bereits zu den top gebuchten Mädchen, wenn man auf zehn Versuche zwei Zusagen erhält. In acht von zehn Fällen bekommt man ein Nein - das gehört zum Job. Wenn ich aufgehört hätte, an mich zu glauben, jedes Mal, wenn jemand mich als zu dick für den Job, zu langweilig, zu klein, zu wenig classy oder zu wenig sonst was genannt hat, wäre ich wahrscheinlich bereits 1000 Mal Lehrerin geworden. Und ich wäre eine wirklich katastrophale Lehrerin.

One Night In Paris

Die Tage in Model-Apartments sind zum Glück vorbei. Heute reicht es für ordentliche Hotelzimmer. Natürlich blickt man in der Retrospektive immer ein wenig verklärt auf diese Zeiten zurück. Aber das Leben in Paris als unbedeutendes Model ist keineswegs glamourös. Es ist nicht mal besonders lustig. Ausgeflippte Abende im Model-Apartment, an denen sich fünf Freundinnen in Pyjamas auf ihren Betten mit billigem Wein betrinken, Kissenschlachten machen, Lachkrämpfe bekommen, um zwei Uhr nachts Tiefkühlpizza backen und über Typen lästern gibt es höchstens in Filmen. Die meiste Zeit steht man unter großem Druck, muss Enttäuschungen und Absagen hinnehmen, Ablehnungen verarbeiten, Sport machen und ist einfach immer sehr, sehr müde und sehr, sehr hungrig. Das gehört eben dazu und ist auch völlig in Ordnung. Immerhin hat man die Chance, später damit sehr viel Geld zu verdienen. Sich durch ein langjähriges Germanistikstudium zu quälen, um mit Pech am Ende Kellnerin oder Kosmetikerin zu werden, stelle ich mir auch nicht viel erstrebenswerter oder einfacher vor.

Letztendlich ist es eine Erfahrung, die jedes Mädchen anders verarbeitet. Selbst wenn nach drei oder sechs Monaten alles vorbei ist und die Hoffnung auf eine internationale Karriere dahin - ein paar Monate mit fremden Menschen auf engstem Raum in einer unbekannten Metropole auf sich alleine gestellt zu sein, wird am Ende so oder so als wertvolle Erfahrung bleiben.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie