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stern-Stimme Maries Modelcheck: Junge Models in der Sexfalle - Reaktionen und Lehren aus dem Fall Kaya

Vor einigen Wochen schilderte unsere Kolumnistin Marie von den Benken die Erlebnisse des jungen Models Kaya, das auf Mallorca perfide in eine Sexfalle gelockt wurde. Die Reaktionen und welche Lehren wir aus dem Fall ziehen sollten.

Maries Modelcheck

Erinnert ihr euch noch an Kaya? Vor drei Wochen hatte ich ihr traumatisches Erlebnis geschildert, bei dem sie nach ihrem ersten vermeintlichen großen Modeljob alleine und halbnackt auf einer Miet-Yacht auf Mallorca aufwachte. Die Beschreibung von Kayas Erlebnissen führte bislang nicht dazu, dass sich ein anderes Model meldete, das eine ähnliche Erfahrung machen musste.

Es ist bei einem so ausgefeilten, langfristig vorbereiteten und aufwändig inszenierten Betrug aus meiner Sicht ja davon auszugehen, dass Kaya nicht das einzige Opfer dieser Masche war. Eine der Hoffnungen Kayas, die sie mit dem Gang an die Öffentlichkeit verbunden hatte, ist also bislang ausgeblieben. Wobei sie selber sagt, dass diese Hoffnung sehr egoistisch ist. Sie wünschte sich eine Leidensgenossin, mit der sie sich austauschen kann und die sie nicht für vollkommen naiv hält, weil ihr ähnliches selber passiert ist. Gleichzeitig sagt Kaya aber auch, dass sie sich natürlich noch mehr freuen würde, wenn sich niemand meldet. Zumindest, wenn das bedeutet, dass außer ihr niemand dieser Fake-Agentur und ihren mindestens drei Hintermännern in die Hände gefallen ist.

Kaya – Die Reaktionen

Die Beschreibung von Kayas-Story hat aber dennoch eine ganze Menge anderer, ähnlicher Geschichten hochgespült. Mich erreichten Direktnachrichten und Mails von mehr als 20 weiteren Frauen, die teilweise verstörende Situationen über sich ergehen lassen mussten, die man niemandem wünscht, und die in mir eine bittere Wut der Hilflosigkeit hinterlassen. Diese Geschichten sind stückweise schon beim Lesen der Mail so bewegend, dass man den Schmerz, die Scham und den Ekel, den diese Frauen erlebt haben müssen, kaum in Worte fassen kann. Auch das ist ein Grund, warum ich heute dieses Thema noch mal aufgreife. Ich weiß, ich bin nicht gerade für die ernsthaften Themen bekannt und man erwartet vielleicht eher ein paar Wortwitze über Heidi Klum. Aber auch mich bewegen Dinge, die über das große Entertainment-Programm für die Lachmuskeln hinausgehen.

Ich kann den Frauen, die solche Geschichten erlebt haben, natürlich nicht helfen. So gerne ich das auch täte – was soll man ihnen mitgeben auf ihrem Weg, den sie nun den Rest ihres Lebens mit diesen Erlebnissen teilen müssen? Dass es einem Leid tut? Dass man mitfühlt? Natürlich, aber hilft das? Das Wenigste, das ich tun kann, ist jeden Menschen darin zu bestärken, absolut wachsam zu sein und nichts, aber auch gar nichts mit sich machen zu lassen, wenn man nicht absolut sicher ist, dass es professionell abläuft. Für unsere Branche heißt das: Wenn der Job nicht über eine hoch seriöse Agentur für einen hoch seriösen Kunden kommt, seid vorsichtig. Besser ein Mal zu viel überprüft, als ein Mal zu wenig.

Kaya – Drei Wochen später

Ich habe in den letzten Wochen nach der Kaya-Story Geschichten gelesen von angeblichen arabischen Agenuren, die Schmuck und 2500 Dollar pro Tag für vier Wochen Modeling in Dubai auslobten. Das Geld ist auch geflossen, auch der Schmuck war echt. Nur das Modeling bestand aus hübschen, engen, sehr freizügigen Kleidern und Luxuspartys, auf denen neben den ausschließlich alte, reiche Männer waren, für die die Jobbeschreibung eines Models offensichtlich lautet "sexy sein, wenig reden, sich anfassen lassen und auch mal ertragen, wenn die Hand in die Hose des Mannes geleitet wird". Ich las von vermeintlichen Bookern, die in einer winzigen Wohnung auf einem schäbigen Sofa Nacktbilder machen wollten, um damit auf die Laufstege von Chanel und Balenciaga zu kommen. Oder über den Marketingleiter einer großen Sporthandelskette, der beim Shooting auf den Seychellen wütete, dass er doch alles hier bezahle und sie sich doch den ganzen Tag in knappen Bikinis an Male-Models geschmiegt habe und es jawohl doppelmoralistisch wäre, wenn er jetzt nicht mal ein bisschen rumalbern und anfassen dürfte.

Wollen alle nur auf den Weinstein-Zug aufspringen?

Natürlich haben die Enthüllungen um Harvey Weinstein, Kevin Spacey & Co den Stein jetzt erst so richtig ins Rollen gebracht und klar, manchmal könnte es so wirken, als käme jetzt aus jeder Ecke irgendeine Story, damit man bloß auf den Mitleids-Zug aufspringen kann und auch noch ein wenig Boulevard-Klatsch, PR und Titelseiten abbekommt. Talkshows sind dieser Tage voll mit vermeintlich abgeklärten Damen und Herren, die erklären, dass Frauen auch irgendwie selber Schuld sind oder jetzt alle Geschichten erfinden, um sich wichtig zu machen. Ja, es gibt diese Trittbrettfahrerinnen. Jeder kennt Geschichten, bei denen Frauen einen Übergriff erfunden oder stark dramatisiert haben. Aber ist die Konsequenz daraus, dass jetzt plötzlich jedes Opfer erst mal unter Generalverdacht der Legendenbildung steht? Muss man als Model eben damit rechnen, dass mal jovial an die Brust gefasst wird? Und als Anwältin, Busfahrerin, Krankenpflegerin oder Schülerin?

Das Wichtigste, auch und gerade in dieser medial jetzt sehr hysterischen Zeit der Post-Weinstein-Ära, ist aus meiner Sicht: Den Opfern Glauben schenken. Sonst wird es weiterhin zu viel Scham geben, zu viel Angst. So wie bei Kaya, die bis heute mit niemandem offiziell über ihr Erlebnis gesprochen hat. Nicht mit ihrer Familie. Nicht mit ihren Freunden. Nicht mit der Polizei. Da draußen sind Tausende von Frauen und Mädchen, denen schweres Unrecht getan wurde oder wird, das sie vermutlich nie mehr in ihrem Leben wirklich vergessen können, und die sich nicht dazu durchringen können, sich irgendwem anzuvertrauen. Dieses haben wir geschaffen. Unsere Gesellschaft. Es lähmt eine Frau in einer ohnehin schon furchtbaren Situation noch weiter. Es isoliert und lässt Täter ungeschoren. Das kann nicht das richtige Signal sein. Nicht in der Modelbranche oder sonst wo.

Konsequent bloßstellen und reagieren

Ich habe zum Glück zumeist gute Erfahrungen in komischen Situationen gemacht. Bei mir hat es immer geklappt, dass ein "Nein" letztendlich auch als solches akzeptiert wurde. Natürlich hatte auch ich in Clubs, auf Parties, aber auch im Job bereits dutzende Male eine Hand dort, wo sie nicht hingehört. Aber nach einer kurzen Ansage kam die Hand kein zweites Mal. Dieses Glück haben aber nicht alle. Und klar, nicht jeder vermutlich harmlos gemeinte Spruch wie "Na, deine Beine sehen heute aber rattenscharf aus" müssen gleich eine lebenslange Ächtung und Haftstrafen nach sich ziehen. Ebenfalls ist natürlich klar, dass die rote Linie, die nicht überschritten werden darf, bei jeder Frau auf einem anderen Level zu finden ist. Für die einen ist ein "oh, scharfer Rock" schon zu viel, für andere geht das noch sorgenfrei als Kompliment durch. Entscheidend ist das, was uns als Models für den Job ohnehin eingebläut wird: Wenn du was nicht machen möchtest, weil du es nicht magst und weil es vorher auch nicht abgesprochen war, sag das. Und wenn sie dich unter Druck setzen, brich das Shooting ab und fahre nach Hause.

Gesunder Menschenverstand, übernehmen Sie

Dieses Klima müssen wir kreieren. Männer beziehungsweise Täter müssen keine Angst davor haben, schon mit dem kleinsten Flirt-Satz einem Shitstorm à la Harvey Weinstein entgegen zu sehen. Sie müssen sich nur an die eine einzige Regel halten: Wenn eine Frau sagt "das möchte ich nicht" bedeutet das nur eine einzige Sache: Man hört damit sofort auf. So einfach ist das. Models müssen sich nicht an den Po fassen lassen, aus Angst davor, den nächsten Job nicht zu bekommen, mit dem Kunden oder dem Fotografen Dinge tun, die sie freiwillig nicht gemacht hätten oder sich anzügliche Sprüche anhören. Zahnarzthelferinnen auch nicht. Niemand sollte das ertragen müssen. Und darum müssen wir es salonfähig machen, seine Geschichte zu erzählen und Glauben geschenkt zu bekommen. Diese aktuelle Weinstein-MeToo-Nervosität kann ein guter Startschuss in eine bessere Wahrnehmungs-Atmosphäre für solche zumeist totgeschwiegenen Episoden werden.

Nein heißt Nein

Aber dafür müssen wir sie richtig steuern und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Ansonsten kann es sich auch zu einem Bärendienst entwickeln. Dann wird man erst Recht angefasst, lüstern angeflirtet und erniedrigt, und der Täter kann souverän grinsend die MeToo-Karte ziehen: Ja klar, plötzlich will jeder mal das Opfer sein und Mitleid erhaschen. Dagegen müssen wir uns stemmen. In der Modelbranche und überall. Es ist nämlich keine Frage einer Branche, in der es um Schönheit und durchaus auch mal Nacktheit geht. Es ist eine Frage unserer Gesellschaft. Und ich bin sicher, wir können das schaffen. Noch vor 20 Jahren war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Der Transrapid-Experte Edmund Stoiber (CSU) hatte noch 1990 den Vorschlag des Koalitionspartners FDP, dies zu ändern, brüsk abgelehnt. Da war ich schon geboren! Das sind keine Horrormärchen aus der Steinzeit. Heute undenkbar. Und ich bin voller Hoffnung, dass uns das in dieser Frage auch gelingen wird. Nein heißt nein. Egal wo.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie