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Maries Modelcheck: Bunga Bunga und Balenciaga - Die drei großen "B" der Modelbranche

Viele Models verdienen gutes Geld bei Gelegenheiten, die nichts mit Fotoshootings oder Fashion-Shows zu tun haben. Selbsternannte Moralhüter rümpfen die Nase.

Von Marie von den Benken

Maries Modelcheck

Models sind auf erlesenen Partys wie hier Cindy Crawford in St. Tropez gern gesehen.

Nicht alle Mädchen in der Model-Branche bestreiten ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Modeljobs. Die einen, weil es einfach nicht reicht. Andere dagegen, weil finanziell attraktive zusätzliche Einnahmequellen winken. Heute geht es mir nicht um 18-jährige New Faces, die nebenbei kellnern oder babysitten müssen, weil sie mit ihren paar Modeljobs nicht viel mehr als die Handyrechnung bezahlen könnten. Wir sprechen von Mädchen, die gut im Geschäft sind, tolle Jobs bekommen und trotzdem der Strahlkraft des schnellen, unkomplizierten Geldes nicht widerstehen können.

Womit wir bei den selbsternannten Hütern der Moral wären. Sie haben zu jedem Thema der Welt eine dogmatisch richtige Einschätzung parat. Mit dieser halten sie das zur Schau stellen des eigenen Körpers für wertlose Selbsterniedrigung und sprechen dem Modeljob damit jedwede Notwendigkeit von Talent oder Können ab. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Für ein erfolgreiches Model reicht es nicht, bei der Geburt in der Genetik-Lotterie gewonnen zu haben. Das ständige Vorhalten eines perfekten Arbeitsgeräts ist der wichtigste Teil des Jobs. Wie bei allen Selbstständigen. Während also ein Taxifahrer einen Führerschein und ein Fahrzeug bereitstellen muss, um seinem Job nachgehen zu können, muss ein Model stets ihren Körper, Haare und Haut in perfektem Zustand halten. Das ist auch nicht immer ein Zuckerschlecken.

I Bet That You Look Good On The Dancefloor

Dafür ergeben sich bei Models über ihren eigentlichen Job hinaus manchmal weitere Gelegenheiten, ordentliches Geld zu verdienen, die nichts mit Fotoshootings oder Fashion-Shows zu tun haben. Models, als Inbegriff von jungen, hübschen, weltoffenen Frauen, gelten als besonders gesellige, unkomplizierte und angenehme Gesprächspartner. Als Konsequenz daraus hat sich über die Jahre eine Art Sekundärmarkt entwickelt. Models werden gerne zu privaten Veranstaltungen geladen. Und bevor jetzt schon wieder reflexartig die "ist doch auch nicht anders als eine Prostituierte, gibt nur mehr Geld"-Fraktion die Kommentarspalten füllt: Bei diesen Jobs geht es nicht um sexuelle Gefälligkeiten. Es geht darum, sich für ein paar Stunden auf einer Party in eine andere Welt zu begeben, Sorgen zu vergessen, Spaß zu haben. Für viele gehören schöne, interessante Frauen zu so einem Abend dazu. Wer es sich leisten kann, bucht welche, um zu garantieren, dass auch das Auge mitfeiern kann. Daran ist erst mal nichts Verwerfliches. Natürlich werden Models an solchen Abenden, die gerne in Penthouse-Hotelsuiten oder auf Luxusyachten stattfinden, nicht dafür bezahlt, dass sie die Probleme der Weltpolitik lösen. Sie werden für gutes Aussehen und Partystimmung bezahlt. Dennoch ist es ein ganz normaler Job.

Cash oder Cartier?

Geld gegen Anwesenheit. Ein normales Geschäft. Das Model investiert einen ganzen Tag, repräsentiert Schönheit, Glamour und Style und wertet damit eine Veranstaltung auf. Dafür erhält es ein Honorar. Alles läuft sehr seriös ab. Szenarien wie in der TV-Serie "Homeland", wo junge Models als Gespielinnen reicher Scheichs gecastet werden und dabei neben der Optik vor allem die Bereitschaft zu sexuellen Perversionen ausschlaggebend ist, sind nicht an der Tagesordnung. Natürlich gibt es hin und wieder auch mal Angebote aus der Kategorie "unmoralisch". Ganz wie Demi Moore in dem Film "Ein unmoralisches Angebot" denkt die eine oder andere dann vielleicht sogar kurz darüber nach - das sind aber Einzelfälle. Hirnlosen Baggerversuchen und anderen fragwürdigen Avancen ist man als Frau in jeder Branche ausgesetzt. Egal ob Model, Schülerin, Taxifahrerin oder Unternehmensberaterin.

Die "Bezahlung" dagegen läuft oftmals weniger klassisch ab. Anstatt Rechnungen zu stellen und Monate auf Bezahlung zu warten, oder sein Geld wie in schlechten Gangsterfilmen in Briefumschlägen übergeben zu bekommen, erhalten die Mädchen häufig ihre Vergütung in Form von Luxusartikeln. Ein Bvlgari-Armreif oder ein Chronometer von Cartier etwa. Vermutlich wirkt es irgendwie romantischer, wenn kein Geld, sondern hübsche Geschenke ausgetauscht werden. Für die Mädchen ist Schmuck eine attraktive Währung. Die Ringe, Ketten und Armreife sind oftmals ein Vielfaches ihrer Tagesgage wert. Man kann es stolz auf Instagram präsentieren, damit Nähe zu großen Konzernen aus der Luxusgüterbranche suggerieren und anschließend verkaufen. Win-Win. 

Prepaid Stars

Diese Art von Partys gibt es überall. In New York wie in Mailand oder Paris - dort, wo sich die Modebranche regelmäßig zusammenfindet und die Modeldichte somit ohnehin sehr groß ist. Die meisten dieser mit viel Budget veranstalteten exklusiven Privatevents finden jedoch über den Sommer an den Hotspots der Party-Haute-Volée statt: Monaco, St. Tropez, Ibiza. Da wird gerne schmückendes Model-Beiwerk aus professionellen Teilzeit-Partyhühnern eingeflogen. Die Mädchen tanken dann am Nachmittag kurz etwas Sonne im Nikki Beach, um am Abend in einem Traumkleid, das auch jeder Oscar-Verleihung Glanz verleihen würde, der Party beizuwohnen. Die Traumkleider bleiben für den Rest des Abends übrigens zumeist an.

In einer Zeit, in der es an der Tagesordnung ist, dass Weltstars wie Mariah Carey, Kanye West, Beyoncé oder Bon Jovi für Geburtstage, Hochzeiten oder andere Anlässe bereit stehen (und das oftmals von sehr umstrittenen Gastgebern, wie beispielsweise menschenrechtlich zweifelhaft operierenden Staatsoberhäuptern), scheint mir das fast normal. Auch da diskutiert ein Teil der Öffentlichkeit dann durchaus angeregt, ob es ethisch vertretbar sei, sich gegen hohe Gagen vor den PR-Karren eines Diktators spannen zu lassen, in die Schmuddelecke wird aber niemand gerückt. 

Neidrepublik Deutschland

Warum ist das bei Models so? Verleitet gutes Aussehen in Verbindung mit Bezahlung automatisch dazu, unlautere Gedanken zu provozieren? Auf einer guten Party werden viele Menschen dafür bezahlt, einen unvergesslichen Abend zu kreieren. Der DJ genau so wie das Servicepersonal. Köche wie Security-Mitarbeiter. Nur bei Models bleiben stets eine hoch gezogene Augenbraue, ein Hauch von Nachgeschmack und die mal mehr, mal weniger offensichtlich platzierten Vergleiche mit einem Escort-Service. In meinen Augen ist das aber nicht das Problem der Gastgeber und erst Recht nicht das Problem der Models. Es ist ein Problem unserer Gesellschaft, die nur zu gerne vorschnelle Urteile fällt und Menschen in Schubladen sortiert. Vor allem erfolgreiche oder gut aussehende. In der Neidrepublik Deutschland ist man immer schnell dabei, das Haar in der Suppe zu suchen oder notfalls eines zu konstruieren.

Als Model ist man diesem Schubladendenken leider besonders häufig ausgesetzt. Möglicherweise sogar häufiger, als in den meisten anderen Berufen. Auch das ist eine der Komponenten, die dazu führen, dass viele ihre manchmal wirklich hohen Gagen zu einem Teil auch wie eine Art Schmerzensgeld empfinden. Ich würde mich freuen, wenn der Job als Model irgendwann als so normal angesehen wird, wie der einer Floristin oder Anwältin.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie