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Maries Modelcheck: Die Top 5 der Politfluencer

Vorbei die Zeiten, als die digitalen Medien für Politiker nicht mehr als "Neuland" waren. Mittlerweile sind zahlreiche Politiker auf Instagram. Marie von den Benken hat sich ihre Profile angeschaut - und verrät, wer zum Politfluencer taugt.

Dorothee Bär und Christian Lindner

Marie von den Benken hat sich die Instagram-Profile der Politiker angesehen, darunter die von Dorothee Bär (CSU) und Christian Lindner (FDP).

Liebe Leser. Ich hoffe, Ihr seid hervorragend in dieses grandiose neue Jahr gerutscht und habt Eure guten Vorsätze nicht bereits schon wieder gebrochen. Vor allem nicht den, 2019 endlich jede Woche diese Kolumne zu lesen und an alle Eure Freunde, die lesen können, weiter zu leiten. Dafür plaudere ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen. Ich wollte nämlich eigentlich im ersten Modelcheck dieses Jahres untersuchen, wie Topmodels und Mega-Influencer Silvester gefeiert haben. Das ist mittels Instagram heute ja relativ einfach nachvollziehbar.

Nachdem ich die ersten 20 "Happy New Year"-Postings der üblichen Verdächtigen konsultiert hatte, habe ich aber lieber mein Poesiealbum aus der 5. Klasse vom Dachboden geholt. Da gibt es die identischen langweiligen Motivations-Sprüche, die sich Instagram-Stars in die Captions schreiben und RTL2-Zuschauer als Buchstaben-Tattoo über die Couch hängen. Nur halt in Teenager-Schönschrift. Und man wird nicht von subtil im Hintergrund drapierten Diät-Shakes abgelenkt. 

Ich fand das sehr stringent hinsichtlich meines Auftrags, in dieser hochkarätig seriösen Kolumne ausschließlich Premium-Journalismus anzubieten. Allerdings war damit auch klar, dass ich ein anderes Thema bräuchte. Eines, das die Welt bewegt und vom Boulevard wie dem Feuilleton bislang nicht oder viel zu wenig beleuchtet wurde. Ich war ratlos, denn über die Relotius-Affaire hatte bereits jeder alles gesagt und mein anderes Lieblingsthema, die Netzfeministinnen, schienen noch im Winterschlaf zu sein. Kurz bevor ich in einem fehlgeleiteten Anfall von Pseudo-Authentizität darüber berichten wollte, was ich im neuen Jahr alles so vorhabe, also etwa das TV-Projekt "Fashion Week Berlin", bei dem ich mit der zauberhaften Sandra Hunke das Reality-Fernsehen neu definieren werde, oder dass ich die Ehre habe, neben den A-Promi-Damen Marie Nasemann und Yvonne Catterfeld drittes offizielles Gesicht des internationalen Naturkosmetik-Giganten "Lavera" zu werden, oder dass ich mit einer 14-seitigen Enthüllungs-Story nebst Cover-Shooting im neuen "Welt Vegan Magazin" zu finden bin, kam glücklicherweise die Rettung. Ein so schamloses Selbstbeweihräuchern ist ja auch denkbar unsympathisch und belegt auf der nach unten offenen Peinlichkeitsskala einen sicheren Kellerplatz. 

Die Top 5 der Politfluencer

Diese Rettung kam direkt aus der stern-Chefetage. Gerne würde ich jetzt wortreich erläutern, dass Star-Kolumnistinnen wie ich natürlich hin und wieder Anrufe der Chefredakteure bekommen, die dann unter Beteuerung ihrer größten Bewunderung und Anheimstellung fünfstelliger Honorar-Erhöhungen darum betteln, doch mal ein bestimmtes Thema zu behandeln. Die Realität sieht natürlich anders aus. Wenn in den Redaktionssitzungen alle guten Themen vergeben sind und irgendwo noch ein ToDo rumliegt, das wirklich niemand gerne anfassen möchte, heißt es eben: Ach komm, da fragen wie die Marie. Wer sich 14 Folgen GNTM in voller Länge anguckt, dem ist nichts zu blöd.

Und da wären wir also. Mein Thema diese Woche lautet: Wie viel Influencer steckt in den Instagram-Gallionsfiguren unserer Parteien? Ja genau. Politik. Das sollte jetzt nicht überraschen, immerhin gelte ich als ausgewiesene Politik-Expertin. Genre-Kenner wissen, dass ich für den politischen Diskurs in etwa das bin, was DJ Bobo für den Literatur-Nobelpreis war. Es gibt also keine Bessere für den Job. Hier also meine messerscharfe Influencer-Analyse unserer Top 5 Politfluencer:

Doro Bär

Mit nur etwas über 22.000 Followern gehört die in der Digital-Metropole Bamberg geborene CDU-Politikerin noch nicht zu den Schwergewichten auf Instagram. Das liegt aber auf keinen Fall daran, dass sie im Konzert der großen Influencer nicht mitspielen könnte. Immerhin ist sie Staatsministerin für Digitalisierung und Instagram somit quasi ihr Arbeitsplatz. Gut, die Lügenpresse um "Handelsblatt" ("Digitalministerin Dorothee Bär ist eine Luftnummer") oder "Süddeutsche" ("Falsch gelandet") haben sie teilweise noch vor ihrem Amtsantritt schneller runter geschrieben, als Bär "Neuland" sagen konnte, aber niemand, der einen brauchbaren Instagram-Account vorzuweisen hat, liest "Handelsblatt" oder "Süddeutsche". Dass ihr der Durchbruch auf dem weltweit am stärksten wachsenden Social-Media-Kanal immer noch nicht gelungen ist, liegt wohl eher daran, dass sie zwar das Buch "Das Influencer 1x1 - sich im Netz richtig in Szene setzen" gelesen hat, aber zu wenig von ihrer Kernkompetenz zeigt. So ist es beispielsweise unverzeihlich, dass bei über 880 Beiträgen kaum Flugtaxen dabei sind. Statt dessen bedient sie die Standard-Klaviatur der Influencer-Welt: Süße Fotos von ihr als Baby, als glückliches Paar, als laszive Prinzessin oder auch mit möglichst vielen Promis, so wie hier etwa mit Jürgen Klopp und dem durchschnittlichen CDU-Wähler

Für mich unverständlich, dass sie noch nicht zur Stefanie Giesinger der Polit-Branche geworden ist, zumal sie sowohl großes Herz zeigt, als auch die niederen Instinkte der männlichen Follower bedient und zünftiges bayrisches Holz vor der Hütte präsentiert. Dazu Urlaubsfotos im Bikini und viel Bein. Prognose: Sofern sie nicht im beliebten Ämter-Roulette plötzlich weggelobt wird, gelingt ihr der Durchbruch spätestens mit ihrer eigenen Netflix-Serie "Doro of Berlin".

Heiko Maas 

Obwohl der 1966 in Saarlouis geborene Beinahe-Millennial sich als volksnaher Selfie-Onkel inszeniert, liegt er mit weniger als 18.000 Followern sogar noch hinter Doro Bär. Das hat aber Gründe. Zum einen scheint er Instagram aktuell noch zu oft mit Facebook zu verwechseln und postet fleißig Sprüche auf unifarbenem Hintergrund, zum anderen gibt es seinen Account erst seit September. So gesehen ist er zwar das Schlusslicht der fünf Kandidaten, sollte er aber in diesem Tempo weitermachen, hat er in 15 Jahren so viele Follower wie Dieter Bohlen. Dass viele Deutsche Bohlen für den besseren Außenminister halten, ist dabei nur insofern beängstigend, als dass sich im Gegenzug niemand Heiko Maas in der Jury von DSDS vorstellen mag. Eventuell gelingt es ihm aber auch, der SPD-Legende Rudolf Scharping nachzueifern und über den Umweg Boulevard neue Zielgruppen zu erschließen. Scharping brauchte nur eine Frau, die nicht seine Ehefrau war und einen Pool auf Mallorca und zack: auf dem Cover der "Bunte". 

Maas hat zwar keinen Pool, aber immerhin eine Homestory, die für ähnlich viel Furore sorgte, denn seine Schauspiel-Lebenspartnerin Natalie Wörner hatte sich dafür extra die gemeinsame Wohnung ausstatten lassen. Leider wohl vom Möbel-Discounter Westwing. Für Schauspieler sind solche Deals normal, für Minister eher schwierig. Auch ein Grund, warum Politiker nur mittelgute echte Influencer werden können. Prognose: Anders als Scharping, zu dessen Zeiten es noch kein Instagram gab und der deswegen ständig bei der Tour de France rumhängen musste, reicht es für Maas aus, einfach nur neben einem eBike zu stehen, um genau so viele Menschen zu erreichen. Darum wird er - anders als Scharping - seinen Ministerposten behalten und Doro Bär demnächst eingeholt haben. Es sei denn, Frau Bär trennt sich von Ihrem Ehemann und beginnt eine heiße Liaison mit Alexander Dobrindt. Nein, kleiner Spaß. Um überdurchschnittlich Follower zu gewinnen, müsste es schon Justin Bieber sein. Oder Robert Geiss. Aber da sei Carmen vor! 

Angela Merkel 

Ja, auch sie ist Influencer. Und das schon seit Sommer 2015. Für eine deutsche Politikerin also quasi ein Early-Adopter. Aus unerfindlichen Gründen nennt sie sich auf Instagram @Bundeskanzlerin, was in zweierlei Hinsicht dem Weg an die Spitze der Influencer-Welt im Wege steht. Zum einen wird sie, das hört man jedenfalls aus gut unterrichteten Kreisen und von Jens Spahn, nicht ewig Kanzlerin bleiben. Was passiert dann mit dem Account? Nennt sie sich in @ExBundeskanzlerin um? Und zum anderen hätte sie als @Mutti heute schon mehr Follower als Kendall Jenner und Selena Gomez zusammen. Trotz dieser Amateurfehler bei der Konzeption ihres Auftritts ist sie unangefochtene Spitzenreiterin im Bundestags-Follower-Ranking. Sie geht stramm auf die 800.000-Grenze zu und hat damit etwa 36 mal so viel wie Doro Bär. Was ja auch etwa der politischen Bedeutung der beiden entspricht. 

Echte Influencer-Qualitäten kann Merkel allerdings nicht vermitteln. Ihr Feed besteht zu größten Teilen aus Video-Sequenzen ihrer Reden und einer stattlichen Anzahl an Blazern in unterschiedlichsten Farben. Natürlich trifft sie auch viele bekannte Menschen, Staatsoberhäupter etwa, Nationalspieler oder auch mal den Papst. Aber sie schafft es nicht, daraus Engagement-Symbiosen zu generieren. Der Papst hat übrigens 5,8 Millionen Follower, also etwa sieben mal so viele wie Angela Merkel. Gut, er hat auch keinen Friedrich Merz im Rücken. Der Papst ist auch der einzige auf Instagram, der noch weniger abwechslungsreiche Kleidung trägt, als die Kanzlerin. Meine Prognose: Merkel wird ihre Pole-Position in Deutschland zumindest so lange verteidigen, wie sie im Amt bleibt. Um auch für die Zeit danach vorzusorgen, könnte sie mit ein paar Gewinnspielen für mehr Interaktion auf ihrem Kanal sorgen. Vielleicht ein paar signierte Gesetzesentwürfe oder mal ein Jahr von allen Steuern befreit zu werden? Das käme gut an. Und Merkel kann es gebrauchen, denn im internationalen Vergleich zu ihren Kollegen sieht es ziemlich mau aus. Selbst Emmanuel Macron hat fast doppelt so viele Follower – und der ist erst auf der politischen Bühne aufgetaucht, als Merkel schon so etwa 58 Bundestagswahlen gewonnen hatte.

Christian Lindner

Der Wuppertaler Überflieger, der in diesen Tagen seinen 40. Geburtstag und seinen 110.000. Follower feiert, inszeniert sich gerne als Entertainment-Posterboy. Ob beim Casting für den Film "Der Junge muss mal raus",  als Carsten Maschmeyer-Ersatz bei "Die Höhle der Löwen"  oder beim Setzen von neuen Modetrends - Lindner ist die Taylor Swift der deutschen Instagram-Politiker. Und das zu Recht, denn was viele noch nicht wussten: Lindner ist auch Teil des lange ersehnten Comebacks der Backstreet Boys. Kein Wunder also, dass er stets zwei Handy-Kameras dabei haben muss, die ihn rund um die Uhr filmen. Prognose: Gelb ist aktuell populärer als je zuvor. Das liegt zwar in erster Linie an Borussia Dortmund, aber im Windschatten des kommenden Deutschen Meisters wird Lindner seinen Triumphzug durch die Social Media Kanäle fortsetzen. Jedenfalls so lange, bis Donald Trump ihn zu populär findet und seinen Bro Putin einige hunderttausend Hater-Bots auf ihn ansetzen lässt. Aber selbst wenn das passiert, bleibt eins für immer unumstößlich: Christian Lindner sieht auf Instagram-Wahlplakaten überraschend gut aus. 

Cem Özdemir

Der einzige Politiker mit Migrations-Hintergrund in unserer Liste ist in der türkischen Hochburg Bad Urach am Fuße der Schwäbischan Alb geboren und erreicht knapp 34.000 Follower. Das sind ungefähr drei mal so viele Menschen, wie Bad Urach Einwohner hat. Er zeigt sich Influencer-sicher unter anderem stets selbstironisch und kokettiert auch gerne mit seiner vegetarischen Ernährungsweise. Er kennt aber auch die Schattenseiten des Polit-Geschäfts. 2002 trat er im Zusammenhang mit der Bonusmeilen-Affäre von allen Ämtern zurück. Als vorausschauend denkender Mensch (Wahlslogan "Zukunft wird aus Mut gemacht", auch wenn der ein bisschen von Nena geklaut ist) baut er aber vor, hat sich über die Jahre ein zweites Standbein als DJ aufgebaut und spielt eine der Hauptrollen in der Neuverfilmung von "Der Pate". Lediglich sein Ausflug in die Fashion-Branche, der in einer eignen Mützen-Kollektion mündete, blieb nicht von Erfolg gekrönt

Er zeigt sich oft in Fußball-Stadien und gilt als glühender Verehrer des VfB Stuttgart. Das zeigt er gerne auf Instagram und spielt sich somit in die Herzen schwäbischer Fußball-Fans. Die Affinität zum gepflegten Rasensport kommt nicht von ungefähr. Sein Zwillingsbruder Fredi war lange Nationalstürmer und ist heute Sportchef bei Eintracht Frankfurt. Prognose: Gesunde Ernährung, nachhaltige Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit. Im Buzzword-Bingo des Zeitgeistes liegt Cem Özdemir klar in Führung. Als Schwabe mit türkischen Wurzeln, liberaler Muslim und mit pechschwarzen Haaren hat er es aber in den von AfD-Propaganda aufgehetzten Kommentarspalten schwerer, als etwa der blauäugige Christian Lindner. Immerhin hat er aber von den fünf Kandidaten den abwechslungsreichsten Content auf Instagram – was der Schlüssel zu eine beherzten Aufholjagd auf Platz 2 werden könnte. 

Fazit

Im reinen Follower-Ranking sieht das Ergebnis also eindeutig aus: Merkel vor Lindner, Özdemir, Bär und Maas. Bei Influencer-Qualitäten verschiebt sich das Bild signifikant: Özdemir vor Lindner, Merkel, Bär und Maas. Die Grünen holen inhaltlich die CDU ein, wandeln diesen Vorsprung aber nicht in zählbare Erfolge um. Am Ende entscheidet der Kanzlerinnen-Bonus und allen sitzt Christian Lindner im Nacken. Insofern ist Instagram ein durchaus geeignetes Abbild der gesamten Politiklandschaft. So viel aber jetzt dazu, nächste Woche geht es wieder um die Fashion Week. Versprochen.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie