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Maries Modelcheck: Heidis Mädchen übernehmen die Fashion Week

Günther Klums Club der Knebelverträge nutzt die Gunst der Stunde und macht in Abwesenheit aller Top-Influencer die Modewoche in Berlin zu einem Heimspiel für Germany's Next Topmodel.

Lena Gercke auf der Fashion Week

Lena Gercke bei der Modepräsentation des Labels "Marc Cain" während der Fashion Week in Berlin

Es sind GNTM-Wochen in Berlin. Während man in den vergangenen Jahren stets an einer Hand abzählen konnte, welche ehemaligen Heidi-Klum-Kandidatinnen es in Berlin auf die Laufstege schaffen, wird diese Saison zu einem Triumphzug der Mädchen aus dem ProSieben-Nachwuchsmodel-Stall. Sie bevölkern die Catwalks so ziemlich aller Designer, sitzen in den Front Rows und tanzen auf den Partys. Mittlerweile ist es einfacher, in Berlin einer Teilnehmerin von zu begegnen, als ein Taxi zu bekommen. Heidi Klum, der stets vorgeworfen wurde, ihr Format würde bestenfalls Dschungelcamp-Aspirantinnen und ein paar Taff-Moderatorinnen hervorbringen, aber keinesfalls Models, die wirklich für relevante Designer arbeiten, liegt derweil vermutlich euphorisiert an irgendeinem Traumstrand. Mit ihrem Vito. Also, dem Schnabel, nicht dem Transporter.

Thomas Keanu Hayo-Reeves

Die Fashion Week Hotspots, allen voran das Kaufhaus Jandorf, dass auch für die Sommersaison 2018 wieder offizieller Hauptschauplatz der Berliner Modewoche ist, haben eine höhere GNTM-Kandidatinnen-Dichte, als das Telefonbuch von Michael Michalsky. Aber auch im regulären Stadtbild, abseits der Laufstege, beherrscht GNTM die Wahrnehmung. Die größten Werbeflächen der Stadt sind gepflastert mit gigantischen Billboards, auf denen der Film "John Wick 2" angepriesen wird. Auf dem Filmplakat meint man stets, Thomas Hayo zu erkennen. Warum auch nicht? Die drei, vier Monate GNTM-Dreharbeiten im Jahr können das Wahl-New-Yorker Allround-Genie ja niemals auslasten. Warum also nicht Hollywood? Gut, wenn man ganz genau hinschaut, ist es vermutlich nur Keanu Reeves mit einer Thomas Hayo Gedächtnisfrisur, aber das tut dem Kern der Sache ja keinen Abbruch: ist Topmodel-Land. Zumindest während der Fashion Week dreht sich also Roger Willemsen im Grabe um und bei Günther Klums "Modelagetur" OneEINS klingelt es in der Kasse.

GNTM Takes Over

Serlina Hohmann beispielsweise, dieses Jahr als Vize-Topmodel nur hauchzart am Gesamtsieg vorbeigerauscht, schließt die Show bei Maisonnoée. Traditionell ist es für ein Laufsteg-Model eine besondere Ehre, eine Show zu eröffnen, also als erstes Model raus zu kommen (First on the Runway) oder sie zu beschließen, also das letzte Outfit der gesamten Kollektions-Vorführung zu präsentieren (Closing the Show). Mehrere Shows liefen außerdem Romina Brennecke oder 2017er-Gewinnerin Céline Bethmann. Stammgäste auf den wichtigsten Shows und Partys waren unter anderem Vanessa Fuchs (Gewinnerin von 2015, ließ sich STEINROHNER nicht entgehen), Julia Wulf, Kim Hnizdo, Marie Nasemann, Elena Carriére, Fata Hasanovic oder Anuthida Ploypetch. In Abwesenheit der großen Fashion-Influencer, denen die Fashion Week Berlin mittlerweile zu klein geworden ist und die sich lieber auf den Modenschauen in Paris (Caro Daur, Leonie Hanne, Nina Suess, Xenia Overdose), an Urlaubsstränden auf Korsika (Marina the Moss) oder Bali (Pamela Reif) rumtreiben, hat die "Es kann nur Eine Germany's Next Topmodel werden"-Squad ihre Chance genutzt und die Modewoche fest an sich gerissen.

Die dreifache Giesinger

Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass GNTM seinen Kandidatinnen in Zukunft zumindest den Weg in den Influencer-Olymp ebnet. Womöglich sogar als Model. So, wie es Stefanie Giesinger widerfahren ist. Eine Weile sah es so als, als würde sie sich auf ihren 2,8 Millionen Instagram-Followern ausruhen und eine ruhige Payed-Posting Kugel schieben. Der Turnaround zu einer brauchbaren Model-Karriere ist ihr dennoch gelungen. Zur Sommersaison in Berlin ist sie auf dem Back to the Roots Trip. Auf der Modewoche läuft sie für die Tribute-Hommage an Gianni Versace und schmückt gleichzeitig das Cover der "Cosmopolitan" Facebook-Issue, die von Leserinnen mitgestaltet wurde. Eben jenen Titel, auf dem sie damals als frisch gebackene GNTM-Siegerin ihr Mode-Magazin-Debüt gab. Und das gleich in drei verschiedenen Versionen. Drei verschiedene Versionen für die selbe Frau, das kennt man ja sonst nur von Eheverträgen bei Boris Becker. Mit MUSE NYC hat Giesinger, der bislang keine Verbindungen zum ehemaligen Wimbledon-Sieger nachgewiesen werden konnten, mittlerweile sogar eine Model-Agentur in New York, die sie in den USA vermarktet.

Katalysator Castingshow

Ist GNTM also nach 12 Jahren endlich der Model-Karriere-Katalysator geworden, der schon von der Debüt-Staffel an propagiert wurde? Oder trügt der Schein, da der Kurs der Mädchen aus dem Stall von Modelmama Heidi Klum aktuell lediglich eine Hausse erlebt, weil Caro Daur und Co aus der provinziellen und im Context der in Paris, London, New York und Mailand möglicherweise etwas schwächelnden Berliner Ausgabe heraus gewachsen sind? Nun, solange die deutschen Influencerinnen jenseits der magischen 500.000 Follower-Marke weiterhin nach Paris gerufen werden, wird ihre Motivation, sich statt bei Elie Saab oder Tommy Hilfiger sehen zu lassen und damit in den internationalen Fokus zu rücken, lieber bei Marc Cain oder Laurél in der Front Row zu sitzen, womit sie es maximal in die "Grazia" schaffen, nicht sonderlich groß sein.

Gelegenheit macht Influencer

Die GNTM-Clique kann also für die Berliner Fashion Week auch zukünftig ihre neue Carte Blanche ausspielen. Und sie ist zusätzlich mit einer Art regenerativen Nachwuchs-Energie ausgestattet. Denn selbst wenn die eine oder andere Protagonistin der aktuellen Riege bald ebenfalls den Sprung ins internationale Influencer-Geschäft schaffen sollte und der Hauptstadt zukünftig fernbliebe, erneuert sich das Portfolio aus der Klum-Schmiede jedes Jahr mit jeder neuen Staffel GNTM um zwei Dutzend neue Social Media Stars, die das "Manager Magazin" dann danach fragen kann, ob sie ihre Influencer-Einkünfte auch ordentlich versteuern.

Diese Saison zeigt also eines mehr als alles andere: Es ist egal, ob der Sommer in den Kollektionen als karibisch, blumig, bunt oder klassisch dargestellt wird. Kollektionen kommen und gehen. Trends entstehen und vergehen. Einige kommen wieder, andere bleiben in den ewigen Fashion-Jagdgründen – zumeist zu Recht – verschollen. Der Strom von blutjungen Mädchen, die zu allem bereit sind, um schnell an die Futtertröge der Influencer-Glitzerwelt zu gelangen, wird aber niemals versiegen.

Nach der Fashion Week ist vor der Fashion Week

Und obwohl die Sommer-Woche noch läuft, freue ich mich sogar jetzt schon auf den Januar 2018, wenn die Karawane der Schönen, manchmal sogar Reichen, zumindest aber häufig sehr exaltiert gekleideten Fashion-Jünger wieder zur nächsten Fashion Week in die Hauptstadt zurück kehren. Dann wird Winter sein, die nächste Generation GNTM-Mädchen wird sich mitten in den Dreharbeiten zur 13. Staffel befinden und noch weitestgehend unentdeckt erste Gehversuche auf den Laufstegen rund um die Spree machen.

Der Winter-Zirkus wirkt oftmals sogar noch hektischer, weil das Wetter meist schlechter ist und die Fachbesucher, Models, Blogger, Journalisten, Papparazzi, Fans, Zaungäste, Wichtigtuer, Influencer, Einkäufer, Kunden und Designer, und wer sich eben noch so auf den Modewochen rumtreibt, sich darum weniger in Parks, auf Dachterrassen, in Biergärten oder auf Flaniermeilen aufhalten können. Alles kumuliert in der Show-Location, den Off-Location-Runways und den Partys. Und ich werde natürlich wieder mitten drin sein, um mit wissenschaftlicher Präzision die neusten Entwicklungen im Mode-Kosmos zu dokumentieren. Das wird großartig.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie  

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