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Maries Modelcheck: Zivilcourage gegen die Erniedrigungen: Was wir vom Fall Weinstein lernen können

Harvey Weinstein, John Casablancas, #MeToo und die Erkenntnis, dass nicht alles, was nicht strafbar ist, gleichbedeutend mit 'einvernehmlich' ist. Und was wir vielleicht tun können.

Spätestens mit dem Untergang von John Casablancas, dem Gründer der Model-Agentur Elite im Jahr 2000, ist das Thema sexuelle Nötigung offiziell im Model-Geschäft angekommen. Ausgerechnet dem Mann, der aus hübschen Mädchen hochbezahlte Topmodels gemacht hat, wurde ein System skrupelloser Gefügigmachung durch Drogen und sexueller Nötigung nachgewiesen.

Vor Casablancas Einzug in die Fashion-Welt waren Models schlecht bezahlte Kleiderständer, die für eine miserable Standard-Gage gebucht wurden und in schäbigen Apartments am Rande des Existenzminimums lebten. Casablancas revolutionierte die Branche, schaffte Standard-Honorare ab und führte die Verhandlungen für jedes seiner Mädchen persönlich. Die Gagen explodierten und schon nach kürzester Zeit erfreuten Models wie Linda Evangelista die Feuilletons mit Sätzen wie: "Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf". Der Mythos Supermodel war geboren und aus Christy Turlington, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Kate Moss und Claudia Schiffer wurden die "Big Six". Sie regierten die Welt.

Bad Sex vs. Big Six

Abseits der Königinnen einer neuen Traumwelt sah es allerdings nicht ganz so glamourös aus. Hier hieß der Leitspruch eher: "Mit weniger als 10.000 Erniedrigungen durch zweifelhafte Angebote kannst Du deine internationale Modelkarriere vergessen." Casablancas war Herrscher über ein System geworden, das es reichen, optisch eher unsympathischen Möchtegern-Playboys ermöglichte, mit den heißesten Frauen der Branche anzubandeln. Kokain, andere Drogen sowie Macht und Branchen-Einfluss waren die Katalysatoren einer widerwärtigen Subkultur, die sich unter dem glitzernden Mantel der Modewelt etablierte. Junge Models wurden in mondänen Hotel-Suiten oder auf opulenten Parties ausgenutzt, bedrängt und belästigt. Und schwiegen. Zu groß die Mischung aus Angst, Scham und der Hoffnung auf eine Karriere.

Harvey Weinstein, der Sex-Pate von Hollywood

So funktionierte offensichtlich auch die Welt von Harvey Weinstein. Das System Hollywood mit tausenden von jungen Mädchen, die täglich nach Los Angeles ziehen, um Schauspielerin zu werden, zeigt große Parallelen. Unter diesen Aspirantinnen sind übrigens überdurchschnittlich viele Models. Sie wissen, die Halbwertszeit als weibliches Model tritt sehr schnell ein. Und die Karriere könnte bereits vorbei sein, wenn ihre Schulfreunde gerade erst das Studium beenden.

Für einen Mogul wie , auf dessen Konto mehr als 80 Oscars und noch mehr große Karrieren gehen, ist diese Konstellation aus Hoffnungen und Träumen ideal. Es ist seine Eintrittskarte in eine Welt aus Übergriffen, Bedrohungen und Belästigungen, die es ihm über Jahrzehnte ermöglichte, unbehelligt junge Frauen ausnutzen, ohne je irgendeinen Schaden davon zu tragen. Im schlimmsten Fall erkaufte er sich das Schweigen seiner Opfer. Für den Multimillionär kein viel größerer finanzieller Schaden als für uns Normalsterbliche eine Tankfüllung. So oft allerdings musste er sein Scheckbuch vermutlich nicht mal ziehen. Sehr viel häufiger wird er es mit seiner imposanten, furchtbaren, ekelerregenden Art geschafft haben, junge Frauen so einzuschüchtern, dass sie es für einen notwendigen Karriereschritt hielten, seine Spielchen mit zu spielen. Mit einem dicken, hässlichen Mann nackt zu duschen und ihn anschließend zu massieren zum Beispiel.  


Nur juristisch "einvernehmlich"

Ein Mann, der die Grenzen einer Frau überschreitet, ist jämmerlich. Jemand, der eine exponierte Stellung ausnutzt, um systematischen Raubbau an der Würde und den Körpern von jungen Frauen zu betreiben, die er mit Karrierechancen ködert, ist Abschaum. Versteht mich nicht falsch. Jede Art und Weise von Belästigung oder Nötigung ist schlimm und gehört verurteilt. Zumindest gesellschaftlich, denn oftmals reichen wirkliche Gesetze ja nicht aus. Harvey Weinstein zum Beispiel wird die beschriebenen Szenarien vielleicht als "einvernehmlich" kategorisieren. Und juristisch damit in den meisten Fällen vermutlich sogar richtig liegen. Dass diese Frauen für den Rest ihres Lebens mit der Angst, dem Ekel und einem für nicht Betroffene vermutlich in keiner Weise nachempfindbaren emotionalen Ballast leben müssen, ist ihm und dem Gesetz egal.

Die Antwort liegt auch bei uns

Daher ist es auch wichtig, dass die Gesellschaft sich ändert, dass wir uns ändern. Dass wir Täter identifizieren und benennen. Opfer schützen und betreuen. Es kann nicht sein, dass weltbekannte Modeschöpferinnen wie Donna Karan den Mädchen, die von Harvey Weistein oder seinen zahllosen Brüdern im Geiste erniedrigt wurden, eine Mitschuld geben. Es sei vielleicht die offenherzige Kleidung, das aktive Flirten oder das exzessive Feiern, welches eben diese Signale aussende. Und Karan steht hier nur als prominentes Beispiel aus der Fashion-Branche. Die Sichtweise, dass man halt keinen kurzen Rock tragen sollte, wenn man keine fremde Hand zwischen den Schenkeln mag, ist leider überall auf der Welt, auch hier bei uns, sehr weit verbreitet.

Und da müssen wir ansetzen. Daher schätze ich Hashtag-Aktionen wie #MeToo. Was erst mal klingt wie eine lustige neue App von einem Berliner StartUp hat einen wesentlich ernsteren und weniger amüsanten Hintergrund. Losgetreten durch einen Tweet von Alyssa Milano wurde vielen die Häufigkeit und Verbreitung sexueller Nötigung erst bewusst. Andere ahnten es, viele wussten es. Viel zu viele mussten es selber erleben. Eines lehrt uns #MeToo in jedem Fall: Belästigung, Nötigung, Übergriffe sind kein Phänomen der Model- oder Filmbranche. Die Besetzungscouch ist in diesen Branchen kein Klischee oder urbane Legende. In einer Welt, wo sich jeder, der ein Smartphone hat, Fotograf nennen kann, werden stündlich Mädchen mit dem großen Traum, die nächste Cara Delevingne oder Toni Garrn zu werden, zu Dingen überredet, bei denen sie sich unwohl fühlen. Aber es passiert nicht nur dort - es passiert überall. Im Bus, auf der Arbeit, beim Sport. Im Alltag von jedem von uns. Können wir es tatsächlich zulassen, dass Mädchen und Frauen eigentlich an keinem Ort mehr wirklich sicher sein können?

Zivilcourage heißt auch, aufeinander aufpassen

Dass es für den Alltags-Belästiger, der im Vorbeigehen mal "na Du geile Sau“ flüstert, formal kaum eine Chance gibt, ihm das zu untersagen oder ihn gar zu bestrafen, ist kein Freifahrtschein dafür, es eben akzeptieren zu müssen. Wir alle können diese Atmosphäre des Unwohlseins bekämpfen. Stellt Euch mal vor, alle Regisseure, Schauspieler, Produzenten, Studiobosse – einfach alle, die Harvey Weinstein über all die Jahre begleitet haben und von seinem Verhalten wussten, davon ahnten oder zumindest darüber gehört hatten, hätten ihm bei jeder Gelegenheit gesagt, er müsse das umgehend lassen, denn andernfalls hätte er mit schlimmen Konsequenzen zu rechen. Vielleicht hätte es nicht fast 25 Jahre gebraucht, bis sein Kartenhaus einstürzt.

Vielleicht schaffen wir es, aus diesem aktuellen großen Beispiel an Niedertracht noch eine einzige gute Sache heraus zu arbeiten: Den unbedingten Willen, immer wachsam zu sein und nichts für zu lapidar zu betrachten, was Mädchen und Frauen in unserer Umgebung passiert. Ich glaube daran, dass unsere Gesellschaft es schafft, ihre Lehren zu ziehen. Sobald wir spüren, dass sich irgendwo ein Mensch wegen eines anderen unwohl fühlt, sollten wir einschreiten. Und wo dieses Unwohlsein beginnt, wo die berühmte rote Linie überschritten wird, das entscheiden nicht wir. Das entscheiden die Betroffenen. Jeder hat andere Limits, die er aushalten kann. Wenn ich bei jedem " sind doch auch nur besser bezahlte Nutten - na, was kostet es mit Dir?" ausrasten würde, könnte ich meinen Beruf schon lange nicht mehr machen. Anderen ist aber bereits schon ein "Na, Mäuschen?" zu viel. Es ist nicht an uns, zu beurteilen, in welche Kategorie die Schwere der Belästigung fällt. Wir sind lediglich angehalten, jeder Belästigung Einhalt zu gebieten.

Lernt, andere zu stoppen

Meine Erfahrung zeigt, dass niederträchtiges Verhalten im Alltag oftmals auch ein Akt der Selbstbestätigung ist. Ein paar eigentlich harmlose Jungs trinken auf einer Party zu viel und einer beginnt, Mädchen billig anzubaggern und anzufassen. Seine Freunde johlen und verbuchen dieses Verhalten als Partyspaß. Der Täter fühlt sich bestätigt und sonnt sich in seiner eigenen Coolness. Dass die Party für das betroffene Mädchen möglicherweise in einem emotionalen Fiasko und im schlimmsten Fall mit Angst vor der nächsten Party endet, daran verschwendet er keinen Gedanken. Sollte er aber. Und wenn er dazu nicht fähig ist, müssen wir das tun. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder fehlendem Verständnis für Spaß, wenn man andere - ob Freunde oder Fremde - darauf hinweist, dass eine bestimmte Grenze nicht überschritten werden darf.

Das sollten wir alle verinnerlichen und bei jeder Gelegenheit anwenden. Wenn eines Tages nach der Maxime gelebt wird, dass nicht alles, was nicht strafbar ist, gleichbedeutend mit "einvernehmlich" ist, könnten wir alle in einer schöneren Welt leben. Im Model-Business, in , aber auch in den Straßenbahnen, Cafés, Abi-Parties und auf den Bürofluren des normalen Alltags. Das ist für mich auch eine Botschaft, die sich aus #MeToo ergibt.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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