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Maries Modelcheck: Ein Jahr voller Peinlich- und Eitelkeiten

2017 war ein grandioses Jahr. Jedenfalls für Freunde der gepflegten Fashion-Kolumne. Der exklusive Rückblick auf 52 Wochen voller Schönheit, Peinlichkeiten und Eitelkeiten arbeitet die Highlights des Jahres nochmals auf. Heute: Der erste Teil - Januar bis Juni.

Von Marie von den Benken

Maries Modelcheck

Mit "Germany's next Topmodel" hat das Jahr eigentlich erst begonnen, schreibt Marie von den Benken in ihrem Jahresrückblick.

Das war also 2017. 52 Wochen Fashion-Beobachtungen hier in eurer Lieblingskolumne sind rum und so reihe auch ich mich heute ein in die Riege von Jahresrückblicken. Der Januar hat zwar schon begonnen und irgendwie habe ich das Gefühl, die Konventionen der Unterhaltungsbranche schreiben eher vor, dass man sich auf die Zukunft und das neue Jahr zu konzentrieren habe, aber ich schreibe ja auch keine Rezension eines Restaurants, wenn ich das Dessert noch nicht probiert habe.


Das Jahr 2017 begann hier mit dem Thema "Promi-Kinder-Models". Kinder, die mit dem Katalysator in die Branche spülen, Stars als Erzeuger zu haben, gelangen oft schneller ans Ziel. Sie haben einen höheren Wiedererkennungswert, erzeugen so schneller Reichweite und die vielen Türen, die der berühmte Papa oder die berühmte Mama vielleicht leichter öffnen kann, als wenn die Eltern Busfahrer in einem Kaff in Ohio sind, sind sicher auch kein Nachteil. Bestes Beispiel vor Jahresfrist war Kaia Gerber. Die Tochter von Cindy Crawford ist ein Paradebeispiel. Damals knapp eine Millionen Follower und außerhalb der USA noch kaum bekannt, folgen ihr heute 2,6 Millionen Menschen auf Instagram und sie ist aus den Klatschspalten der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Die "Bild" beispielsweise hat sich ihre ziemlich langen Beine zum Fetisch gemacht. 

Januar – Februar 2017

Der Januar 2017 ging weiter mit der Fashion Week in Berlin und der ernüchternden Feststellung, dass die Jobquote (also wie viele Jobs sich aus wie vielen Castings ergeben) für junge Models während der Modewoche bei etwa 1:20 liegt. Schlechter sind eigentlich nur die Beliebtheitsquoten für Donald Trump. Im Februar ging es dann um Musikvideos, in denen Models mitwirkten. Und dann, zack: Nach 271 Tagen und 1260 Minuten schmerzvoller "Ich habe heute leider kein Foto für dich"-Entbehrungen gingen Heidi Klum und ihr Potpourri an Model-Kandidatinnen bei "Germany's Next Topmodel" wieder an den Start. Das Jahr hatte für diese Kolumne quasi in dem Moment erst richtig begonnen. GNTM hielt uns hier an dieser Stelle bis weit in den Mai hinein in Atem. Es gab so viel zu erzählen in den 14 Wochen. Erstmals startet die Staffel auf einem Kreuzfahrtschiff. Entsprechend müssen alle Neumodels erst mal live im TV schiffen. Also einschiffen, und Heidi Klum kürt ihre erste Favoritin, indem sie Kandidatin Laetitia konsequent nur "Laetittssia" nennt. Noch in derselben Startfolge biedert sie sich dann der aktuellen Jugendsprache an und haut ein "1 kleines bisschen mehr heißer, vom Body her!" raus. Ihr seht: GNTM war vom ersten Tag an Gold für Kolumnen wie diese.

In der zweiten Folge verteilt Modelmama Klum dann Top-Komplimente wie "Toll, wie du deinen Fuß gespreizt hast" oder "wenn die Beine so raus kommen aus deinem Kleid, das sieht gut aus". Ob sie das 2018 toppen kann? Vielleicht mit einem "dass dein Hals zwischen deinen Schultern liegt, ist echt ein großer Vorteil" oder einem "wenn du nur Unterwäsche trägst, sieht man toll, dass du keine Jeans anhast".

Der Februar war außerdem der Monat, in dem Sprachtherapeutin Heidi Klum vom Plusquamperfekt langsam langweilig geworden war. Mit der Anweisung "Tut ihr mal die Plätze tauschen" eröffnet sie eine ganz neue Rhetorik-Rubrik.

März-April 2017

Der März startet mit etwas, das stets immer so überraschend kommt, wie ein Facebook-Posting von Til Schweiger mit weniger als 400 Ausrufezeichen: dem Umstyling. Eine Ikone der GNTM-Tradition. Kandidatin Lynn mit dem für eine internationale Modelkarriere geradezu prädestinierten Nachnamen Petertonkoker spielt sich mit einem beherzten "Digger, ich mach mir keine verfickte Kurzhaarfrisur" in die Herzen der Twitter-User und der Jury. Über den März kristallisieren sich dann auch die Format-typischen Zicken-Rollen heraus. "Laetittssia" erhält den Läster-Joker, Carina den Nerv-Award. Céline dagegen, die spätere Siegerin, arbeitet fleißig gegen das Klischee "Schön = Dumm" an und stellt fest: "Das ist hier gar nicht so leicht, wie man aussieht". Außerdem betritt die Choreographin Nikeata Thompson erstmals die GNTM-Bühne und kratzt mit Sätzen wie diesen direkt mal spürbar an Klums Ratschlag-Thron: "Komm Melina, nimm deinen Bauchnabel mit." 

Der dritte Monat des Jahres wartet aber mit noch weiteren Highlights auf. Juror Michael Michalsky, offensichtlich ProSieben-Fremdwortbeauftragter, erklärt den Synchron-Walk: "Das ist, wenn beide Models das gleiche machen." Besser wird es nur noch beim Nacktshooting, einem weiteren Meilenstein der GNTM-Historie, der in jeder Staffel Quotenrekorde garantiert. Spätestens seit Emily Ratajkowskis Auftritt im "Blurred Lines" Musikvideo weiß man ja, was ein paar hüpfende Brüste alles bewirken können. Also machen alle mit und die lahmen Versuche, doch einen BH anbehalten zu dürfen, werden vom als Star-Fotografen vorgestellten Christian Anwander mit einem lapidaren "Wenn das Model ungerne nackt ist, dann ist sie im falschen Beruf" abgekanzelt.

Mai – Juni 2017

Bevor am 25. Mai die Siegerin ausgerufen wird, müssen noch viele Klischees bedient werden. Die als "Transgender-Model" hochgejazzte Giuliana beispielsweise kämpft dagegen, als Model für blöd gehalten zu werden: "Man hat Angst, dass man sich versprechen tut und blöd rüber kommt." Anschließend überrascht die von ihrem Coach Thomas Hayo durchaus aussichtsreich positionierte Greta mit ihrem freiwilligen Ausstieg. Sie vermisst ihren Freund und hat Angst, er würde während sie um den Titel kämpft, heimlich Stripclubs besuchen. Aber warum sollte er? Wenn er halbnackte Frauen sehen möchte, die sich im schummrigen Licht alter Scheinwerfer komisch verrenken, könnte er doch weiter Greta bei Bikinishootings zugucken.

Egal, Greta geht – oder wie man in London sagt: "Grexit". Mit ihr gehen Sätze wie "ich lasse den Tag jetzt noch ein bisschen durch mich ziehen" und damit auch ein Stück Faszination der Schlichtheit. Apropos Schlicht: Gastjuror Wolfgang Joop schlendert im Mai durch die Staffel und adelt Kandidatin Serlina im Vorbeigehen: "Serlina? Hört sich an wie eine Alpenziege". Heidi Klum möchte da in nichts nachstehen und attestiert Anh, sie "atmet wie ein Karpfen". Gut, Fans von "The Voice of Germany", dem zweiten Format, das neben GNTM auf ProSieben noch relevante Quoten einfährt, hätten vielleicht gesagt "besser so atmen, als so aussehen" (unwitziger Yvonne-Catterfeld-Diss eingebaut: Check!), charmant ist aber trotzdem etwas anderes.

Spät in der Staffel hat dann noch Mehmet Scholls kleiner Bruder, der Designer Philipp Plein. seinen Auftritt und Automobilhersteller Opel verschenkt ein paar Adams. Mit einem Blick auf das Konzernergebnis könnte man meinen, dass Opel das schon eine ganze Weile grundsätzlich so macht, aber wir sind ja hier eine Fashion-Kolumne und keine Wirtschafts-Analysten.

Finale, ohoooo, Finale, ohohohohoooo

Am Ende stehen sich Romina, "Laetittssia", Serlina und Céline im Finale gegenüber. Vier Finalistinnen. Drei Mädchen werden dann noch in Echtzeit während der Live-Show aus der Fashion-Metropole Oberhausen aussortiert. Denn als besonderer Clou dieser Staffel kann nur eine Germany's Next Topmodel werden. Und als ob das nicht traurig genug wäre, müssen die vier ihren wichtigsten Walk antreten, während James Blunt singt. Céline gewinnt das letzte "Cosmopolitan"-Cover. Dieses Jahr wird ja nach zwölf Jahren erstmals ein neuer Medienpartner das Gewinner-Cover stellen. Dazu aber später mehr. Nächste Woche geht es hier erst mal weiter mit dem Rückblick auf die Monate Juli bis Dezember 2017.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie 

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