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Maries Modelcheck: Pretty-Woman-Falle - wenn die Modelfreundin einen 63-jährigen Gönner hat

Models sind jung, wunderschön und gelten als begehrte Trophäen. Das führt zu erstaunlichen Konstellationen. "Pretty Woman" ist eine davon. Die Geschichte von Sophie und ihrem 63-jährigen Freund.

Von Marie von den Benken

Julia Roberts und Richard Gere

Eine Szene aus "Pretty Woman": Julia Roberts und Richard Gere

Das erste Mal geredet habe ich mit Sophie bei einem für eine Parfum-Kampagne. Das war 2006. Wir haben den Job beide nicht bekommen, wurden aber Freundinnen. Das passierte mir damals nicht oft in diesem Business, in dem die anderen als Konkurrentinnen wahrgenommen werden. Ich kannte Sophie von Partys. Sie war dieses perfekte Mädchen. Wenn ich in der "Vogue" von einer neuen It-Bag las - Sophie hatte sie schon. Das goldene Motorola-Handy - sie zog es aus ihrer Hermès-Tasche. Wie sie sich das leisten konnte war mir egal. Vermutlich hatte sie einen reichen Freund oder gönnerhafte Eltern.

Sophie war eines der schönsten Mädchen, die ich je getroffen habe. Und ich kannte viele wunderschöne Mädchen aus allen Teilen der Welt. Sie sah aus wie eine junge , nur größer. Ihre langen braunen Haare, ihr perfekter Teint und ihre riesigen braunen Augen machten sie zu einer exotischen Sensation. Neben ihr kam ich mir immer vor wie Oliver Pocher neben Ryan Reynolds. Aber das war okay, denn Sophie war einer dieser seltenen Menschen, die sich nie selber in den Mittelpunkt stellten. Sie wohnte mit ihrem Freund Kai in einer Penthouse-Wohnung am Harvestehuder Weg. Mit Dachterrasse und Blick auf die Alster. Links von ihrer Wohnung das amerikanische Konsulat, rechts die Villen von Wolfgang Joop und Jil Sander. In der Zeit, in der ich intensiv mit Sophie befreundet war, haben wir unzählige laue Sommernächte nach Partys auf ihrer Terrasse gesessen, uns frei gefühlt, in Unterwäsche kaltes Bier aus Flaschen getrunken, und uns gefragt, was Jungs wohl dafür geben würden, dabei zusehen zu dürfen. In der Retrospektive eine sehr interessante Frage.

Viele hübsche Models lebten in Hamburg

Mitte der 2000er Jahre war Hamburg voller junger , die in die Stadt strömten. Das Business war rau und es gab viele absurde Auswüchse. Der Inhaber einer großen Agentur hatte ein Haus am Grindelhof in dutzende Miniappartements umbauen lassen und dann zu völlig überzogenen Preisen an die Mädchen seiner Agentur vermietet, die für GoSees und Castings in der Stadt waren. Oder die junge Russin, die zu Jobs im Privatjet aus Moskau einflog. Alleine die Flugkosten überstiegen ihre Honorare deutlich. Ihr damaliger Freund wollte seine Freundin aber sicher und komfortabel reisen lassen. Sie arbeitete nur, um beschäftigt zu sein. Oder vielleicht, weil ihr Freund es mochte, ein internationales Model zu daten.

Es gab Mädchen, die glaubten, wenn sie mit möglichst vielen Fotografen und Kunden schliefen, würde ihnen das Jobs bringen. Und es gab Mädchen, die aus Angst um ihre Figur einen Apfel in vier Teile schnitten, um ihn über den Tag verteilt zu essen. Auch Sophie hatte ihr Geheimnis. Ihr Freund Kai arbeitete für eine Investmentfirma und war immer unterwegs. Sao Paulo, Sydney. Oft wochenlang. Wenn er nach Hause kam, war Sophie meist ein paar Tage verschollen. Sie waren dann in Saint-Tropez oder Paris oder wo man eben so hinfährt, wenn man jung ist und zu viel Geld hat. Ich habe da nie sonderlich drüber nachgedacht. Von Kai kannte ich nur Bilder. Mal oberkörperfrei am Strand, mal schnieke im Anzug. Ein sehr hübscher, überraschend junger Mann. Vielleicht 20. Kaum älter als wir.

Geld oder Liebe?

Ihre Mutter hatte Sophie, als sie aus einem Dorf in der Peripherie von Braunschweig nach zog, geraten, sie solle Spaß haben, modeln, nebenbei studieren, damit ihr auch intellektuell nicht langweilig würde, aber sich vor allem schnell einen reichen Mann suchen und heiraten. Und auf eine gewisse Art und Weise hatte Sophie das auch versucht. Es war ihr nur alles etwas entglitten.

An einem Sonntagmorgen im April, als wir bei ihr zum Sport verabredet waren, öffnete sie mir in dieser klassischen Hollywood-Lovestory-Pose die Tür: Das traumschöne Mädchen, verheult, wirre Frisur. Irgendwas war passiert. Sie beichtete mir, dass Kai eigentlich Karl-Heinz hieß. Karl-Heinz war tatsächlich in der Investment-Branche. Die Firma gehörte ihm sogar. Allerdings war er 63 Jahre alt, lebte mit seiner Frau in und hatte drei Kinder. Seine jüngste Tochter war 12 Jahre älter als Sophie. Die Wohnung an der Alster gehörte ihm. Alle paar Wochen kam er her, um seine Geschäfte abzuwickeln und sich mit Sophie an seiner Seite wie Richard Gere zu fühlen.

Die nackte Wahrheit

Er hatte Sophie im Internet kennen gelernt. Nicht auf einschlägigen Seiten, ganz normal über eine dieser Dating-Plattformen. Er war deutlich älter als ihr Vater, Sophie hatte sich nicht in ihn verliebt. Aber er war sehr großzügig und suchte etwas Langfristiges. Er statte sie mit einem üppigen Taschengeld, der Wohnung und einem BMW-Cabrio aus und sie wurde die Hauptdarstellerin in seinem Zweitleben. Kai von den Bildern war Sophies Exfreund. Er arbeitete als Barkeeper in Hannover und Sophie rief ihn alle paar Monate betrunken an, um ihn zu fragen, was bloß falsch gelaufen war zwischen ihnen. Karl-Heinz ermöglichte ihr ein Leben auf der Überholspur und tatsächlich: Irgendwann überholte sie sich selbst.

Sophie modelte aus Spaß. Finanziell hatte sie es nicht nötig. Sie bekam viele Jobs. Weil sie ein hervorragendes Model war, aber vor allem auch weil sie an Castings einfach nicht so verbissen ran ging, wie die anderen. Nach dem Casting in einen Sportwagen zu steigen und zu seinem Penthouse an der Alster zu fahren entspannt. In der Nacht, bevor sie mir alles erzählte, hatte ihr Gönner mal wieder nach Fotos gefragt. Explizite Fotos. Und wie sie da so vor dem Spiegel stand und versuchte, möglichst erotisch wirkende Selfies von ihrem Körper zu machen, war sie zusammengebrochen. Das Mädchen, das vor den Kameras von Karl Lagerfeld oder Rankin hätte stehen können, fotografierte ihre Brüste für einen Ehebrecher aus Mannheim. In dem Moment hatte sie beschlossen, mir alles zu erzählen und ihr Leben zu ändern.

Ein Model auf der Flucht vor sich selbst

Etwa ein Jahr lang begleitete ich sie bei dem Versuch, sich von ihrem lieb gewonnenen Luxusleben zu emanzipieren. Letztendlich gelang es ihr nicht. Penthouse siegt gegen Gewissenbisse. Sie sah sich ein wenig wie Julia Roberts in "Pretty Woman", Karl-Heinz sah nur nicht ganz so aus wie Richard Gere. Andere Models, die das Ganze nun nach und nach mitbekamen oder erahnen konnten, sahen sie eher wie "Endstation Babystrich" mit mehr Kohle. Letztendlich blieb sie die Luxusgeliebte auf Abruf. Sie hätte jeden Mann haben können, aber sie entschied sich für die schwarze AmEx. Ich war damals sicher, die Entscheidung wäre nur aufgeschoben. Ende 2010 zog sie aber überraschend nach Frankfurt, um den Gerüchten und ihrem bröckelnden Image zu entkommen. Näher zu Karl-Heinz, der sie fortan auch spontan mal am Abend besuchen konnte. Ihr Hamburger Leben ließ sie hinter sich. In gewisser Weise damit auch mich.

Heute geht es Sophie gut. Als ich sie vor zwei Wochen zufällig am Hamburger Hauptbahnhof getroffen habe, trug sie eine Saint Laurent Jacke, die nicht unter 6000 Euro zu haben ist. Wir umarmten uns innig und lange und beteuerten, dass wir uns auf jeden Fall mal wieder treffen müssten. Sie sah gut aus und wirkte aufrichtig glücklich. Ich habe seitdem nichts von ihr gehört. Ich habe mich auch nicht bei ihr gemeldet. Ich weiß nicht warum. Aber ich habe diese Kolumne geschrieben. Ach ja: Sophie heißt natürlich nicht wirklich Sophie. Aber wenn Du das zufällig liest, "Sophie": Ich würde mich freuen, wenn Du dich meldest.

Bis dahin: Alles Liebe, Marie