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stern-Stimme Maries Modelcheck: Modelfalle Messehostess

Eine gute Agentur vermittelt ihren Models Jobs. Als Model. Der Umweg über Einsätze als Messehostess kann ein finanzieller Anreiz sein, nützt aber auf dem Weg zur Modelkarriere gar nichts.

Von Marie von den Benken

Messehostess

Eine Messehostess bei der IAA in Frankfurt am Main.

Was für Temperaturen. Der heißeste September aller Zeiten sorgt deutschlandweit für viel nackte Haut im Straßenbild und matschig gewordene Gehirne. Apropos nackt und Matschhirn: Auch " " ist zurück. Wobei, wenn man bei den Teilnehmern dieses Jahr von "Promi" sprechen kann, darf man mein Auto, in dem sich aktuell etwa 62 halb leer getrunkene Coffee-To-Go-Becher befinden, auch getrost als Starbucks-Filiale bezeichnen. Landet man bei "Big Brother", ist irgendwo auf der Karriere-Strecke etwas falsch gelaufen. Entweder das vorhandene Talent hat sich langfristig als etwa so relevant wie Pullunder als Fashion-Must-Have entpuppt, oder man ist an ein sehr, sehr inkompetentes Management geraten. Wenn es ganz schlecht läuft, beides.

Messen - das "Promi Big Brother" für Models

Prominente sind aber nicht die einzigen, bei denen Karrieren ins Stocken geraten, sobald sie falsch beraten werden. Auch im Haifischbecken der Modelagenturen tummeln sich unzählige äußerst dubiose Vertreter, deren Kompetenz im Modelbusiness in etwa vergleichbar ist mit der Kompetenz von "Wiesenhof" im ethisch korrekten Umgang mit Tieren. Dabei sind die zahlreichen schwarzen Schafe der Branche, die jungen Model-Aspirantinnen hohe Summen für die Produktion einer Sedcard abnehmen oder freizügige Testaufnahmen im Wohnzimmer des Eigentümers anberaumen, nicht mal gemeint. Im Model-Business gibt es einen hohen Konkurrenzkampf. Viele Tausend Models streiten um wenige hundert Jobs. Am Ende machen 20 Prozent der Mädchen 80 Prozent der Jobs. Im Kampf um Honorare und die wirtschaftliche Lebensgrundlage ihrer Klientinnen erweitern viele kleinere Modelagenturen daher häufig ihren Einsatzbereich Richtung Messe.

Boulevard der schwindenden Hoffnungen

Natürlich ist die Arbeit als Messehostess weder unseriös noch verwerflich. Sie ist nur mit der Arbeit als nicht vergleichbar. Das wird aber leider durch Agenturen oft suggeriert. Tatsächlich bekommt man keinen Job in einer Audi-Kampagne, weil man mal auf der IAA eine Woche lang Häppchen am neuen A7 gereicht hat. Nicht jede Messe und nicht jeder Kunde ist ein Hauptgewinn für die Vita. Der Großteil der Messen in Deutschland ist ein knallharter Tanz auf der Rasierklinge zwischen professioneller Höflichkeit und Hemmschwellen beim Ertragen von sexuellem Mobbing. Messebesucher, die sexy Outfits von Hostessen als Einladung zum hemmungslosen Flirten oder plumpen Berührungen verstehen, gehören zur Tagesordnung. Da landet schnell mal die Hand auf dem Po der netten Hostess und die Angebote, den Abend gemütlich bei einem schönen Essen ausklingen zu lassen, häufen sich. Von mehr Männern unsittlich angefasst wird man höchstens als Ex-Bachelor-Kandidatin bei "Promi Big Brother".

#Messeaufschrei

Die Protagonistinnen des neuen Netzfeminismus, denen bereits der Satz "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" für eine #Aufschrei-Bewegung ausreicht, fänden an nur einem durchschnittlichen Tag auf der "CeBIT", der "Boot" oder der "Essener Motor Show" Material für weitere 25 Grimmepreise. Ein Beispiel. Auch ich habe mich ein einziges Mal dazu überreden lassen, auf einer Messe zu arbeiten. Vor einigen Jahren hatte mich ein damals, vor Instagram, sehr beliebter Online-Bilderdienst für Europas größte Digital-Marketing-Messe gebucht. Meine Mitstreiterinnen und ich wurden mit einem lustigen, bauchfreien T-Shirt mit dem Bild eines süßen Hundepärchens ausgestattet, auf dem "Hübsche Möpse" stand. So viel zum Humor, den man Entscheidern im Online-Marketing zuspricht. Unnötig zu erwähnen, dass wir die Messetage primär damit verbrachten, schelmisch grinsenden Fachbesuchern aus dem Weg zu gehen, die auf unsere Brüste starrend "ja, stimmt eigentlich, hehehe" säuselten.

Bielefeld kennt in Paris keiner

Es kann aber noch schlimmer kommen. Legendär sind die Erfahrungen meiner Freundin Kaya. Kaya hatte grandioses Model-Potenzial, wechselte aber irgendwann die Seiten. Sie hatte einfach entschieden, dass es für sie bequemer war, Jobs anzunehmen, bei denen sie zwar nur ein Zehntel verdiente, für die sie aber nicht auf 20 Castings rennen und 19 Absagen erhalten müsste. Kaya hat in den letzten Jahren wahrscheinlich so ziemlich alles erlebt, was man als Messehostess durchmachen kann. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist ihr Ausflug auf eine Landwirtschafts-Messe in einem Vorort von Bielefeld. Ja, ich weiß. "Vorort von Bielefeld" hört sich bereits so an, wie ganz schlechte Horrorfilme beginnen. Irgendwo zwischen der Stadt, die es nach der Überzeugung einiger Verschwörungstheoretiker gar nicht gibt und Bad Salzuflen stand sie in einem winzigen Minikleid vor einem riesigen neuen Mähdrescher, für den sich in drei Tagen genau eine Person interessierte.

Dresche vor dem Drescher

Der Mähdrescher, so erklärte ihr ein ortskundiger Maisbauer, wäre fünf Mal so teuer wie alle Maschinen im Umkreis von 100 Kilometern zusammen und daher völlig unerschwinglich für jeden Messebesucher. Verkaufserfolge blieben also aus. Dafür erhielt sie aber eine Lektion von besitzergreifenden Dorfschönheiten, die der plötzlichen Konkurrenz als Messe-Highlight souverän mit Handtaschenklau und zerstochenen Reifen an Kayas begegneten. Eine auf dem Dorf offensichtlich völlig legitime Reaktion darauf, dass die volltrunkenen männlichen Dorfjugendlichen Kaya eindeutig für die schönste Frau der Welt hielten und sie mal mehr, mal weniger subtil für eine Heirat oder zumindest ein verruchtes, sexuelles Abenteuer auf einem der zahlreichen Dixi-Klos gewinnen wollten.

Catwalk Messestand?

Versteht mich nicht falsch - der Job als Messehostess ist grundsätzlich nicht mehr oder weniger verwerflich, als Briefträger, Pilotin, Hausfrau oder Produzentin von "Promi Big Brother" zu sein. Das Problem ist ein anderes: Viele Modelagenturen versuchen, das Manko, ihre Mädchen eher schlecht als recht lukrativen Modeljobs zuzuführen, damit zu kompensieren, ihnen Auftritte als Messehostess schmackhaft zu machen. Klar, dort wird man auch in Kleidung gesteckt und primär dafür bezahlt, gut auszusehen. Das ist dann aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Der Weg zu einer Modelkarriere führt definitiv nicht über die Messegelände der Republik. Wenn man eine wirklich gute Agentur hat, wird das auch nie ein Thema sein. Falls doch, sollte man die Agentur wechseln. Wie man eine gute Agentur findet und was eine solche Agentur ausmacht, dazu werde ich an dieser Stelle demnächst ebenfalls einige Hinweise geben.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie