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stern-Stimme Maries Modelcheck: Die zehn schlimmsten Casting-Absagen, die man als Model zu hören kriegt

Der Ton wird rauer, auch in der Modelszene. Castings werden zu Spießrutenläufen, Absagen zu Beleidigungen. Was man sich als Model alles gefallen lassen muss.

Von Marie von den Benken

Maries Modelcheck

Harte Konkurrenz, harte Worte: Models beim Casting

Das Wort, das ein Model am häufigsten hört, lautet nicht "wunderschön" oder "faszinierend", sondern: "Nein". Der Modelalltag besteht letztendlich daraus, ständig Bewerbungsgespräche zu führen. Während in den meisten Berufsgruppen auf einige wenige Bewerbungsgespräche meist ein langfristiger Job folgt, ist es für der Teil der Arbeit, der am meisten Zeit einnimmt. Man stellt sich vor und hofft auf den Job. Oft mehrmals am Tag. Dabei wird man jedes Mal für sein Aussehen, seinen Körper, seine Aura oder seine Wandelbarkeit beurteilt. Also durchaus persönliche Dinge, die man schwer in kurzer Zeit ändern kann.

Bei einem Großteil der Jobs legt man ein Ergebnis vor, das begutachtet, möglicherweise kritisiert und dann so lange modifiziert wird, bis Vorgesetzter, Chef oder Kunde zufrieden sind. Ein Model hat nur eine Chance je Casting. Ein "ach so, der Kunde möchte lieber ein Mädchen, das einen dunkleren Teint hat, dann gehe ich halt 14 Tage ins Sonnenstudio und komme dann wieder" gibt es nicht. Man passt perfekt - oder man fliegt raus. 

Lass Dich mal ordentlich f***en

So ist es dann auch kein Wunder, dass man neun von zehn Mal den Job nicht bekommt. Es gibt viel zu wenig Jobs für viel zu viele Mädchen. Auf jedes , das ein Model gewinnt, kommen 40, die es auch probiert haben und Tausende, die es erst gar nicht in die Auswahl geschafft haben. Ein "nein" ist also an der Tagesordnung. Das ist oftmals schon schwer genug. Leider kommt in unserer Branche oft noch hinzu, dass dieses "nein" nicht sehr charmant, sondern im Gegenteil sehr schroff übermittelt wird. Anstelle eines "Für dich hat es dieses Mal leider nicht geklappt, aber wir freuen uns auf das nächste Mal und alles Gute" gibt es oftmals nicht mal einen Handschlag, aber dafür einen Gesichtsausdruck, der vermittelt, dass man sich persönlich beleidigt fühlt, mit einer so miserablen Kandidatin seine Zeit verschwendet zu haben.

Die zehn schlimmsten Aussagen bei Castings, von denen ich je gehört habe, habe ich hier mal zusammengestellt.

Meine Top 10 der Casting-Absagen:

10.
"Weißt du, Verkäuferin ist auch ein guter Job. Oder Bäcker. Ich mag Bäcker. Bäcker sind wichtig."

9.
"Du weißt aber schon, dass es hier um Fashion geht? Wir brauchen Mädchen, an denen Couture nicht wie ein ausgewrungener Waschlappen aussieht!"

8.
"Du kannst mir gerne einen Latte und einen Bagel mit Creamcheese bringen. Du machst doch hier das Catering, oder? Also ein Model kannst du ja nicht sein."

7.
"Schreib mal auf, nie wieder diese Agentur. Die denken auch, sie können uns jede schicken."

6.
"Hier steht, du bist 1,83 Meter, aber du bist doch höchstens 1,72."
"1,74, aber wo steht denn 1,83?"
"Ach so, sorry, ja stimmt. Da steht 1,74. Aber dann bist du viel zu klein."
"Okay. Schade."
"Die sollen echt keine mehr schicken, die zu klein sind!"
"Aber ihr habt doch mich angefragt"
"Aber weil da steht, du bist 1,83."

5.
"Wenn Coco Chanel so ein Mädchen wie dich gesehen hätte, wäre sie wahrscheinlich Zoodirektorin geworden!"

4.
"Wenn wir mal Mode für fette Schlampen mit kaputten Haaren shooten, rufen wir dich wieder an!"

3.
"Such dir einen Freund, lass dich mal ordentlich f***en, dann lächelst du vielleicht auch mal!"

2.
"Sag mal: Hast du zu Hause ein Regal?"
"Äh ... ja?"
"Dann leg dich da rein und komm nie mehr wieder!"

1.
"Gegenüber ist eine Metzgerei, die verkaufen Gehacktes. Mit deinem Gesicht wolltest du doch bestimmt eigentlich da hin, oder?"

Drei davon habe ich übrigens persönlich zu hören bekommen, bei sieben war ich nur entsetzte Anwesende. Ihr könnt nun trefflich spekulieren, um welche drei es sich handelt. Nur ein kurzer Hinweis dazu: Als Vegetarierin war natürlich nichts dabei, was mit Metzgern zu tun hat.

Berufsbeschreibung: Erniedrigungen hinnehmen

Das sind natürlich teilweise extreme Aussagen und für jede einzelne wäre eine #Aufschrei Kampagne angebracht gewesen. Natürlich läuft nicht jede Absage so ab. Nicht bei jedem Casting gerät man in einen sexistischen, widerwärtigen, ehrenrührigen Moloch von Beleidigungen und Demütigungen. Aber es sind auch keine Einzelfälle. Es sind nicht mal Ausnahmen. Jedes Model, das seinen Beruf ernst nimmt und damit automatisch viel Zeit auf Castings verbringt, kann mehr als eine solche Geschichte berichten. Und es scheint mir so, dass der Ton sogar noch rauer wird. Es gibt immer mehr Mädchen für immer weniger gute Jobs. Und wo es mehr Auswahl gibt, gibt es auch mehr Absagen. Und gerade da muss diese Branche noch sehr viel lernen.

Es ist für ein junges Mädchen ohnehin schon nicht einfach zu verkraften, als nicht gut genug aussehend kategorisiert zu werden und darum für einen Job eine Absage zu kassieren. Immer wieder. Einhergehend mit verbalen Verletzungen, kränkendem Verhalten und diffamierenden Aussagen ist es ungleich schwerer, dabei eine gesunde Balance mit sich und seinem Körper beizubehalten. Aber das ist noch mal ein ganz wichtiges eigenes Thema, das ich in einer der kommenden Wochen noch mal ausführlich beleuchten möchte.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie 

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