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Maries Modelcheck: Luxus-Klassenfahrt nach Paris: Die Fashion Week versucht Politik

Die Fashion Week in Paris gilt als Höhepunkt des Modejahres. Unsere Autorin Marie von den Benken liebt die Atmosphäre dort und berichtet von deutlich politischeren Zeiten in der Fashionbranche.

Von Marie von den Benken

Fashion Week Paris

Das Team von Talbot Runhof bei der Fashion Week in Paris

Regen prasselt vor die bodentiefen Fenster des Hotelzimmers. Das flackernde Licht eines Alexander McQueen Flagship Stores im Haus gegenüber und eine verschlissene Chanel-Tüte, die vom Herbstwind die Rue Saint Honoré hoch getrieben wird, ist das einzige, das noch ein wenig an Haute Couture erinnert. Der Fashion-Zirkus hat Paris wieder verlassen, eine neue Saison ist abgeschlossen. Die Stadt gehört wieder den japanischen Touristen mit ihren zu großen Hermès- und Louis-Vuitton-Tüten und den Selfie-Mädchen an den Instagram-Hotspots der Stadt.

Als die Spring/Summer Saison 2018 im Juli mit der Fashion Week in Berlin begann, gab es spektakuläre neue Entwürfe von Marina Hoermanseder oder Steinrohner. Traditionell zog der Tross der Designer, Models, Fashion-Journalisten, Blogger, Influencer und Einkäufer dann weiter über London, Mailand und New York, um im Herbst in Paris seinen modischen Höhepunkt zu erleben. Erst dann nämlich greifen die Häuser in die PR- und Marketing-Folklore ein, die mittlerweile um die Fashion Week gemacht wird, die junge Mädchen auf der ganzen Welt sehnsuchtsvoll mit dem Eiffelturm und eleganten Abendkleidern verbinden: Chanel, Dior, Balmain, Saint Laurent, Givenchy oder Chloé. So endet der Mode-Tsunami stets zwischen dem Arc de Triomphe und dem Place de la Bastille, nachdem er seine Schneise erst durch die Modemetropolen Europas und dann durch die Scheckbücher russischer Milliardärs-Gattinnen gezogen hat.

Alt und Neu, Tradition und Trend

Dort mischen sich die Kollektionen der Traditionshäuser im Blitzlichtgewitter der Modefotografen und Paparazzi mit den großen Namen der Vergangenheit, deren einstige Strahlkraft etwas verblasst ist. Etwa Thierry Mugler oder Valentino. Sowie mit neuen Trendlabels wie Acne Studios oder Off-White und den jungen wilden der Belle Etage der Haute Couture wie Stella McCartney. Auf den Straßen und Boulevards, in den Parks und den Cafés sieht man große, dünne Mädchen aus der ganzen Welt von Show zu Show eilen, Fotos für ihre Social Media Kanäle machen oder mit einem Soja Latte die Strapazen und Enttäuschungen von 50 Castings ohne Job abschütteln. Street-Style-Fotografen streifen eilig von Location zu Location, um die teilweise außergewöhnlich aufwändigen Styles der Fashion Week Besucher abzulichten und als erste über einen der unzähligen Modebloggs für alle die Modeverrückten in die digitale Modewelt zu schicken, die es nicht nach geschafft haben diesen Herbst.

Mode als Gesamtkunstwerk

Neben den Topmodels, die sich in Paris während der Modewoche wie auf einer großen Luxus-Klassenfahrt auf Shows, Backstage, in den Lobbys der 5-Sterne-Hotels und den In-Restaurants zusammenfinden, den Top-Designern und den A- bis Z-Promis, die sich in den Front Rows der Shows tummeln, sind die Stylisten, Make-Up-Artists und Hair-Dresser die heimlichen Stars der Fashion-Festspiele an der Seine. Die meisten Designer haben Kooperationen mit großen Beauty-Häusern, deren Top-Stylisten mit ihren Teams ihre neuen Kollektionen dadurch für Weltpresse und Laufsteg abrunden, dass sie mit den richtigen Schmink- und Frisuren-Konzepten den Look und die Philosophie der Designer vom Outfit auf das Model übertragen und es somit zu einem einheitlichen Gesamtkunstwerk verlängern.

Nobi Talai Lama

Die Berliner Designerin Nobieh Talaei setzt mit ihrem Label Nobi Talai beispielsweise auf das Team von La Biosthétique Paris. Angeführt von Steffen Zoll, einem deutschen Wahl-New Yorker, der als Make-up Artist seit mittlerweile 20 Jahren das Geschäft nicht nur kennt, sondern mitbestimmt, übernimmt eine Heerschar von Beauty-Experten das Kommando im Backstage-Bereich zur Nobi Talai Fashion Show für die neue "NT.05 Spring/Summer" Kollektion und bereitet jedes Model liebevoll und akribisch für ihre wenigen Augenblicke auf dem Laufsteg vor. Das Geheimnis der Schönheit liegt oft auch im richtigen Make-Up. Und da habe ich Superprofi Steffen Zoll für uns Normalsterbliche einen exklusiven Insider-Tipp aus den Styling-Rippen geleiert: "Man sollte jedes Make-up mit etwas Capsule Hydratante und dem Elixir Vitalité beginnen. Durch die Hyaluronsäure wird die Haut glatt und strahlend und man kann sie perfekt vorbereiten. Ich sage immer: The Make-up is only as good as the surface is."

Anders als Donald Trump: Blumen lügen nicht

Insgesamt gaben die wenigen deutschen Labels, die es auf die bedeutendste Fashion Week der Welt, nach Paris, geschafft haben, eine hervorragende Visitenkarte ab. Das Münchener Designer-Duo Talbot Runhof setzt dabei ein besonderes Ausrufezeichen. Noch während der Fall/Winter Shows Anfang des Jahres hatten sie bereits eine dunkle, düstere Kollektion auf den Laufsteg gebracht. Als eine Art Vorahnung auf die Apokalypse, die der Weltpolitik durch den gerade als US-Präsidenten vereidigten Donald Trump bevorstehen würde. Und das völlig unverschleiert oder subtil. Es gab sogar Statement-Pieces mit den Slogans "Unpresideted", "Lie to Me" oder "Sad!" – eine eindeutige Botschaft Richtung Trump.

Diese Saison haben sie die Enttäuschung und die Wut über diese politischen Entwicklungen wieder verarbeitet, aber sie dabei in Positivität und Lebensfreude umgewandelt. Die eigentliche Antwort auf die schlimmen Dinge in der Welt ist vielleicht: Schönheit und Lebensfreude. Ihre Spring/Summer 2018 Kollektion ist ein Potpourri aus bunten, fröhlichen Farben und jeder Menge Blumen. Ein Hauch 70er weht durch den Palais des Beaux Arts am Rive Gauche, als Adrian Runhof und Johnny Talbot ihre "Flowers Never Fail You"-Kollektion vor den Augen von "Vogue"-Chefredakteurin Christiane Arp und unzähligen Influencern in der Front Row erstmals präsentieren.

Mode ist nicht Politik. Oder doch?

Insgesamt ist Mode politischer geworden. Schon 2014 inszenierte das Chanel-Genie Karl Lagerfeld die Show auf der Fashion Week Paris als eine Protest-Demonstration für Feminismus, auch wenn die Aussage durch die hochbezahlten Topmodels auf dem Laufsteg, von denen die meisten mittlerweile Multimillionärinnen durch das Zur-Schau-Stellen ihrer Körper sind, vielerorts belächelt wurde. Dior zog mit der "We Should All Be Feminists" Kampagne nach. Das Trend-Label LRS Studio schickt Models mit Slips auf den Laufsteg, auf denen "Fuck Your Wall" gedruckt ist. Raf Simons eröffnete und schloss die Show seiner ersten Kollektion für Calvin Klein mit dem David Bowie Klassiker "This Is Not America". Der Designer Jeremy Scott etablierte T-Shirts, auf denen die Telefonnummern von Kongressabgeordneten zu lesen waren. Er wollte sein Publikum damit dazu aufrufen, sich politisch bei den von ihnen gewählten Repräsentanten zu äußern und ihre Meinung mitzuteilen.

Heal The World With Fashion

Wenn man eine Stimme hat, die gehört wird, sollte man sie nutzen. Und was hat in diesen Zeiten eine lautere Stimme, als die Protagonisten der -Szene? Topmodels, Designer und Fashion-Influencer vereinen mittlerweile eine höhere Reichweite, als alle großen Printmagazine zusammen. Und sie beginnen, sich zu äußern. Sogar im Epizentrum der Mode – auf den Fashion Weeks. Ich finde das grandios. Ich bin eine absolute Gegnerin der Meinung, dass sich die Modebranche darauf besinnen sollte, das zu sein, was sie am besten kann: Schöne Dinge kreieren. Im Gegenteil. Man kann die schönen Dinge auf der Welt, sei es nun ein Balenciaga-Kleid oder eine Sonnenblume, nur dann wirklich genießen, wenn man weiß, dass man seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die Welt womöglich wieder ein Stückchen besser wird. Jemand, dem die Welt, seine Mitmenschen oder die Zukunft unserer Erde weitestgehend egal ist, der wird auch mit 5000 Designer-Kleidern nicht glücklich werden.

In sofern bin ich sogar ein bisschen stolz auf meine Branche, die so langsam, aber dafür sehr laut, beginnt sich gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu positionieren. Meine Vorfreude auf die nächste Fashion Week Saison, die im Januar 2018 in beginnen wird, ist daher größer denn je.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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